Reise und Lebensart

Auf Whisky-Wallfahrt

Unterwegs zu paradiesischen Genüssen in Schottland. Von Wolfgang F. Rothe
Missionare besitzen nützliches Wissen wie die Kunst der Destillation.
Foto: fotolia.com | Um den Menschen auf ihren Reisen zu beweisen, dass Gott es gut mit ihnen meinte, vermittelten Missionare so manches nützliche Wissen wie die Kunst der Destillation.

In den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist in bestimmten kirchlichen Kreisen viel darüber diskutiert worden, welches die beste, weil angemessenste Haltung sei, in der ein Christ Gott gegenübertreten sollte: das demütige Knien oder das aufrechte Stehen. Mancherorts wurde diese leidige Diskussion dadurch befeuert, dass man meinte, auf das Knien (und infolge dessen auch auf Kniebänke in den Kirchen) gänzlich verzichten zu können. Diskussionen solcher Art gehören, Gott sei Dank, längst der Vergangenheit an. Im konkreten Fall ist dies umso erfreulicher, als die ursprünglichste und zielführendste Weise der Gottesbegegnung der Christen ohnehin eine andere ist: das Gehen nämlich – genauer ausgedrückt: das Unterwegssein.

Jesus selbst war zeitlebens viel unterwegs. Noch im Schoß seiner Mutter machte er sich auf den Weg zu Elisabeth und später nach Bethlehem, floh mit seinen Eltern als Kleinkind nach Ägypten, begleitete sie als Zwölfjähriger auf ihrer Pilgerfahrt nach Jerusalem, wohin ihn nach seiner dreijährigen Mission als Wanderprediger auch seine letzte Reise führte. Nach seiner Auferstehung machten sich die Apostel, seinem Beispiel und Auftrag folgend, gleichfalls auf den Weg, den Glauben pilgernd zu verkünden – und seither unzählige weitere Glaubensboten. Ohne ihre Bereitschaft aufzubrechen, Vertrautes und Gewohntes hinter sich zu lassen, sich in die Fremde hinauszuwagen, hätte die Kirche niemals zur Weltkirche werden können.

Im fünften Jahrhundert gelangte der christliche Glaube auf diese Weise auch nach Irland und, rund ein Jahrhundert später, nach Schottland. Der aus heutiger Sicht betrachtet fast unglaubliche Erfolg von Missionaren wie dem heiligen Patrick, dem Patron Irlands, und dem heiligen Kolumban, der im Jahr 563 auf der kleinen Hebrideninsel Iona ein Kloster gründete, um von dort aus den Glauben in Schottland zu verkünden, beruhte freilich nicht allein auf frommen Worten. Um den Menschen, denen sie auf ihren Missionsreisen begegneten, deutlich zu machen, dass Gott es gut mit ihnen meint, vermittelten sie ihnen nämlich auch so manches nützliche Wissen und allerhand das Leben erleichternde praktische Fertigkeiten.

Dazu gehörte auch die Kunst der Destillation. In Ermangelung anderweitiger medizinischer Infrastruktur gab es in den iro-schottischen Klöstern nämlich fast immer auch eine Krankenstation, in der man hochprozentigen Alkohol zur Herstellung medizinischer Tinkturen benötigte. Als Basis dafür diente anfangs teuer und aufwändig importierter Wein. Als man später darauf kam, dass das Ganze auch mit vergorener Getreidemaische, also de facto mit Bier, funktioniert, stellte dies eine erhebliche Erleichterung dar. Denn Bier wurde in den meisten Klöstern ohnehin produziert. Man brauchte es, damit die Mönche vor allem während der langen und strengen Fastenzeiten bei Kräften blieben und ihrer Arbeit nachgehen konnten.

Der uralten Verbindung zwischen der Spiritualität der iro-schottischen Klöster und jener Spirituose, die aus vergorener Getreidemaische hergestellt und heute Whisky genannt wird, kann man in Schottland noch vielerorts nachspüren. Ein gutes Beispiel dafür ist Pluscarden Abbey, das einzige noch – genauer ausgedrückt: wieder – existierende schottische Benediktinerkloster. Wie alle anderen Klöster in Schottland war Pluscarden Abbey infolge der Reformation aufgelöst und zerstört worden. Die Ruinen des Klosters kamen aber im 19. Jahrhundert in den Besitz eines Adeligen, der kurz zuvor zur katholischen Kirche konvertiert war. Dessen Sohn schenkte es 1943 den Benediktinern des englischen Klosters Prinknash.

Bei den Benediktinern von Prinknash handelt es sich um eine Gemeinschaft, die ursprünglich in der anglikanischen Kirche beheimatet war und 1913 geschlossen zur katholischen Kirche übertrat. 1948 kamen die ersten Mönche von Prinknash nach Pluscarden und begannen damit, die Klosterruinen wieder aufzubauen. Die Gemeinschaft wuchs und festigte sich rasch, so dass das Kloster 1966 seine Unabhängigkeit erlangte. Nach der Wiederherstellung von Altarraum und Mönchschor konnte die Klosterkirche 2015 neu geweiht werden. Von dieser bewegten, teils auch dramatischen Geschichte bemerkt man freilich wenig, wenn man das wenige Kilometer südlich der Kleinstadt Elgin in einem friedlichen Tal gelegene Kloster aufsucht.

Auf dem Weg dorthin passiert man gleich zwei der nicht weniger als acht Whisky-Destillerien, die in der näheren Umgebung von Elgin betrieben werden. Eine davon ist die Miltonduff Distillery, die sich der Überlieferung nach an der Stelle befindet, an der sich im Mittelalter das Brauhaus des Klosters Pluscarden befand. Ein Hinweis auf den klösterlichen Ursprung dieser Destillerie findet sich bis heute auf vielen der Flaschen, in denen der dort produzierte Whisky abgefüllt und vertrieben wird. Ein weiteres Beispiel für die enge Verbindung zwischen der Spiritualität der iro-schottischen Klöster und der Spirituose Whisky bilden die etwa fünfzig Kilometer nördlich der schottischen Hauptstadt Edinburgh gelegenen Ruinen des Klosters Lindores.

Ein Mönch dieses Klosters war es, auf den die älteste erhaltene urkundliche Erwähnung schottischen Whiskys zurückgeht. Wie man in den Unterlagen der königlich-schottischen Steuerbehörde nachlesen kann, begab sich Bruder John Cor im Jahr 1494 in die nicht weit von Lindores entfernte Kleinstadt Dunfermline, um dort etwa 500 Kilogramm Gerstenmalz zu kaufen, und zwar „ad faciendum aqua vitae“ – zu Deutsch: um daraus „Wasser des Lebens“ herzustellen. Der aus der gälischen Sprache stammende Begriff „Whisky“ bedeutet nämlich übersetzt „Wasser des Lebens“; er stammt ursprünglich aus der Bibel und erinnert daran, dass das Destillat aus vergorener Getreidemaische einst vor allem zu medizinischen Zwecken verwendet wurde.

Fasziniert von diesem uralten Zusammenhang zwischen Spiritualität und Spirituose ließ der heutige Besitzer der Ruinen von Lindores Abbey im Jahr 2016 an der Stelle des heute vollständig verschwundenen Wirtschaftshofs des Klosters eine neue Whisky-Destillerie errichten. Bei deren Bau hat man sich ganz bewusst an der Architektur mittelalterlicher Klöster orientiert und auch etliche architektonische Fragmente des alten Klosters wiederverwendet, die im Zuge der Bauarbeiten gefunden wurden. Bis man sich am „Wasser des Lebens“ aus dessen „spiritueller Heimat“ laben kann, muss man sich allerdings noch ein Weilchen gedulden, da das Destillat mindestens drei Jahre reifen muss, um als Whisky abgefüllt werden zu dürfen.

Solche Orte sind nur zwei Beispiele für die uralte Verbindung zwischen Spiritualität und Spirituose, die man in Schottland noch allenthalben erleben kann. Um diesen Zusammenhang zu erleben, muss man aber nicht unbedingt nach Schottland reisen. Es genügt bereits, sich bei einem guten Glas schottischen Whiskys auf eine, und zwar im doppelten Sinn, spirituelle Reise zu begeben. Mit einem Schluck schottischen Whiskys im Glas ist man nämlich so gut wie dort, wo er herstammt: Denn Whisky ist Schottland in destillierter Form, ist gleichsam die Essenz seiner atemberaubenden Landschaft, seiner bewegten Geschichte, seiner einzigartigen Kultur und nicht zuletzt auch seiner zeitlosen, bis auf das iro-schottische Mönchtum zurückreichenden Spiritualität.

Wolfgang F. Rothe ist Theologe und Kirchenrechtler. Von ihm erschienen ist das Buch „Whisky-Wallfahrten: Ein spiritueller Reiseführer durch Schottland“. EOS Verlag; 192 Seiten; EUR 19,95

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