Helgoland

Zur Messe mit dem Ferienpriester

Eine Oase der Ruhe und Kraft mitten in der Nordsee: Wie sich Katholiken auf der Nordseeinsel Helgoland mit einem Priester für die sommerliche Ferienzeit ihren Traum erfüllen.

Urlaubspfarrer
Pfarrer Walter Kreutzberg mit Stefanie Queren und Günter Barten (links) vom Gemeindeteam St. Michael. Foto: Enric Boixadós

Deutschlands einzige Hochseeinsel war und ist Corona-frei. Bis heute. Die strikten Vorschriftsmaßnahmen beginnen schon während der Überfahrt. Gerade in einer Zeit, in der sich Urlaub vor allem in der Heimat abspielt, ist Helgoland so beliebt wie nie.

Laut Mythologie befand sich im Jahr 1 200 v. Chr. die sagenumrankte Königsinsel Atlantis in Sichtweite, die schließlich im Meer versunken sein soll. Knapp 2 000 Jahre später, 700 n. Chr. berichtete der Heilige Willibrord, Bischof von Utrecht, über das „Land der friesischen Gottheit Fosite“ und den vergeblichen Versuch einer Christianisierung seiner Bewohner. Gemeint war ein von Wellen umtoster Buntsandsteinfelsen mitten in der Nordsee.

Heute gibt es eine evangelische Pastorin und einen katholischen „Ferienpriester“, Kriegshistorie in unterirdischen Bunkern, unzählige auf den Klippen brütende Basstölpel sowie Lummen-Meeresvögel, deren Nachwuchs sich todesmutig und flugunfähig in die rauen Wogen stürzt. All das gehört zu den Besonderheiten eines Urlaubs auf Helgoland.

Seemannsmission für alle

Das Abenteuer Hochsee beginnt bereits in Hamburg, sogar ganz standesgemäß, mit der Übernachtung in einer ehemaligen Seemannsmission. Ab Mitte der 1950er Jahre bot die „Stella Maris“, wie die 3-Sterne-Herberge heute heißt, katholischen und evangelischen Kapitänen, Offizieren, Matrosen und Reisenden, wie auch jenen, die keine Heimat im christlichen Glauben fanden, einen sicheren Hafen. Noch heute erinnern maritime Relikte aus der Seefahrt in der Herberge an frühere Zeiten. Ältere Reisende kommen nicht umhin, dabei sehnsüchtig an die Hits von Hans Albers und Freddy Quinn zu denken.

In unmittelbarer Nähe des Hotels liegt der Halunder Jet jeden Morgen an den Landungsbrücken. Knapp vier Stunden sind es bis zum Urlaubsziel. Diejenigen, die als Kind auf Helgoland waren, erinnern sich mit Grauen an die Übelkeit in kleinen Kähnen. Heute gehört das der Vergangenheit an, denn die Größe des Katamarans garantiert eine angenehme Fahrt.

Ehrenamt auf der Hochseeinsel

Pfarrer Walter Kreutzberg genießt die Vorfreude auf einige Wochen Ehrenamt auf Deutschlands einziger Hochseeinsel. Erwartungsvoll steht er an Steuerbord des Schiffes und blickt auf die roten Felsen, die immer näherkommen. Als katholischer Geistlicher und Ruheständler verbringt er bereits den dritten Sommer in der Pfarrei St. Michael, das dem Dekanat Itzehoe im Erzbistum Hamburg untersteht. Seine Urlaubstätigkeit bereut er bis heute nicht. „Auch hat sich die katholische Gemeinde bis jetzt nicht über mich beschwert“, schmunzelt er. In der Tat, die rund 140 Männer und Frauen starke Gemeinde lieben ihren Geistlichen. Unterstützt wird der Chemnitzer, der dem Bistum Dresden-Meißen angehört, von einem ansässigen Gemeindeteam. Zu ihm gehört Gunter Barten, ein Zugezogener. „Ich war Allergiker, doch seitdem ich auf Helgoland lebe, bin ich gesund.“

Mit einem Angelurlaub fing alles an. „Nach zwei Tagen waren meine Beschwerden weg“, sagt der gebürtige Kölner. Vor 26 Jahren kam der heute 77-jährige Schmiedemeister auf die Insel. Und ist geblieben. Seitdem engagiert er sich genau wie Stefanie Queren und Gudrun Zandt in der katholischen Gemeinde. „Seitdem vor ein paar Jahren unser Ortspfarrer verstorben ist, haben wir nur noch katholische Gastpriester. Doch auch Ordensschwestern sind willkommen. Sie bieten Andachten, Gespräche und Abendgebete an“, sagt die Kindergärtnerin. Als das erzbischöfliche Ordinariat Hamburg einst einen Urlaubspriester für Helgoland suchte, überlegte Pfarrer Kreutzberg nicht lange.

„Die Atmosphäre einer Insel mitten in der Nordsee, die Menschen selbst und das Klima: Einfach toll!“ Die Messe ist am Sonntag um 10 Uhr. Neben den Insulanern nehmen auch immer wieder Urlauber teil. Die katholische Gemeinde St. Michael ist eine der kleinsten in Deutschland.

Der Urlaubspfarrer wurde in Dresden geweiht

Pfarrer Kreutzberg wurde 1970 in der Kathedrale zu Dresden zum Priester geweiht. „Dann wurde ich erst einmal durch das Bistum geschleift und predigte in vielen Gotteshäusern“, schmunzelt der 78-Jährige. Schließlich war er Pfarrer an der Maria Rosenkranzkönigin-Kirche im vogtländischen Klingenthal. Rund 20 Jahre diente er der katholischen Gemeinde in dieser sächsischen Kreisstadt nahe der Grenze zu Tschechien. Repressalien seitens des DDR-Regimes hätte er keine gehabt. „Obwohl meine Stasi-Akte so dick war“, sagt er und deutet den Inhalt mit Zeigefinger und Daumen an. „Beträchtlich. Doch ich habe mich nicht unterkriegen lassen und Paroli geboten. Ich denke, je offener man damals sein Christsein lebte, umso mehr wurde man beachtet, aber auch geachtet und respektiert“, vertritt er seine Meinung. Heiße Diskussionen hätte es mit Vertretern des Staates häufig gegeben, doch „sie haben mich nicht überzeugt, und ich konnte sie nicht überzeugen!“ Gut fand er, dass das Regime das Gespräch mit ihm suchte, auch wenn es letztendlich oft kontrovers verlief.

Bomben der Engländer

Viel mehr möchte der Ferienpriester dazu nicht sagen. Lieber redet er von heute und lässt die Vergangenheit ruhen. „Wenn ich zuhause gebraucht werde, mache ich noch kirchliche Dienste in der Chemnitzer Propsteikirche St. Johannes Nepomuk.“

„Wir sind froh, dass wir Pfarrer Kreutzberg hier haben“, betont Barten. Die Geschichte der katholischen Kirche auf Helgoland ist einzigartig. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts zog es europäische Sommerfrischler auf die Felsen. „Es kamen auch katholische Reisende und Soldaten, die hier ihren Glauben leben wollten. Die erste katholische Kapelle wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Nachweislich gab es 1929 die ersten katholischen Priester auf Helgoland.“

Besondere Beisetzungsrituale auf Helgoland

Ein englischer Fliegerangriff zerstörte 1945 das Eiland fast völlig. Beim Wiederaufbau ab 1952 wurde eine katholische Kirche für die kleine Gemeinde nicht mit eingeplant. Vielmehr wurden später in der evangelischen St. Nicolai-Kirche und auch in der Privatwohnung eines Bäckermeisters Messen gehalten. Doch die Rufe nach einem eigenen katholischen Gotteshaus mehrten sich. 1970 wurde schließlich St. Michael geplant und ein Jahr später eingeweiht. Die Katholiken von Helgoland hatten wieder ein eigenes Domizil. Einer ihrer Bräuche sieht vor, beim Tod eines Einwohners die Kirchenglocken läuten zu lassen. Die als Ringeln bezeichnete Tradition veranlasst ein Verwandter des Verstorbenen. Außerdem wird am Tag der Beisetzung die Inselflagge am Rathaus auf Halbmast gesetzt. Doch es gibt noch weitere, ganz besondere Gewohnheiten auf Deät Lun, wie die Insel auf Helgoländisch heißt. Vor einer Taufe versammeln sich Kinder in Inseltracht zu einem Taufumzug. Mit dem Täufling an der Spitze tragen sie silberne Becher mit Wasser in die Kirche und füllen damit das Taufbecken. Danach geht es zurück ins Haus des Täuflings zu Butterkuchen und gekochtem Rotwein. Später wird gemeinsam gespielt. Jedes Neujahr, dem „Wenskedai“, treffen sich vormittags die Kinder und nachmittags die Männer und die unverheirateten Frauen, um den verheirateten Inselbewohnerinnen ihre Aufwartung zu machen und mit den helgoländischen Worten „ik wenske di en freeliges Naidjooar, Sinhait, Glik en Seägen en dat‘ et di altids wel gung mai“ ein glückliches Neues Jahr zu wünschen.

Ausflug ins Naturschutzgebiet

Nach zehn Minuten mit dem Motorschiff erreicht man „Die Düne“, Helgolands Naturschutzgebiet. Ein paar bunte Ferienhäuser erinnern an Astrid Lindgrens Bullerbü, außerdem gibt es Schlafstrandkörbe, einen winzigen Flugplatz und lange Strände, wo sich Robben und Seehunde im Sand aalen. Der Naturlehrpfad führt den Besucher zu einem ganz besonderen Kleinod, nämlich dem „Friedhof der Namenlosen“. Der Blick schweift über die Gedenksteine und schlichten Holzkreuze hinaus aufs offene Meer. Die Friedhofsglocke darf jeder läuten. Aber nur ein Mal. Nach der Freigabe Helgolands durch England gelangte sie 1952 auf die Insel zurück und ehrt seitdem die auf dem Meer verstorbenen Unbekannten. Vermutungen legen nahe, dass der Friedhof im 19. Jahrhundert für aus der See angespülte anonyme Tote angelegt wurde. Ein Gedenkstein erinnert an die Opfer der Seeschlacht von 1864 zwischen Preußen, Österreich und Dänemark.

Die Magie von Helgoland lässt sich schwer in Worte fassen. Ist es die reine Luft, das saubere Meer, der 61 Meter hohe Sandsteinfelsen mit seiner Langen Anna oder die an das Kliff peitschenden Wellen? Jeder Besucher wird eine andere Geschichte erzählen können. Gemein wird allen Erzählungen nur sein, dass keine andere Insel mit Helgoland vergleichbar ist.

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