Wallfahrt

Wo die Neuevangelisierung beginnt

Tempzin in Mecklenburg-Vorpommern war während des Hoch- und Spätmittelalters eine bedeutende Wallfahrtsstätte. Heute wirkt die alte Klosteranlage verwaist. Anders ist die Situation im südlich gelegenen Ludwigslust – dort blüht das geistliche Leben.

Jahresrückblick 2016 - Mecklenburg-Vorpommern
In der Schlosskapelle von Ludwigslust begann vor 200 Jahren die Wiederbelebung des katholischen Lebens im protestantischen Mecklenburg. Foto: Jens Büttner-dpa
Spätgotische Klosterkirche Tempzin (Mecklenburg-Vorpommern)
Der spätgotische Backsteinbau der alten Klosterkirche von Tempzin ist eine der größten „Landkirchen“ Mecklenburgs. Foto: Udo Kruse - Adobe Stock

Hoch ragt das Portal des spätgotischen Backsteinbaus der alten Klosterkirche von Tempzin auf. Sie ist heute vermutlich eine der größten „Landkirchen“ Mecklenburgs und zeugt zugleich von ursprünglich 60 Klöstern, die es bis zur sogenannten „Einführung der Reformation“ in Mecklenburg-Vorpommern noch bis zum Jahr 1550 gegeben hat. Die alte Klosterkirche zeugt von der großen, einstigen Bedeutung Tempzins als Wallfahrtsort des Hoch- und Spätmittelalters.

Dort am Rande der Schweriner Seen gründeten Mönche des Antoniterordens, benannt nach dem „Wüstenvater“ Antonius dem Großen (251-356), eine zunächst kleine Niederlassung ihres Mutterklosters in Grünberg (heute Polen). Am Ort einer heilkräftigen Quelle widmeten sie sich dem Heilungsgebet und der Pflege von Kranken. Der Ruf, dass die Mönche die Vergiftung durch den Getreidepilz „Mutterkorn“, das sogenannte „Antoniusfeuer, behandeln oder heilen konnten, machte den Ort berühmt.

Schnell gewann das Antoniter-Kloster an überregionaler Bedeutung. Aus ganz Nordeuropa wallfahrteten die Menschen nach Tempzin. Auch die heilige Birgitta von Schweden übernachtete im Jahr 1341 dort, als sie nach Rom pilgerte, um dort die Gründung des Birgitten-Ordens zu bewirken. Im 15. und im 16. Jahrhundert erlebte das Kloster eine Blütezeit und konnte selbst zum Mutterhaus für neue Gründungen in Schleswig-Holstein (Mohrkirch), Südschweden (Ramundeboda), Dänemark (Prästö), Norwegen (Nonnesetter bei Bergen) und in Polen (Frombork) werden. Erst die Reformation machte der blühenden Präzeptorei St. Antonius von Tempzin wie allen anderen Klöstern und Stätten des Gebetes, der Kultur und der Krankenpflege in Mecklenburg-Vorpommern den Garaus.

Verwaiste Anlage

Heute wirkt die alte Klosteranlage in Tempzin verwaist. Die Gebäude sind dank aufwändiger Renovierungen in den letzten Jahrzehnten, auch mit Mitteln der Stiftung Denkmalschutz, in einem guten Zustand. In der großen Klosterkirche, heute von der Ev.-Luth. Nordkirche verwaltet, finden nur noch an besonderen Tagen Gottesdienste statt. Die von außen so perfekt renovierte Kirche wirkt, besichtigt man sie innen wie ein unaufgeräumtes und geistlich leeres Haus.

In den Nebengebäuden der Klosterkirche wurde 1994 das „Pilgerkloster Tempzin“ gegründet, eine ökumenische Einrichtung. Hier sollte sich eine klösterliche Gemeinschaft bilden, die auch Pilgern und Wanderern im Sommer und zu besonderen Einkehrtagen Gästezimmer anbieten wollte. Trotz mancher Bemühungen ist diese klösterliche Gemeinschaft bislang noch nicht entstanden, obwohl dieser Ort auf Grund der geistlichen Geschichte und der vorhandenen Gebäude ausgesprochen so gute Voraussetzungen bieten würde.

Auf eine ganz andere Situation, nämlich eines blühenden geistlichen Lebens, trifft der Reisende in Ludwigslust, einer alten herzoglichen Stadt. Unweit der heutigen Autobahn zwischen Hamburg und Berlin begann schon vor 200 Jahren eine Wiederbelebung des katholischen Lebens im protestantischen Mecklenburg schon vor rund 200 Jahren. Unter dem Schutz des Herzogs Ludwig durften sich Katholiken zur Feier des Heiligen Messe in der Schlosskapelle versammeln. In der katholischen Edith-Stein-Gemeinde stößt der Besucher auf ein lebendiges Gemeindeleben. Vier Priester, darunter ein Zisterziensermönch aus Heiligenkreuz im Wienerwald, wirken in der Pfarrgemeinde, die unlängst mit drei Nachbargemeinden zu einem „Pastoralen Raum“ fusioniert wurde.

24 Stunden beten

Zwei Schwestern des Ordens Unserer Lieben Frau (SND) dienen den katholischen Gemeindemitgliedern und den mehrheitlich ungetauften Menschen in Stadt und Land. In der Marienkapelle der Ordensschwestern, in einem Hinterhof gelegen, begannen die Schwestern vor knapp einem Jahr ein aufregendes Experiment. Auf Anregung von Papst Franziskus, der am 4. Fastensonntag 2020 zu einem 24-stündigen Gebet aufrief, sahen sich die Schwestern M. Thaddäa und M. Margreth, zusammen mit Monika Gaberle, der Sprecherin des „Gemeindeteams“ (früher Pfarrgemeinderat), aufgerufen, die Idee einer 24-stündige Anbetung vor dem Allerheiligsten in die Tat umzusetzen. Zufälligerweise fiel der Termin im letzten genau auf den 20. - 21. März, somit auf den Beginn der Corona-Krise und des ersten Lockdowns.

Was in Ludwigslust nach diesem Aufruf passierte, erstaunt die Initiatoren bis heute. Junge und ältere Mütter mit ihren Kindern, Berufstätige und Rentner, Ehepaare, Pfarrer und Mönch, sogar Christen aus den Nachbargemeinden folgten dem Aufruf zum eucharistischen Gebet: Die Nachtstunden von Mitternacht bis drei Uhr morgens seien bei den Betenden sogar besonders beliebt gewesen, erfuhr die Tagespost bei einem Besuch.

Nach dem geglückten Anfang im März 2020, beschlossen die Initiatoren das 24-Stunden-Gebet an jeden Freitag von 10 Uhr morgens bis zum folgenden Samstagmorgen fortzusetzen. Würden weiterhin Christen kommen, war die spannende Frage? Das Wunder geschah. In den letzten elf Monaten fanden sich immer Beter, die sich von Freitag- bis Samstagmorgen stündlich in der Kapelle abwechselten, sodass die „Kette der Beter“ in der Marienkapelle nie unterbrochen wurde.

Wiederbelebende Nachfrage nach dem Beichtsakrament

Viele derjenigen, die zum Mitbeten gekommen seien, hätten die eucharistische Anbetung ganz neu für sich entdeckt, schilderten Teilnehmende gegenüber der Tagespost. Sie würden die Zeit des Gebetes nicht mehr missen mögen. Sie fühlten sich von Jesus berührt und angezogen, fänden zur Ruhe und einem inneren Frieden. Vor dem Heiland und Allerheiligsten könnten sie ihre Sorgen und Anliegen loswerden werden. Pater Dominicus OCist, ein Mönch des bekannten Klosters in Heiligenkreuz im Wienerwald, berichtete von einer sich wiederbelebenden Nachfrage nach dem Beichtsakrament. Katholiken, die zum Beten gekommen seien, hätten wieder in größerer Zahl um die Versöhnung mit Gott gebeten und sie erhalten.

Alles also Zeichen, dass im geistlich „trocken“ Mecklenburger Land die oft vermisste Neuevangelisierung schon begonnen hat? Wie viele Beispiele aus der Kirchengeschichte lehren, begann eine wirkliche und effektive Mission oft sozusagen „auf Knien“, wenn Christen zusammenkamen, um auf Gott zu hören, den Höchsten zu loben und anzubeten. Dass ein solches Beten wie zu allen Zeiten auch auf starke (innerkirchliche) Widerstände stoßen kann, erleben die Christen in Ludwigslust derzeit. Frohgemut sehen sie es als göttliche Zeichen der Echtheit eines vom Geist Gottes gewirkten Aufbruchs.

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