Sasbachwalden

Wo der „Alde Gott“ ein Weinberg ist

Stille Zeugnisse tiefer Frömmigkeit in Krisen-Zeiten: Bildstöckel im badischen Sasbachwalden.

Bildstock
Bildstock "Alde Gott" im Schwarzwalddorf Sasbachwalden. Foto: Felder

Wir alle haben es gerade infolge der Corona-Pandemie wie in einem Albtraum erlebt: die totale Leere, den gesellschaftlichen Stillstand, die menschenleeren Innenstädte. Solche surrealen und doch sehr realen Situationen waren den Menschen vergangener Jahrhunderte in Kriegs- und Krisenzeiten noch viel vertrauter als uns. So erzählt eine Legende, dass die ganze Gegend im nördlichen Schwarzwald nach dem Dreißigjährigen Krieg so entvölkert war, dass man viele Kilometer weit keinen Menschen mehr fand. Da kam ein junger Mann des Weges und suchte sich eine Lebensgefährtin. Nach einer langen Wanderung traf er auf einem Hügel beim Dorf Sasbachwalden ein Mädchen, bei dessen Anblick er dankbar ausrief: „Der alde Gott lebt noch!“ Die beiden heirateten bald darauf und ließen sich in der Gegend häuslich nieder. Auf dem Platz aber, wo sie zum ersten Mal zusammengetroffen waren, ließen sie zur Erinnerung an ihre erste Begegnung ein Bildstöckchen mit der Inschrift „Der alde Gott lebt noch“ errichten.

Golddorf Sasbachwalden

Ob Wahrheit oder Legende – das ist jedenfalls die Entstehungsgeschichte des bekanntesten Bildstocks in dem Blumen- und Weinort, der 1967 beim Bundeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ die Goldplakette gewann und für viele das schönste Dorf des Schwarzwalds ist. Seit der schicksalhaften Begegnung der beiden jungen Leute wurde das Bildstöckel immer wieder erneuert, und so steht auch heute noch eines mit derselben Inschrift am alten Platz, an dem die meisten Wege durch die Sasbachwaldener Weinberge sich kreuzen. Aber damit nicht genug, hat dieses berühmte Bildstöckel einer ganzen Weinberglage ihren Namen gegeben: Bei Kennern ist der liebliche Sasbachwaldener „Alde Gott“ weit über die Grenzen Badens hinaus ein Begriff. Diese Benennung unterstreicht die volkstümliche, naturnahe Frömmigkeit, die sich in den Bildstöcken ausdrückt. Sie stehen für einen konkreten Glauben, eine im normalen Leben fühl- und fassbare Nähe zu Gott, dem man am Rande seines täglichen Weges begegnet. Auch die 1948 gegründete Winzergenossenschaft, der 410 private Mitgliedsbetriebe angehören, trägt selbstverständlich den Herrgott im Namen. Zahlreiche Auszeichnungen bei Prämierungen auf Bundes- und Landesebene zeugen von der Qualität des „göttlichen“ Weins.

Der „Alde Gott“ ist allerdings bei weitem nicht der einzige Bildstock, den der Besucher in dem Blumen- und Weindorf Sasbachwalden vorfindet. Kaum irgendwo in Deutschland häufen sich diese stillen Zeugnisse tiefer Frömmigkeit so wie in dem Fachwerkdorf in der badischen Ortenau, das so schön ist, dass es komplett unter Denkmalschutz gestellt wurde: Auf der Gemarkung Sasbachwalden gibt es knapp 50 Wegkreuze und Bildstöckel. Vor etlichen Jahren wurde eine große Sanierungsaktion abgeschlossen, bei der über 40 Bildstöcke gründlich renoviert und neu beschriftet wurden; die Nischen wurden allesamt mit schmiedeeisernen Gittern verschlossen. Weit und breit einmalig ist der Bildstöckel-Wanderführer, den der Luft- und Kneippkurort zu Füßen des Schwarzwaldes nach der Renovierungsmaßnahme herausgab.

Relikte religiöser Volkskunst

Gerade in den letzten Jahrzehnten haben sich Kunsthistoriker, Volkskundler und Heimatfreunde mit diesen anmutigen Relikten der religiösen Volkskunst beschäftigt. Den gläubigen Christen und den aufmerksamen Wanderer beeindruckt neben dem Motiv der Frömmigkeit zweifelsohne das Stimmungs- und Gemütvolle, das sich mit dem Bildstöckchen verbindet. Es ist ein anschaulicher, mit Händen zu fassender, konkreter Glaube, der sich in ihnen manifestiert. Das Kreuz auf Waldeshöhen, das Marterl zwischen Äckern und Wiesen, der Unglücksbildstock am Hohlweg – das sind Chiffren für Romantik und Naturgefühl, Heimat und Wandern – und Gottesnähe. Gemeinsam reizt den gläubigen Christen wie den forschenden Volkskundler am Bildstock immer wieder das Geheimnisvolle und Rätselhafte. Selten stehen diese Denkmäler als leicht begreifbare Zeichen da, mit beredtem Text und geschwätzigen Bildern. Stattdessen geben sie sich zurückhaltend und wortkarg andeutend, ja sie bleiben oft nicht nur im buchstäblichen, sondern auch im übertragenen Sinne ganz stumm.

Die ältesten Nachweise über Bildstöcke in und um Sasbachwalden zeugen davon, dass man als Standort den Wegrand der alten Fuhrwege bevorzugte, die von den höher gelegenen Waldbereichen hinunter ins Tal führten, wo sie dem Vorübergehenden sofort auffallen mussten. Heute findet man viele mitten in den Weinbergen rund um „Saschwalle“, wie der Ort von den Einheimischen genannt wird, und in der Ortschaft selbst; allerdings handelt es sich bei diesen in den meisten Fällen um Bildstöcke, die im Laufe der letzten zehn Jahre „versetzt“ wurden, um das Ortsbild zu verschönern.

Eine große Zahl von Bildstöcken ist zur Erinnerung an ein Unglück errichtet worden; sie wollen den an der betreffenden Stelle Vorbeikommenden um ein stilles Gebet für den Verunglückten bitten. Eine kleinere Gruppe verdankt ihre Entstehung einer frommen Stiftung, oft einem Gelübde, das in großer Not abgelegt wurde. Sie zeugen von Dank und Fürbitte der Landbevölkerung Gott gegenüber und sind Ausdruck ihrer tiefen Frömmigkeit.

Regionaler Buntsandstein

Als Material für die Bildstöcke wählten die Steinhauer in Sasbachwalden und Umgebung den in Baden häufig anzutreffenden Buntsandstein. Die meist gut erhaltenen Inschriften und der feingliedrige ornamentale Schmuck der Bildstöcke, der allen Witterungseinflüssen zum Trotz oft noch eine erstaunliche Frische aufweist, zeugen vom unverwüstlichen Charakter dieses Werksteins. Und obwohl die besagten Steinhauer nach überlieferten Formen arbeiteten, gleicht kein Bildstock genau dem anderen, hat jeder sein individuell eigenes Gesicht: ein Zeichen echter, schöpferischer Handwerkskunst.

Mit wenigen Ausnahmen sind alle Bildstöckel in Sasbachwalden und Umgebung im vorletzten Jahrhundert aufgestellt worden. Der älteste trägt die Jahreszahl 1727; darüber hinaus gibt es welche aus den Jahren 1743, 1755 und (im Ortskern) 1785. Die große Zeit der Bildstöckel war das 19. Jahrhundert, mit dessen Ende – so scheint es – die Kraft der religiösen Steinsetzung langsam versiegt ist. Zwar gibt es durchaus Flurdenkmäler aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und sogar noch aus den letzten 30 Jahren, aber sie sind Raritäten, ja sie wirken schon fast wie Anachronismen in einer lärmenden, nach diesseits gewandten Welt.

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