Vilnius

Stadt der Engel

80 Prozent der Bevölkerung Litauens gehören der katholischen Kirche an, und das mit einer solchen Inbrunst, wie man sie sonst nur aus Polen kennt. Bei einem Besuch in der Hauptstadt Vilnius macht sich das auf Schritt und Tritt bemerkbar – auch dank geflügelter Bodyguards, heiliger Socken und einem Wunderort.

Stanislaus Kathedrale
Die Kathedrale in Vilnius steht unter dem Patrozinium des Hl. Stanislaus.

Einen Engel erkennt man immer erst, wenn er längst wieder gegangen ist – es sei denn, man reist nach Vilnius. Dort warten sie geduldig auf ihre Entdeckung. Überall sind die geflügelten Kerlchen zu finden, die 2004 zum ersten Mal in der litauischen Hauptstadt landeten. Damals suchte Vilnius nach einer Idee, einem wachsenden Vandalismus Einhalt zu gebieten. Der Bildhauer Vaidas Ramoška setzte seine lächelnden Engel-Skulpturen der Zerstörungswut entgegen, und tatsächlich wurden weit weniger Telefonzellen, Reklamewände und Bushaltestellen beschädigt als zuvor. Als Vilnius im Jahr 2009 Kulturhauptstadt Europas war, flogen einige Engel als besondere Botschafter sogar ins Ausland, um für die Liebenswürdigkeit ihrer Stadt zu werben. 

70 Schutzengel

Inzwischen haben sich über 70 Schutzengel unter die Leute gemischt. Es sind keine spirituellen Superstars aus der Riege der verkündungsfrohen Erzengel und auch keine protzigen Deko-Figuren, die immer nur an Weihnachten Saison haben, sondern lauter pausbäckige Knäblein mit wolkenweißen Flügelchen. Mal mit Megaphon, mal mit Rollschuhen ausgerüstet, aber immer mit einem fröhlichen Lächeln sitzen sie auf Bänken, Balkonen, Fenstersimsen und einigen Dächern der Altstadt. Nicht alle dieser Leichtgewichte sind fest installiert, so dass sie manchmal an einen anderen Ort gebracht werden, wo ihre Hilfe gerade dringender gebraucht wird. An die tristen Wohngebiete am Stadtrand zum Beispiel oder in einen Innenhof der Universität, wenn Prüfungen anstehen.

Freie Republik Užupis

Der berühmteste Engel von Vilnius aber ist ein goldener Posaunenengel. Er ist das Wahrzeichen der freien Republik Užupis. Eine Brücke über den Fluss Vilnia markiert die Grenze zum Rest von Vilnius. Dahinter liegen die engen Gassen und Hinterhöfe von Užupis mit ihren Kunstgalerien, Kneipen, Cafés und Ateliers. Im 15. Jahrhundert lag hier das Viertel der Armen und Ausgestoßenen der Stadt, das sich in der Neuzeit schließlich zu einem echten Problembezirk entwickelte. Prostitution und Drogenhandel brachten ihn so stark in Verruf, dass die Hauptstraße nach Užupis während der Zeit der sowjetischen Herrschaft „Straße des Todes“ genannt wurde.

Sieben Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Litauens begannen Hausbesetzer, gegen die Vernachlässigung ihres Viertels aktiv zu werden. Ihr Ziel: Endlich frei von der Kontrolle des Kommunismus sollten die Litauer lernen, die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen. Eine Fähigkeit, die sie in den langen Jahren der Unterdrückung verloren hatten. Sie organisierten Projekte zur Nachbarschaftshilfe, Musikfeste und Kunstaktionen. Eines dieser Happenings wurde 1997 schließlich zur Gründungsstunde der freien Republik Užupis. Die Unabhängigkeit von Moskau, dass hatten die Bewohner des Bezirks erkannt, reichte nicht aus. Auch die Unabhängigkeit vom Rest von Vilnius musste erklärt werden, damit das Viertel durch eine neue Identität ein neues Gemeinschaftsgefühl aufbauen konnte.


Mit Erfolg: Užupis ist zu einem begehrten Wohnquartier der alternativen Szene geworden, ein lebens- und liebenswertes Viertel, wo hölzerne Einhorn-Zebras vom Flussufer grüßen, Kinder auf ausrangierten Klavieren klimpern, während Gäste der Republik im offiziellen Regierungssitz, dem Lokal „Užupio kavine“, beim Bier sitzen und den Verliebten zuschauen, die unter einer Brücke schaukeln.

Eigene Verfassung

Sogar eine eigene Verfassung haben sie ihrer Spaß-Republik gegeben. In mehreren Sprachen übersetzt, in silbrig glänzende Metallschilder eingraviert und auf einer Mauer angeschlagen sind die 41 Artikel des Grundgesetzes zu lesen. Artikel 1: Jeder hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbeizufließen. Artikel 13: Eine Katze ist nicht verpflichtet, ihren Besitzer zu lieben, aber muss in Notzeiten helfen, und Artikel 39: Lass dich nicht unterkriegen! Darin hat Vilnius ja hinreichend Übung. Jahrhunderte der politischen und kulturellen Fremdbestimmung durch Polen, Deutsche und Russen haben den Widerstandsgeist der Litauer gestärkt, und ihr Glaube hat ein Übriges dazugetan.

Die letzten Heiden Europas

Zwar sind sie immer noch stolz darauf, das letzte heidnische Volk Europas gewesen zu sein, das erst im 14. Jahrhundert christianisiert wurde, gehören aber heute mit rund 80 Prozent der katholischen Kirche an, und das mit einer solchen Inbrunst, wie man sie sonst nur aus Polen kennt. Kein Wunder also, dass die ziegelrote Dachlandschaft von Vilnius' Altstadt einem Nadelkissen gleich gespickt ist mit Glockentürmen und Kirchturmspitzen von gut 50 Gotteshäusern, darunter auch die russisch-orthodoxe Heiliggeistkirche. Kirchenkunstliebhaber kommen wegen ihrer wunderbaren Fresken, der barocken Inneneinrichtung und einer wassermanngrünen, altarförmigen Ikonostase dorthin. Das Herz des Gotteshauses ist jedoch das Reliquiar. Dabei handelt es sich um einen gläsernen Sarkophag, in dem die Leichen der drei Märtyrer Antonius, Iwan und Eustachius eng nebeneinanderliegen.

St.-Stanislaus-Kathedrale mit Glockenturm
Die St.-Stanislaus-Kathedrale mit ihrem imposanten Glockenturm: Die Altstadt von Vilnius ist gespickt mit Kirchturmspitz... Foto: Quint

Ihre einbalsamierten Knochen werden von goldbestickten Samtkleidern bedeckt, doch die Füße der Heiligen lugen hervor. Sie stecken in weißen Wollsocken, heilsamen Socken. Als Gegenstand der religiösen Verehrung wird nicht bloß dem Körper der Heiligen eine heilkräftige Wirkung zugeschrieben, sondern auch den Kleidungsstücken, die mit der Reliquie in Berührung kamen. Beim regelmäßigen Sockenwechsel entscheidet der orthodoxe Priester in Vilnius darüber, welche Gläubigen seiner Gemeinde einer besonderen Hilfe bedürfen und überlässt ihnen eine Heiligensocke, ganz oder nur ein kleines Stück davon, für den Fall, dass mehrere Personen von ihrer wohltuenden Wirkung profitieren sollen.

Ort der Wunder

Wem Socken und Engel als Helferlein noch nicht ausreichen, der begibt sich sicherheitshalber an den Ort, wo schon einmal ein Wunder geschah – auf den Hauptplatz der Kathedrale. Dort fällt in der Nähe des freistehenden Glockenturms eine Bodenplatte mit einem eingravierten Stern und der Aufschrift stebuklas (Wunder) ins Auge. Sie erinnert daran, dass genau hier die Menschenkette durch das gesamte Baltikum endete, mit der im Jahr 1989 zwei Millionen Litauer, Letten und Esten erfolgreich gegen die sowjetische Besatzung demonstrierten. Wer ein Herzensanliegen hat, stellt sich auf die Platte und wünscht sich etwas. Den Touristen hat man übrigens erzählt, sie müssten die Augen schließen, sich dreimal im Uhrzeigersinn drehen, anschließend hochspringen und in die Hände klatschen, damit ihre Bitte in Erfüllung ginge. Zu wünschen, dass möglichst wenige zuschauen, wie man sich zum Gespött macht, ist allerdings zwecklos – da helfen einem auch keine Engel.

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