Santiago de Compostela

Restart mit Stolpersteinen

Nur noch 336 Deutsche „sind dann mal weg“: Der Jakobsweg startet nach der Corona-Hochphase mit einem dramatischen Rückgang der Pilgerzahlen – jetzt kommt auch noch eine Reisewarnung für Spanien hinzu.

Jakobsweg
PIlgern unter Coronabedingungen ist ein Wagnis, man hat aber den Vorteil, den Jakabsweg so einsam vorzufinden, wie sonst nie. Foto: Andreas Drouve

Es sollte ein neues Boomjahr werden. Dann kam Corona, gefolgt von Spaniens Lockdown von März bis Juni. Nun sind wieder Jakobspilger auf Achse, aber auf der berühmtesten Wallfahrtsstrecke der christlichen Welt ist vorläufig nichts mehr so wie vorher. Das untermauern allein die Statistiken vom Restart-Monat Juli, die das Pilgerbüro von Santiago de Compostela veröffentlicht hat. Demnach erhielten in der Begräbnisstadt des Apostels Jakobus 9 752 Pilger ihr Diplom.

Das hört sich nach einem ermutigenden Aufbruch und zunächst einmal gar nicht schlecht an. Vergleicht man die Zahl allerdings mit den Ankünften vergangener Jahre, ergibt sich ein erschreckendes Bild. Die Juli-Statistiken der Vorjahre verzeichneten im Schnitt das Fünffache der Ankünfte (2019: 53 319; 2018: 50 867; 2017: 47 470), was die Dimensionen des dramatischen Rückgangs widerspiegelt. Momentan sind mehrheitlich Spanier unterwegs. Im Juli stellten sie mit die 7 859 unangefochten die Mehrheit bei der Entgegennahme der Pilgerurkunden. Unter „Ferner liefen“ rangierten 336 Deutsche, 321 Italiener, 303 Portugiesen und 161 Franzosen. Bei den Nichteuropäern trafen 43 US-Amerikaner ein, 34 Argentinier, 33 Kolumbianer. Magere Zahlen.

Düsteres Panorame für Pilgerherbergen

Die Pilgerstatistik ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn bislang zog Santiago de Compostela zusätzlich mehrere Millionen Besucher pro Jahr ins Nordwesteck der Iberischen Halbinsel. Doch Gruppenreisende und motorisierte Individualisten sind durch die Corona-Krise ebenso weggebrochen wie Landausflügler von Kreuzfahrtschiffen. Stadtführer sind beschäftigungslos. Andenkenläden bleiben auf ihren Waren sitzen. Viele Hotels und Gasthöfe haben erst gar nicht geöffnet und steuern einer Pleitewelle entgegen.

Bei den Pilgerherbergen am Jakobsweg bietet sich ebenfalls ein düsteres Panorama. Viele öffentliche Quartiere – von Städten, Gemeinden oder Pfarreien unterhalten – haben geschlossen. Und eine Herberge wie die von ehrenamtlichen Kräften der Jakobusfreunde Paderborn betriebene „Casa Paderborn“ in Pamplona macht in diesem Jahr gar nicht mehr auf. Eigentlich war die Wiedereröffnung für Anfang September geplant, sofern „sich die Lage nicht verschlimmern würde“, so der Vorsitzende Heino von Groote. Es wurden freiwillige Herbergskräfte gesucht und gefunden, Flüge gebucht, ein Hygienekonzept erstellt. Doch dann kamen die neuesten Entwicklungen in Spanien anders als gedacht.

Gestoppt durch die Reisewarnung

Sie gipfelten in einer Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, die zunächst für die Regionen Navarra und Aragonien galt, durch die die beiden wichtigsten Jakobswegstrecken von den Pyrenäen her laufen; Mitte August wurde die Reisewarnung auf das gesamte spanische Festland ausgeweitet. So blieb den Verantwortlichen nichts anderes übrig, als schweren Herzens die Reißleine zu ziehen. „Eine Öffnung“, so von Groote, „wäre ohnehin eher ein symbolischer Akt gewesen: ,Seht her, dieses Haus ist eine Pilgerherberge! Und uns gibt es auch noch!‘. Wir hätten gerne dieses Zeichen gesetzt, aber die Sorge um die Pilger und die Herbergskräfte ging vor. Wir bedauern das sehr. Aus dem Kontakt mit anderen Herbergsbetreibern aus Deutschland und England wissen wir aber, dass wir mit dieser Entscheidung nicht alleine sind.“

„Dort, wo Pilger bislang den Gemeinschaftssinn pflegten, zusammen kochten und in Aufenthaltsräumen über Gott und die Welt schwatzten, halten sie sich nun auf Distanz.“

Vereinzelte Privatherbergen öffneten nach dem Lockdown als erste, um Pilgern wieder Raum zu geben und die eigenen Finanzverluste in Grenzen zu halten. Wirtschaftlich dürfte sich unter dem Strich keine einzige rechnen. Der Zulauf stockt. Die Kapazitäten sind durch Hygieneregeln reduziert, die Übernachtungspreise aber fast allerorten gleich geblieben. Preiserhöhungen hätten ein falsches Signal gesetzt. Eingebüßt haben die Herbergen ihre Rolle bei der handfesten Völkerverständigung im Kleinen. Dort, wo Pilger bislang den Gemeinschaftssinn pflegten, zusammen kochten und in Aufenthaltsräumen über Gott und die Welt schwatzten, halten sie sich nun auf Distanz. Oder werden durch Plexiglasscheiben automatisch auf Abstand gehalten. Überall stehen Desinfektionsmittelspender, kümmern sich die Betreiber in Zusatzschichten um die Reinigung der Toiletten und Duschen.

Trotz Maskenpflicht sind Pilger auf dem Weg

Ein Rückschlag war im Juli die Einführung der Maskenpflicht im Freien, was seitens von Politik und Behörden international ein verheerendes Zeichen setzte. Es zeigte an: Wenn in Spanien der Zwang herrscht, im öffentlichen Raum eine Mund-Nasen-Bedeckung anzulegen, müssen die Zustände katastrophal sein. Dabei sind sie nicht unbedingt schlechter als in anderen Ländern. Frankreich zum Beispiel beklagt mehr Corona-Tote als Spanien.

Die Pilger, die sich trotzdem auf den Weg trauen, folgen der gängigen Praxis, außerhalb von Städten und Orten die Maske abzulegen. Das birgt ein Risiko, denn die Polizei ist mit Bußgeldern schnell zur Hand und hat die Präsenz verstärkt.

Die französischen Pilgerinnen Chloé Capdevielle (25) und Jéromine Fontaine (26) hat die Maskenpflicht nicht abgeschreckt. Aus ihren Worten lässt sich schlussfolgern, wie sie damit umgehen. „Durch die Maske kann man gar nicht richtig atmen“, klagt die angehende Grundschullehrerin Capdevielle, „wenn man so lange wandert, stört sie einfach.“ Der Rucksack laste auf den Schultern, bei Anstiegen fehle die Luft.

Corona hat Spanien die Leichtigkeit genommen

Für die Maskenpflicht im Freien hat Herbergswirt César Garralda (50) kein Verständnis, zumal Sportler wie Jogger und Radler davon entbunden sind. Garralda, der in der Altstadt von Pamplona mit seinem Bruder Inaki die Privatherberge „Casa Ibarrola“ führt, ereifert sich: „Pilgern ist doch Wandern, Trekking, kein Spaziergang. Der Jakobsweg ist natürlich spirituell und kulturell geprägt, aber er ist eben auch Sport.“ Das sehen Spaniens Verantwortungsträger und manche Bewohner anders. Es kommt vor, dass Pilger, die gerade einmal die Maske ablegen, von Einheimischen übel beschimpft werden. Garralda kennt einige Fälle. Und Fernsehbilder belegen, dass Sicherheitskräfte im Maskenstreit schon mit Schlagstöcken auf Leute eingeprügelt haben. Pilger waren zum Glück bislang nicht betroffen. Das Ganze verdeutlicht den veränderten Lebensrahmen in Spanien, das man bislang mit der lockeren Leichtigkeit des südländischen Seins gleichgesetzt hatte. Nun herrschen Hysterie, Angst, Verunsicherung.

Die Flugverbindungen sind Stolpersteine

Pilgern heute ist ein Wagnis, hat aber den Riesenvorteil, den Jakobsweg einsam vorzufinden wie sonst nie. Da stellt sich die Frage, was besser ist: mit Maske durch die Leere oder, wie in normalen Zeiten, ohne Maske in der Masse unterwegs zu sein? Stolpersteine für die internationale Pilgergemeinschaft sind die reduzierten Flugverbindungen bei der An- und Abreise. Aus Deutschland dürfte sich durch die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes in naher Zukunft noch weniger bewegen. Seit Mitte August ist es zwar nicht verboten, nach Spanien zu reisen, aber die Rückkehr mit verpflichtendem Test oder Quarantäne dürfte einen gewaltigen Abschreckungseffekt haben. Deutsche Pilger werden vorerst rare Erscheinungen sein.

Hotel- und Herbergsbesitzern treibt die Entwicklung tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Denn die Erwartungen und Investitionen hatten nach dem Rekordjahr 2019 mit 347 578 ausgegebenen Pilgerurkunden nicht nur auf dieses Jahr, sondern auch auf 2021 abgezielt. Da der 25. Juli dann auf einen Sonntag fällt, steht ab Januar ein heiliges Jakobusjahr mit überdurchschnittlich vielen Pilgerankünften an. So war es zumindest vor Corona.