Molsheim

Elsässer Jakobsweg: Von Molsheim zum St. Odilienberg

Auf dem Elsässer Jakobsweg geht es von Molsheim auf den Mont Sainte-Odile – zum ältesten Frauenkloster Europas. Der Todestag der Schutzpatronin jährt sich in diesen Tagen zum 1 300 Mal.

Elsässer Jakobsweg geht es von Molsheim auf den Mont Sainte-Odile
Auf dem Mont Sainte-Odile: Über die elsässische Ebene blickt man bis zum Oberrheinischen Tiefland und zu den Höhen des Schwarzwaldes. Foto: Frühauf

Forschen Schrittes passiert das Paar den Eingang des Klosters, über dem sinngemäß geschrieben steht: „Hier blühte einst die heilige Äbtissin Odilia, hier waltet sie immerfort als Mutter des Elsass.“ Als Steinskulptur mit Stab und Bibel in der Hand, steht sie über der Inschrift und begrüßt die Ankömmlinge. Diese Beiden tragen Rucksäcke und hölzerne Stöcke, neben der Jakobsmuschel ein Hinweis aufs Pilgern. Aber auch Tagestouristen, wie die Gruppe aus Ulm, trifft man auf dem Heiligen Berg des Elsass. Die Reisegesellschaft hat die Anfahrt mit dem Bus dem Fußmarsch vorgezogen.

Rund 17 Kilometer haben die Pilger heute hinter sich gebracht. Die Etappe von Molsheim bis zum Odilienberg ist eine der kürzeren auf dem Elsässer Jakobsweg. Dafür führt die Strecke stetig nach oben, denn das Kloster Hohenburg liegt 763 Meter hoch. Schon von weitem sieht man den langgestreckten Rücken des Mont Sainte-Odile, den beliebtesten Wallfahrtsort in den Vogesen. Im oberen Teil der Wegstrecke stößt man immer wieder an einen alten Mauerwall – die Heidenmauer, vermutlich eine alte, zehn Kilometer lange Schutzeinrichtung. Beim Betreten des Klosterhofs fällt sofort die Basilica ins Auge. Die heutige Kirche wurde 1687 auf den Fundamenten der Vorgängerkirche gebaut. „Papst Benedikt XVI erhob sie 2006 zur Basilica minor, ein besonderer Ehrentitel für außergewöhnliche Kirchen, der vom Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche verliehen wird“, erklärt die Klosterführerin Marie Christine Herrmann, die Besucher durch die Klosteranlage führt. 1946 ernannte Papst Pius XII. Odilia zur Schutzpatronin des Elsass.

Die Gebeine der Heiligen Odilia

Täglich um Viertel nach Sieben findet in der Kirche das Abendgebet statt, zu dem sich Pilger, Touristen und Einheimische einfinden. An die Kirche schließt sich das weitläufige Klostergebäude an, in dem sich auch der Pilgergang, die romanische Kreuzkapelle aus dem 12. und die Odilienkapelle befindet. In der Grabkapelle steht ein steinerner Sarkophag. „Hier ruhen die Gebeine Odilias“, weiß Marie Christine Herrmann. Reliquien der Heiligen würden auch in Prag, Lissabon, Verona, Corbie und Taing bei Erding in Bayern liegen. Am 13. Dezember 2020 jährt sich der Todestag der Schutzpatronin zum 1 300. Mal – der Grund für ein Jubiläumsjahr. Mehr zu den Festlichkeiten unter den Corona Einschränkungen findet man aktuell im Internet.

Auf den kurzen Bankreihen der Grabkapelle suchen die Besucher aber zu jeder Zeit Ruhe oder schauen sich die Ölgemälde an, die eine der Legenden erzählen, die sich um Odilia ranken: Diese Erzählung berichtet von dem Auftrag des Merowingerherzogs Attich oder Adalricus – auch Eticho genannt, seine blind geborene Tochter Odilia töten zu lassen. Die Mutter rettete ihr Kind und brachte es ins Kloster, vermutlich in das heutige Baume-les-Dames am Doubs. Dank der Taufe der inzwischen Zwölfjährigen durch den Wanderbischof Erhard von Regensburg erlangte Odilia ihr Augenlicht zurück. Ihr jüngerer Bruder ließ sie daraufhin nach Hause holen. Im Zorn über Odilias Rückkehr erschlug der Vater seinen Sohn. Odilia erweckte den Bruder wieder zum Leben und flüchtete erneut.

Vor dem eigenen Vater geflohen

Auf ihrer Flucht vor dem eigenen Vater tat sich ein Fels als Versteck auf, während der Verfolger von den herabstürzenden Steinen schwer verwundet wurde. Erst nach Jahren besuchte Odilia den Kranken, der sich versöhnen wollte und ihr den Platz auf dem Mont Sainte-Odile schenkte. Hier gründete sie im siebten Jahrhundert das Kloster Hohenburg, das bis 1546 Bestand hatte. Alle nachfolgenden Äbtissinnen sorgten wie Odilia für die Armen, Kranken und Sterbenden. Am Fuße des Berges gründete Odilia – Odile oder Ottilie, wie sie auch genannt wird – das Kloster Niedermünster, dessen Ruine unterhalb von Hohenburg steht.

„Der Ort Mont Sainte-Odile ist seit Menschengedenken einer der heiligsten und mystischsten Kraftplätze Europas.“

Aus der nahen Basilica ist der Gesang des Abendgebets zu hören – andächtig und magisch zugleich. „Der Ort Mont Sainte-Odile ist seit Menschengedenken einer der heiligsten und mystischsten Kraftplätze Europas“, erzählt die Elsässerin beim Betreten der Kirche auch prompt mit leiser Stimme. Es kämen auch heute noch von Krankheit Gezeichnete, um die Heilige um Genesung zu bitten. Beim Erzählen zeigt sie auf das Regal mit den kleinen Plastikflaschen, deren Inhalt vor allem bei Augenleiden helfen soll. Die wenigen verbliebenen Schwestern vom Konvent des Heiligen Kreuz füllen darin Quellwasser ab. „Mit dem Wasser hat Odilia einst einen Blinden geheilt“, nimmt Marie Christine Herrmann auf dem Vorplatz der Kirche den Faden wieder auf und zeigt dabei in die Tiefe, in Richtung der sprudelnden Quelle, die im Sommer nie versiegen und im Winter nie gefrieren soll.

Wallen seit dem Mittelalter

Bereits seit dem Mittelalter finden hier Wallfahrten statt. Heute wird Odilia zweimal im Jahr gedacht, am ersten Sonntag im Juli und an ihrem Todestag, dem 13. Dezember. „Etwas Besonderes ist die ,Ewige Anbetung‘“, erklärt Herrmann. Seit 1931 beten auf dem Mont Sainte-Odile rund um die Uhr Menschen vor dem Allerheiligsten Altarsakrament. Die Mitglieder der katholischen Gemeinden und Verbände des Elsass wechseln sich dabei ab. Jede Woche lebt eine andere Gruppe auf dem Heiligen Berg – in der Tradition von Odilia und ihren Gefährtinnen. Nicht einmal während des Zweiten Weltkrieges wurden diese Gebete ausgesetzt.

Am nördlichen Ende der Klosteranlage stehen ein paar Bänke. Jetzt am Abend ist es hier ruhig. Der Blick schweift über die elsässische Ebene bis zum Oberrheinischen Tiefland und zu den Höhen des Schwarzwaldes. Der Horizont dehnt sich ins Unendliche. Es ist ein einzigartiger Naturschauplatz – zum Innehalten, Ausruhen und Durchatmen. Das Hier und Jetzt zählt, das Gedankenkarussell steht still und leicht kann man sich vorstellen, wie Odilia vor über einem Jahrtausend in die Ferne blickte, eins mit sich und der Welt. Neben der Bank stehen zwei kleine Kapellen – die Tränen- und die Engelskapelle. Ihre Mosaiken aus dem 19. Jahrhundert erzählen zahlreiche weitere Legenden in und um den Odilienberg. Auch die Sonnenuhr davor ist außergewöhnlich, denn sie zeigt als weltweit einzigartige Besonderheit neben der örtlichen Zeit beispielsweise auch die italienische, babylonische und antike. Die Sonnenuhr wurde von den Mönchen der Zisterzienserabtei Neuburg im 18. Jahrhundert entworfen.

Wandern durch die Rebberge

Beim Frühstück am nächsten Morgen wandert der Blick über die Vogesen, die mehr und mehr ins Sonnenlicht rücken. Auch die Pilger sitzen schon vor ihrem Kaffee, bereit für die Laudes um halb neun. Die morgendliche Andacht, meist zwischen 6 und 8 Uhr, hat ihren Ursprung in den frühchristlichen Gemeindeversammlungen am Morgen, mit denen der Auferstehung Jesu Christi gedacht wurde. Danach verlassen sie das Kloster und die Höhenmeter, die es am Vortag hinaufging, geht es heute wieder hinunter. Mit langen Schritten gehen sie Châtenois entgegen, dem nächsten Ziel des Jakobswegs – ein Großteil der Strecke verläuft heute entlang der Rebberge. Auch für die Reisegruppe geht es die gewundene Straße hinab. Noch einmal kreuzen sie auf dem Weg nach Obernai die Route der Pilger, die kurz darauf im Wald verschwinden.

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