Geschichte

Nîmes: Prachtbauten einer Römermetropole

Nîmes, das „französische Rom“, erinnert an die prägende Epoche der Römer in Okzitanien. Das neue Römermuseum in Nîmes erleichtert den Zugang zum römischen Erbe in der Provence und am französischen Mittelmeer.

Arènes de Nîmes
Das Amphitheater mit seinen einst über 21 000 Plätzen, „die Königin der Arenen“, in der einst wilde Tiere, mutige Reiter und stolze Gladiatoren gegeneinander kämpften, sie muss heute in einem anderen Kampf bestehen: Gegen den akuten Verfall der Bausubstanz. Foto: fotolia.de

Majestätisch stehen sie da, les Arenes de Nîmes, aber sie sind massiv gefährdet und zerbrechlich: Umweltschmutz, Wind und Regenwasser bedrohen das rund 2 000 Jahre alte Monument aus der Römerzeit, das wichtigste Kulturerbe der Stadt Nîmes, oft als das „französische Rom“ bezeichnet. Das Amphitheater mit seinen einst über 21 000 Plätzen, „die Königin der Arenen“, in der einst wilde Tiere, mutige Reiter und stolze Gladiatoren gegeneinander kämpften, sie muss heute in einem anderen Kampf bestehen: Gegen den akuten Verfall der Bausubstanz. Die Restauration der Arenen von Nîmes ist daher die größte Baustelle eines antiken Bauwerks in Frankreich. Seit 2009 sind die Restauratoren zu Gange: Mindestens 54 Millionen Euro werden in 25 Jahren in das Bauwerk investiert, um es für die Nachwelt zu retten.

Das Wasser als Feind

„Feind Nummer 1 ist das Wasser“ erklärt Christine Lavergne, Koordinatorin der Restaurationsteams, hinzu kommt der in der Provence oft kräftige Wind. Schon bald nach Beginn der Untersuchungen hat man festgestellt, dass der feine Kalkstein aus den Brüchen von Barutel bei Nîmes bei Wetterumschwüngen reagiert, porös und fragil wird. Die Römer hatten beim Bau der Arena mit einem ausgeklügelten System das Regenwasser kanalisiert und in Rückhaltebecken geleitet. Zudem waren die oberen Gradins so gebaut, dass sie die darunter liegenden Galerien schützten. Das Wasser wurde floss zwar die Treppen hinunter, wurde dann aber in unterirdischen Leitungssystemen nach außen geleitet.

Wichtige Stadt in Gallien

Nemausus, heute Nîmes, gelegen an der Via Domitia, der Verbindung von Italien auf die iberische Halbinsel, war eine der wichtigsten Städte im römischen Gallien. Die von den Kelten gegründete Stadt wurde 121 v.Chr. römisch. Blütezeiten erlebte Nemausus, weil Narbo (heute Narbonne) 149 v.Chr. brannte und so wurde Nemausus Hauptstadt der Provinz Gallia Narbonensis. In Nîmes lebten damals rund 50 000 Menschen, die täglich rund 20 000 Kubikmeter Wasser benötigten. Daher bestellte Marcus Vipsanius Agrippa, Schwiegersohn von Kaiser Augustus und Statthalter in Gallien, eine 50 km lange Wasserleitung, die von einer Quelle bei Uzes das für die Entwicklung von Nîmes unbedingt notwendige Wasser in die Stadt führte. Bekanntestes Bauwerk ist der gut erhaltene Pont du Gard nördlich von Nîmes: 275 Meter lang, 48,77 Meter hoch und in dessen oberstem Stockwerk, 49 Meter über dem Tal des Gardon, das Wasser mit dem Gefälle von 24 Zentimeter pro Kilometer hinunter in die Stadt Nemausus floss.

Residenz für Karolinger-Fürsten

Doch zurück zu dem Wasser, das derzeit die Arena von Nîmes bedroht. Bei den Restaurierungsarbeiten des zweistöckigen elliptischen Arenen-Baus mit 133 Meter Länge und 105 Meter Breite gibt es neue Erkenntnisse. So notierte der Archäologe Richard Pellé unlängst nach der Carbon-Datierung eines als Verbindungsstück verwendeten Holzbalkens: Ging man bisher davon aus, dass die Arenen von Nîmes im 1. Jahrhundert n.Chr. gebaut wurden, deuten die neuen Daten jetzt auf das erste Viertel des 2. Jahrhunderts. Nach den Römern nutzten die Westgoten das Gebäude als Festung. Unter Karl Martell, dem Hausmeier von Karl dem Großen, dienten die Arenes als Residenz für Karolinger-Fürsten, bis es in ein Dorf umgebaut wurde, in dem im 18. Jahrhundert 700 Bewohner lebten.

Diese Umbauten, der Zahn der Zeit und die Tatsache, dass Nîmes in einem von Erdbeben gefährdetem Gebiet liegt, sorgen für Vibrationen, welche die Stabilität auch eines Monumentalbaus wie einer Arena erschüttern. Rund 30 Restauratoren unterschiedlicher Herkunft und Fachrichtungen sind gleichzeitig in der Arena tätig. Ebenso unterschiedlich sind ihre Werkzeuge: Vincenzo injiziert mit einer Nadel klebrigen Harz in die Bruchstellen eines Steinblocks. Manche Blöcke brauchen stärkere Behandlungen, wie Verstärkungen durch Inox oder Glasfiber. Und es gibt auch Blöcke, die, wenn es nicht anders geht, komplett ersetzt werden. Baustellenchef Abden ist glücklich, dass die Steinbrüche von Barutel heute noch aktiv sind und wie vor zwei Jahrtausenden Steinblöcke in die Arena von Nîmes liefern.

300 000 Besucher im Jahr

Ein großes Problem ist, dass die Arenen von Nîmes während der Sanierung nicht geschlossen werden dürfen: Denn 300 000 Besucher jährlich, darunter viele Schulklassen, müssen sich im Inneren bewegen dürfen. Ohnehin müssen die Bauarbeiten viermal jährlich unterbrochen werden, bei den Grand Jeux Romains (Mai), während der Feria de Pentecôte (Juni), bei den Vendanges (Weinernte, September) und während des Festivals von Nîmes (Juni/Juli). Nun, 2020 mussten die Bauarbeiten Corona-Pandemie bedingt ruhen und auch die Festivitäten in der Arena wurden abgesagt.

Nirgendwo auf der Welt existiert ein derartig gut erhaltener römischer Tempel wie in Nîmes mit dem Maison Carrée, das dem Kaiserkult gewidmet war und später als Rathaus der Stadt diente, dann als Kirche, Wohnhaus und Stallung und all diese Umwidmungen auf wundersame Weise überstanden hat. Wer in den Jardin de la Fontaine geht, findet dort nicht nur weitere Wasserbecken, sondern mit der Tour Magne den letzten Turm, der einst Teil der Stadtbefestigung war. Unter Kaiser Augustus erreichte der Turm zwar eine Höhe von 36 Metern, aber auch ohne die obere Etage ist heute von dort der Blick auf die Stadt Nîmes und den Jardin de la Fontaine empfehlenswert. Der Temple de Diane war wohl eher eine Bibliothek als eine Kultstätte für die Göttin der Jagd, war ab dem Mittelalter eine Benediktiner-Abtei, in deren Ruinen es einen 16 Meter langen Gewölbesaal gibt.

Neues Großprojekt in der Stadt

In Nîmes, wo über zweitausend Jahre nach der Besiedelung der Region Okzitanien durch die Römer die Spuren bis heute omnipräsent sind, gaben Funde in den Jahren 2006/2007 Anstoß für ein neues Großprojekt mitten in der Stadt. Bei Bauarbeiten entlang der Allées Jean-Jaures kamen ein römisches Wohnhaus sowie zwei Mosaiken zum Vorschein. Letztere waren in einem exzellenten Zustand. Spezialisten bezeichnen sie als die schönsten Mosaiken aus römischer Zeit nach denen in Pompeij. Für den damaligen Bürgermeister von Nîmes, Jean-Paul Fournier, war dieser Fund Anlass für den Bau eines neuen, zeitgenössischen Römermuseum, das 2018 seine Tore öffnete. Es soll Besuchern das römische Erbe der Region vermitteln und ihren Einfluss in der Region zu zeigen.

Aus einem Fundus von 25 000 Ausstellungsstücken werden 5 000 Exponate der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Museum bietet auf einer Fläche von 9 200 Quadratmeter eine Übersicht ab der gallischen Epoche, der Eisenzeit, frühes 7. Jahrhundert vor Christus, bis ins Mittelalter. Weitere Sammlungen dokumentieren das römische Erbe bis ins 19. Jahrhundert. Moderne Multimedia-Angebote, audiovisuelle Technik, erweiterte Realität, virtuelle Führungen und interaktives Kartenmaterial geben neue Anreize und machen die römische Geschichte in der Provence für die Besucher greifbar. Das neue Gebäude im Herzen der Innenstadt von Nîmes sticht mit seiner Architektur deutlich hervor. Der Bau ist unter der Federführung der französisch-brasilianischen Architektin Elizabeth de Portzamparc entstanden. Neben dem Amphitheater „Arenes de Nîmes“, der Maison Carrée, der Tour Magne und dem Diana-Tempel ist er eine neue Sehenswürdigkeit, die in Verbindung zur römischen Epoche der Stadt steht.

In unmittelbarer Nähe zum Amphitheater gelegen, bindet der Bau die alte augusteische Stadtmauer in seine Architektur ein. Diese Passage ist für die Öffentlichkeit zugänglich und verbindet den Vorplatz der Arena mit dem archäologischen Garten. Innerhalb der Passage legt ein 17 Meter hohes Atrium ein Fragment des Torbaus des Brunnenheiligtums aus vorrömischer Zeit frei. Verschiedene Öffnungen innerhalb der Fassade bieten unterschiedliche Perspektiven auf das Amphitheater sowie den archäologischen Garten.

Mosaik aus mehr als 7 000 Glaskacheln

Die Außenflächen des Museums nehmen Bezug auf ein klassisches römisches Kunsthandwerk: das Mosaik. Über 7 000 Glaskacheln bilden zusammen eine 2 500 Quadratmeter große Oberfläche, die je nach Sonnenlage unterschiedlich reflektiert. Die bepflanzte Dachterrasse bietet einen 360°-Panoramablick über Nîmes und ist frei zugänglich. Der archäologische Garten orientiert sich an historischen Spuren und ist kostenlos zugänglich. Eine Fläche von über 3 500 Quadratmeter ist aufgeteilt in einen gallischen, römischen und mittelalterlichen Bereich, von denen jeder mit der Epoche typischen Bäumen, Büschen und Staudengewächsen bepflanzt ist. Ein Bereich führt in die römische Tradition der urbanen Landwirtschaft ein.

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