Brauneberg

Mosel statt Mittelmeer

Die Mosel war schon von Kindesbeinen an ein Sehnsuchtsort unseres Autors. Ein persönlicher Reisebericht von einem erlebnisreichen Urlaub in Corona-Zeiten an Deutschlands romantischstem Fluss.

Piesport im Landkreis Bernkastel-Wittlich
Piesport, eine Ortsgemeinde im Landkreis Bernkastel-Wittlich in Rheinland-Pfalz, ist der größte Weinbauort im Anbaugebiet Mosel. Foto: Imago

In diesem Jahr ist alles anders. Urlaub in Corona-Zeiten – das bedeutet für viele Ferien in Deutschland statt an fernen Gestaden. Und so haben auch wir, meine Frau Gabriele und ich, 65 und 63 Jahre alt und beide Angehörige der Risikogruppen, uns entschlossen, dieses Jahr in Deutschland zu bleiben. Mosel statt Mittelmeer und Mallorca, Brauneberg statt Balearen und Ballermann – so lautete unsere Parole.

Sehnsuchtsort seit Kinderzeiten

Die Mosel – das ist für uns beide, Einwohner von Münster in Westfalen, aber ursprünglich Aachener, eine Sehnsuchtsregion von Kindesbeinen an. Bernkastel-Kues, Cochem, Trier, Traben-Trarbach und Bullay – das sind Orte, die ich schon vor über 50 Jahren mit meinen Eltern von Aachen aus besucht habe und die bei mir sofort tausend Erinnerungen aufsteigen lassen. Meine Frau Gabriele verbrachte von 1965 bis 1967 die Sommerferien im damaligen Kinderheim „Auf Tannerd“ in Alf und verbindet noch heute starke Erinnerungen damit. Diesmal steuern wir, wie schon mehrfach in den letzten Jahren, die charmante Pension von Hiltrud Plunien-Lulé in Brauneberg an, die mit ihrem nostalgischen Flair und ihren unverwechselbaren, antik möblierten Zimmern wirkt wie ein Traum aus alter Zeit. Am Eingang werden wir, selbstverständlich beide mit Mundschutz, von unserer Zimmerwirtin auf Distanz, aber trotzdem herzlich begrüßt. „Wir sind alle sterblich, und das Leben ist immer gefährlich“, meint die 79-jährige überzeugte Protestantin entspannt und verweist auf den Desinfektionsspender am Eingang.

Blick auf den Brauneberger Juffer

Nachdem wir uns in unserem geräumigen Zimmer mit Erker und viel Aussicht auf die Hänge des weltweit bekannten Brauneberger Juffers eingerichtet haben, unternehmen wir einen ersten Ausflug durch die Weinberge zum ehemaligen Kloster Filzen, in dessen Kirche coronabedingt nur wenige Gottesdienste gefeiert werden. Als wir später durch den Doppelort Bernkastel-Kues zum imposanten, sonst viel besuchten Kloster Machern fahren, stellen wir fest: In Bernkastel, einer der Hochburgen des Mosel-Tourismus, ist vielleicht ein Drittel der Besucher unterwegs, die sonst an einem Wochenende üblicherweise da sind, und auf dem Parkplatz des Klosters sieht es ähnlich aus. Die sehr nette, joviale Schwester, die das Spielzeug- und Ikonen-Museum sowie die Kapelle im Kloster betreut, empfängt uns ohne Mundschutz und mit den freundlichen Worten: „Ich zähle nicht mit, denn ich bin sozusagen unsichtbar.“ Wir bestaunen die alten Schätzchen und die wertvollen Puppen und Spielzeuge, die teilweise sogar aus dem 19. Jahrhundert stammen – eine absolute Rarität in derartigen Sammlungen.

Reichlich Kultur an der Mosel

Auf dem Rückweg steht das Geburtshaus des Universalgelehrten Nikolaus Cusanus in Kues auf unserem Programm, das zu einem Cusanus-Museum umgestaltet wurde. Nikolaus legte an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit mit seinen zahlreichen Schriften die Grundlagen für eine neue Wissenschaft des Seins und Erkennens, die auf die Versöhnung der Gegensätze zielte. Sein Geburtshaus dient heute auch als Kulturzentrum und Begegnungsstätte für Vertreter aller Kirchen. Nur wenige hundert Meter entfernt liegt das von dem Diplomaten und Kardinal gestiftete St. Nikolaus-Hospital, das heute wie vor 500 Jahren alten, bedürftigen Männern Wohnung und Unterhalt bietet.

Wegen des unsicheren Wetters starten wir am anderen Morgen mit dem Auto nach Traben-Trarbach, wo wir uns den Besuch des Mittelmosel-Museums vorgenommen haben, aber wegen der coronabedingt eingeschränkten Öffnungszeiten leider vor einer verschlossenen Tür stehen. Dafür nutzen wir die Gelegenheit, schlendern durch die Stadt, besuchen die katholische Pfarrkirche St. Nikolaus und die evangelische Peterskirche, und bewundern die vielen Jugendstil- und Gründerzeit-Häuser. Am Kartenhäuschen für die Mosel-Schiffstouren erfahren wir, dass die Fahrten wegen Covid-19 erst seit kurzem wieder ausgeweitet worden sind, nachdem sie für längere Zeit nur eingeschränkt möglich waren.

Flora und Fauna

Nachmittags „erobern“ wir die evangelisch geprägte Grafschaft Veldenz und nehmen am Tag darauf sofort die nächste Wanderung auf dem hoch über dem Winzerort Wehlen gelegenen ObstArt-Weg in Angriff. Besonderer Clou: Die Begegnung mit einem Wehlener Hütejungen und der 400 Schafe und Lämmer zählenden Herde seines Großvaters aus der Eifel. „Wir betreiben hier Landschaftspflege“, erklärt der 13-Jährige cool, „und ich nutze so meine insgesamt 13 Wochen Schulferien wegen Corona.“ Zum Abschied verblüfft der junge Schäfer uns mit seinen Bibel-Kenntnissen: „Der gute Hirte? Ja, den kenne ich natürlich. Ich hoffe, ich bin auch ein wenig so.“

In Bernkastel mit seiner traumhaft schönen Fachwerk-Altstadt wartet auf uns die Besichtigung der katholischen Pfarrkirche St. Michael und St. Sebastian, die im 14. Jahrhundert für den Stadtheiligen St. Michael erbaut und durch barocke Umbauten verändert wurde. Neben dem Glockenturm aus Bruchstein gehören der prächtig Orgelprospekt und ein Heiliges Grab sowie ein Pestrelief aus der Werkstatt des Künstlers Hans Ruprecht Hoffmann zu den Sehenswürdigkeiten. Von Bernkastel aus fahren wir später die Mosel entlang über Ürzig und Kröv (wo wir selbstverständlich den berühmten Wein „Kröver Nacktarsch“ erstehen) und vorbei an Zell und Bremm mit dem steilsten Weinberg Europas, dem berühmten Calmont, nach Beilstein. Ausgestorben ist es hier wahrhaftig nicht; ganz im Gegenteil sind die Terrassen der örtlichen Restaurants im „Dornröschen an der Mosel“, diesem Inbegriff der Mosel-Romantik, gut besucht, doch wir bekommen noch einen aussichtsreichen Platz in einer Restaurant-Weinlaube mit schönstem Blick auf den Fluss. Was uns während des köstlichen Abendessens allerdings stark auffällt, ist der in Covid-19-Zeiten geringe Verkehr auf der Mosel: Der Fluss liegt so ruhig und verträumt da, wie es in den 50er oder 60er Jahren gewesen sein mag.

Grafen, Gold und Schwarzer Peter

Doch was steht für uns tags darauf noch an? Natürlich, der originelle und vielseitige Wanderweg „Grafen, Gold und Schwarzer Peter“ in Brauneberg, der wegen seiner Steigung für heiße Sommertage zu schweißtreibend, bei durchwachsenem Wetter um die 20 Grad aber genau der richtige ist. Auf dem Hin- und Rückweg machen wir Rast am Donatus-Bildstock, von wo aus sich ein fantastischer Rundblick auf die Weinberge an der Mosel und im Veldenzer Hinterland bietet. Auffällig ist, dass vor dem Bild des heiligen Donatus diesmal so viele Kerzen brennen, wie wir sie hier noch nie gesehen haben. Ob das mit Wünschen von Winzern, die um gutes Wetter bitten, oder doch eher mit der Corona-Pandemie zu tun hat, lässt sich schwer beantworten. An dem durch viele wunderbare Ausblicke geprägten Weg liegt unter anderem auch ein kleiner jüdischer Friedhof, den man unbedingt gesehen haben sollte, wenn man Brauneberg besucht.

Noch ein Wort zu den Gottesdiensten: Da wir beide zu den Risikogruppen gehören, ziehen wir wegen der Ansteckungsgefahr die Übertragungen von Messen im Internet vor und feiern während unserer Urlaubswoche die Gottesdienste mit dem ehemaligen Trierer Weihbischof und jetzigen Aachener Diözesanbischof Helmut Dieser, einem großartigen Prediger, intensiv mit.

Fazit: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

Corona hat es möglich gemacht, dass wir eine Woche lang Brauneberg und die einzigartige, romantische, stark von der Kirche geprägte Natur- und Kulturlandschaft an der Mosel haben erleben und genießen können. Vieles hatten wir zuvor noch nie gesehen oder besichtigt, weil wir sonst (vermeintlich) nie Zeit genug gehabt haben. Wenn man sich vorsichtig verhält – so haben wir zum Beispiel wegen der geringen Infektionsgefahr abends stets draußen in den Restaurants gespeist – und die Hygieneregeln nicht als störend, sondern als hilfreich empfindet, ist ein durchaus entspannter Urlaub möglich. Manches haben wir diesmal nicht gesehen und müssen wir bei nächster Gelegenheit nachholen, so zum Beispiel einen Trip nach Trier mit dem Dom und der Liebfrauenkirche, die beide zum Weltkulturerbe gehören. Fest steht: Wir werden möglichst bald wiederkommen – und nicht nur für drei Tage.

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