Religionsgeschichte

Lazarusgrab in neuem Glanz

Bethanien, südöstlich von Jerusalem gelegen, ist ein geschichtsträchtiger Ort. Mehrheitlich muslimisch, harren dort nur noch wenige christliche Familien aus. Das dortige Felsengrab des heiligen Lazarus soll nach einem aufwändigen Restaurierungsprojekt bald zahlreiche Besucher anziehen.

Lazarusgrab
Die Kirche beim Lazarusgrab: Die erste Kirche aus dem vierten Jahrhundert zerstörte ein Erdbeben etwa 200 Jahre später. Sie wurde durch eine größere ersetzt, die wiederum durch die Kreuzfahrer vergrößert wurde. Foto: fotolia.de

Al-'Azariye, zu Deutsch etwa Lazarushausen, hat es seit 2002 noch schwerer. Wurde der als Bethanien bekannte palästinensische Ort schon vorher selten angefahren, zwingt der Bau der israelischen Barriere Besucher zu einem Umweg. Wegen des dadurch entstehenden Zeitverlustes planen vermutlich viele Agenturen den Ort gar nicht in eine Reise ein. „Früher konnte man Bethanien von Jerusalem aus in drei Kilometern erreichen, heute sind es 17“, erklärt die KNA-Korrespondentin Andrea Krogmann.

Die Mauer verbaut den Weg

Kommt die Pilgergruppe allerdings vom Toten Meer oder vom See Genesareth durch das Jordantal mit Ziel Bethlehem oder Jerusalem, fällt der Umweg kürzer, der Zeitverlust kleiner aus. Wehmütig blickt der Deutsche Georg Rössler in die Zeit vor dem Bau der Barriere, teils Zaun, teils Mauer, zurück. „Natürlich war es früher besser“, meint Reiseleiter Rössler, der seit 30 Jahren in Jerusalem lebt. „Mit engagierten Gruppen konnten wir nach dem Besuch in Bethanien zu Fuß weiterlaufen und uns auf dem Weg über den Ölberg unmittelbar in die Passionsgeschichte und den Palmsonntag stellen – belohnt und gekrönt von dem bekannten spektakulären Blick auf die Altstadt.“

Das ist seit fast 20 Jahren nicht mehr möglich. Die Mauer bei Bethanien, die Palästinenser von Landsleuten trennt, hat den Weg verbaut. Trotzdem kamen vor der Pandemie nach Angaben des Bürgermeisters immerhin 500 000 Besucher jährlich in den mehrheitlich muslimischen Ort, in dem nur noch wenige christliche Familien ausharren. Eine per Email an Pfarrer, Gruppenleiter und Reiseveranstalter gerichtete Anfrage dieser Zeitung ergab, dass selbst Heilig-Land-Kenner noch nie im Lazarusgrab waren.

Winziger Durchschlupf zur Grabkammer

Markus Hoffmann, Geschäftsführer von TOBIT-Reisen in Limburg, hat in über 20 Jahren Zehntausende von Pilgern ins Heilige Land gebracht. Einige Reisen hat er begleitet, zudem weilte er zu Fortbildungen in Israel und Palästina, zusammen kommen so 15 Aufenthalte. Bethanien? „Das ist einer der Orte, an denen ich noch nie gewesen bin“, gesteht er. Genauso reagierte Dekan Albin Krämer aus der Nähe von Würzburg. Auch er schaffte es auf einem Dutzend Reisen nicht nach Bethanien. Monsignore Max Pinzl aus der Diözese Passau war bei über 20 Reisen „nur wenige Male in Bethanien, zum ersten Mal im Jahre 1968“. Ihm sind die „verhauten Steinstufen in die Tiefe und der winzige Durchschlupf zur inneren Grabkammer in unvergesslicher Erinnerung“. Seitdem kann er sich unter Felsengrab konkret etwas vorstellen.

Verbessertes Raumklima

Mit „verhauten Steinstufen“ ist es seit Kurzem vorbei, dank des kürzlich abgeschlossenen Restaurierungsprojektes rund um Grab und Kirche. ATS Pro Terra Sancta, das Hilfswerk der in Jerusalem ansässigen Franziskanerkustodie, das palästinensische Mosaikzentrum Jericho sowie die italienische Agentur für Entwicklungszusammenarbeit AICS reichten sich die Hand und arbeiteten Hand in Hand. Nicht nur das Raumklima im Grab verbesserten sie, auch die ungleich großen, abgeriebenen Treppenstufen besserten sie aus. Zudem förderten sie Erstaunliches zutage: im Boden der Grabkammer zwei Ossuarien, Knochenkästen, die derzeit untersucht werden. Außerdem sicherten sie archäologische Überreste und Funde aus römischer, byzantinischer und islamischer Epoche.

Laut Carla Benelli, verantwortlich bei ATS Pro Terra Sancta, waren diese „in einem schlimmen Zustand des Verfalls und der Vernachlässigung“- Sowohl auf dem Gelände der Franziskanerkustodie als auch der benachbarten islamischen Stiftung Awqaf arbeitete das internationale Team. Carla Benelli äußert sich fast euphorisch nach Abschluss der ersten Sanierungsphase. Die Überreste der Vergangenheit und das Gelände um Lazarusgrab und -kirche seien „viel attraktiver“ als vorher, versicherte sie dieser Zeitung. Sie verweist auf neue Info-Tafeln und Filme, die die Geschichte des Ortes erklären. Diese reicht mindestens 1 600 Jahre zurück. Die erste Kirche aus dem vierten Jahrhundert zerstörte ein Erdbeben etwa 200 Jahre später.

Zwei neue Kirchen sind entstanden

Sie wurde durch eine größere ersetzt, die wiederum durch die Kreuzfahrer vergrößert wurde: Gleich zwei neue Kirchen entstanden. Die unmittelbar über dem Grab wurde mit der Zeit in ein muslimisches Gotteshaus verwandelt und im 16. Jahrhundert zur heutigen Al-Usair-Moschee ausgebaut. Damals mauerte man nach einem Abkommen mit den Franziskanern den ursprünglichen Zugang zum Grab – heute unter der Moschee – zu. Eine steile Treppe wurde deshalb 1613 von der Straßenseite aus geschaffen, wofür Arbeiter 24 Stufen aus dem Felsen schlugen. Im Grab, das über die Jahrhunderte mehrfach umgestaltet wurde, sieht der Pilger einen Vorraum mit einem mittelalterlichen Spitzbogengewölbe und die Grabkammer. In dieser sind die Loculi, die Plätze für die Verstorbenen, allerdings vermauert.

Schlüsselrolle für Bethanien

Carla Benelli, deren Organisation schon seit 2014 in Lazarushausen tätig ist, erklärt den Hintergrund der Arbeit: Dank finanzieller Unterstützung durch MISEREOR konnte diese ausgeweitet und verlängert werden. Seit April 2017 läuft nun ein nachhaltiges, umweltverträgliches Tourismusprojekt, unterstützt durch AICS. Daran sind auch lokale Schulen, Mikro-Unternehmen in Frauenhand, die palästinensische Al-Quds-Universität und das palästinensische Ministerium für Tourismus und Altertümer beteiligt. Dabei wurde auch ein Stadtplan mit Erklärungen in arabischer, englischer und italienischer Sprache erstellt. Das Projekt zeigt nach Meinung von Carla Benelli, dass „Kultur und Geschichte beitragen können, Armut in Palästina zu verringern“. Denn der geschichtsträchtige Ort Bethanien könne eine „Schlüsselrolle spielen, das Wohlbefinden der Ortsbevölkerung zu verbessern und zwar in wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Hinsicht“. Stolz blickt sie auf die geleistete Arbeit zurück. „Die gemeinsame Arbeit von Christen und Muslimen, um eine heilige Stätte zu erhalten, ist eine starke Botschaft des Friedens und der Koexistenz.“

Georg Rössler, Vize-Chef der israelischen Reiseagentur SK Tours in West-Jerusalem, freut sich zutiefst mit, persönlich wie auch als Reiseveranstalter. „Die Restaurierung und die archäologischen Grabungen begrüßen wir von ganzem Herzen! Einmal bedeutet es eine weitere Professionalisierung der palästinensischen Autonomiebehörde und das ist gut.“ Wenn Israelis und Palästinenser sich auf Augenhöhe begegnen wollten, gehe es nicht an, dass kirchliche oder staatliche Stätten in Israel vergleichsweise gut ausgestattet sind, während Orte in Palästina „eher heruntergekommen daherkommen“. Heruntergekommen – genauso hat Ruhestandspfarrer Pinzl das Grab in Erinnerung, „und traurig“. Daher erfüllt auch ihn die Renovierung „mit großer Freude“.

Multimedia-Formate

Doch ist die italienisch-palästinensische Zusammenarbeit noch nicht am Ziel angelangt. Geplant ist, in einem Gewölbe des teilweise erhaltenen mittelalterlichen Klosters einen Saal zu gestalten. Darin sollen nicht nur die bedeutendsten Funde zu sehen sein, sondern Filme und andere Multimedia-Formate sollen die Bedeutung des Ortes vermitteln. Für Carla Benelli lautet die: „Die Auferweckung des Lazarus ist eine zutiefst spirituelle Botschaft der Hoffnung.“

Diese Pläne dürften dem studierten Theologen Georg Rössler sehr gefallen, ist er doch der Meinung, Bethanien werde „im Pilgerreisegeschäft grundsätzlich nicht ausreichend gewürdigt in seiner theologischen Bedeutung“. Für Rössler ist das elfte Kapitel des Johannesevangeliums „der Höhepunkt des Evangelienberichtes!“. Nach langem Verzögern überschlage sich genau hier die Handlung in ihrem Tempo. „Der hohe Rat tagt und besinnt sich unter Kaiaphas auf eine verantwortungsethische Haltung gegenüber dem vermuteten Aufrührer – besser einer stirbt, als das ganze Volk!“ Jesu Zuwarten und viel zu späte Eintreffen in Bethanien bedeute eine dramatische Hinführung auf den „Clou der Heilsgeschichte“, womit Rössler meint: „In Bethanien erleben wir die ,kleine Auferstehung‘, die Hörer und Leser der Botschaft überhaupt erst vorbereitet auf die ,große Auferstehung‘.“

House of Hope

Ermutigen möchte er alle Pilgergruppen zu einem Besuch in Lazarushausen. Neben Kirche und Grab empfiehlt er ein Gespräch in der unweit gelegenen Schule House of Hope. Auch kann man ein traditionelles Mittagessen bei einer der Frauen-Mikro-Initiativen einnehmen. „Der Besuch in Bethanien ist ein Highlight! War es immer, und ist es auch trotz des heutigen Umweges geblieben!“

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