Portugal

In Braga betet man

Die Diözese von Braga ist die älteste in Portugal. Die Stadt im Nordwesten des Landes glänzt mit reichem historischem Erbe. Erinnerungen aus einer Zeit, in der das Coronavirus dem Reisenden noch nicht die Pläne durchkreuzte.

Braga: Wallfahrtsort"Bom Jesus do Monte"
Auf einer Anhöhe liegt der Wallfahrtsort „Bom Jesus do Monte“. Er zählt zum Weltkulturerbe. Foto: Imago Images

Auf der Suche nach einem Reiseziel für einen längeren Aufenthalt stößt der Verfasser auf die Stadt „Braga“. Der Klang des Wortes hallt in ihm nach und er erinnert sich – vor Jahren, auf der Rückreise von Santiago de Compostela – durch ein Zugfenster blickend, auf einem Bahnhofsschild „Braga“ entziffert zu haben. Als er später einen Hinweis auf „das portugiesische Rom“ und die Erklärung findet, „In Porto arbeitet, in Lissabon lebt und in Braga betet man“, fasst er einen Entschluss.

Immer geradeaus!

Als ihn am nächsten Morgen die Mitarbeiterin eines Reisebüros auf „Hotel Bracara Augusta, mitten im historischen Zentrum!“ hinweist, fackelt er nicht lange. Einige Tage danach kommt er – nach einem Flug bis Porto und Weiterreise mit dem Zug –in der „Estaçao de Comboios de Braga“ an und tritt, bei deutlich gestiegenen Temperaturen, ins Freie.

Welche Himmelsrichtung gilt es nun einzuschlagen? Ein älterer Herr, eine Zigarre im Mundwinkel, lässt sich die Adresse zeigen und hat die Lösung, von unmittelbar zu verstehender Gestik begleitet, sogleich parat: „A direito! A direito!“ – immer geradeaus! Der Tourist dankt – „Obrigado!“ – und zieht seinen Reisekoffer durch die Fußgängerzone in Richtung Hotel hinter sich her.

Älteste Diözese Portugals

Braga, im Jahre 3 vor Christus als römische Stadt „Bracara Augusta“ gegründet, liegt im Nordwesten Portugals und ist Sitz des Erzbischofs Jorge Ferreira da Costa Ortiga, der zugleich Primas von Portugal ist. Die Diözese von Braga ist die älteste in Portugal und die Entfernung zum spanischen Wallfahrtsort Santiago de Compostela beträgt etwa 150 Kilometer.

Während der folgenden Wochen soll nicht nur das reiche historische Kulturerbe erkundet werden, wichtig sind auch genügend Zeit für Stille und geistliche Erneuerung und so zückt der Hotelgast am Frühstückstisch einen Stadtplan, auf dem auffallend viele Kirchen dargestellt sind. „Bom día!“, grüßt eine charmant strahlende Hotelangestellte, die, wie sich später herausstellen wird, aus Sao Tomé und Príncipe stammt. Sie bringt Kaffee, deckt noch verwaist dastehende Tische und wirft, im Vorübergehen, einen Blick auf den Stadtplan. Dann deutet sie auf die Abbildung einer Kirche, sagt lächelnd „ao lado!“ – gleich nebenan! – und schon huscht sie wieder davon.

Wasserspiele und Arkaden

Kaum hat der Reisende das Hotel verlassen, folgt er ihrem Wink. Erfreulicherweise ist die Kirche nicht nur geöffnet, vielmehr wird zu früher Stunde bereits eine heilige Messe gefeiert, wobei dem Besucher auffällt, wie viele Gläubige sich eingefunden haben. Die Zeit intensiver sprachlicher Vorbereitung, dies bemerkt er erleichtert, war nicht umsonst. Dem Evangelium und der Predigt kann er gut folgen und so hört er aufmerksam zu.

Als er die Kirche wieder verlässt, hat sich der Himmel wunderbar aufgehellt. So schlendert er zu einem der beliebten Versammlungsplätze der Stadt und nähert sich, unweit von Arkaden und Cafés, die für erste Besucher öffnen, einem Springbrunnen. Es dauert nicht lange, und eine Fontäne schießt in die Höhe; Wasserspiele beginnen, die überraschende Formen annehmen und Schaulustige anziehen. Eine Touristin setzt sich wagemutig auf den Brunnenrand und will sich fotografisch ablichten lassen. Doch bald bemerkt sie, dass sie den Bewegungsspielraum des Wassers unterschätzt hat. Heiterkeit kommt auf, zumindest bei Augenzeugen.

Lebendige Kirche

In den folgenden Wochen wird der Verfasser viel Zeit in weiteren Gotteshäusern verbringen, über „Azulejos“ (kunstvoll bemalte, glasierte Keramikfliesen) staunen und von reich mit Schnitzereien verziertem Chorgestühl fasziniert sein. Bei Gottesdiensten lässt er Eindrücke auf sich wirken und schließlich beginnt er, zwischen Braga und „zu Hause“ Vergleiche zu ziehen.

Eines Tages – er bekommt im „Café A Brasileira“ gerade einen „galao“, einen Milchkaffee serviert – fragt er sich, woran es wohl liegt, dass die Atmosphäre kirchlichen Lebens hier ganz anders, lebendiger und überzeugender wirkt. Er leert seine Tasse, verlässt das Café und begibt sich, an einem Röstkastanienstand vorbei, auf die Flaniermeile. Während er einen Blick auf „Bom Jesus do Monte“, den in der Ferne, auf einer Anhöhe gelegenen und zum Weltkulturerbe zählenden Wallfahrtsort wirft, kommt ihm ein Bild in Erinnerung, auf dem eine Traumvision des heiligen Don Bosco dargestellt ist: Der Heilige sieht den Papst auf einem Schiff, das – bei starkem Gegenwind und aufgewühltem Meer – von einer feindlichen Flotte bedroht wird. Dabei ist es von zwei hoch aufragenden, mächtigen Säulen umgeben: Auf der höchsten und mächtigsten Säule sieht man das Allerheiligste, auf der zweiten, auch imposanten Säule, eine Statue der heiligen Jungfrau Maria.

Jesus und Maria

Bemerkenswert ist, dass diese beiden „Säulen“ in Braga gleichsam voll aufgerichtet sind. Wie oft war in Kirchen dieser Stadt das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt und mit welcher Hingabe und Liebe wird Maria verehrt! Schöne Statuen von ihr findet man in jeder Kirche und wer in portugiesischen Kirchen einmal Marienlieder gehört hat, wird dies nicht vergessen. Beim Gedanken an Marienmonat Mai-Eröffnungen mit Tanzveranstaltung, an Maiandachten ohne ein „Ave Maria“, an einen kühlen Hinweis auf „100 Jahre Fatima“, gefolgt von vielfachem Bezug auf „Ökumene“, wird ein Unterschied im kirchlichen Leben zweier Länder deutlich.

Nun können ökumenische Begegnungen natürlich sinnvoll sein, doch wenn es an „katholischem Profil“ fehlt, scheint an dem eingeschlagenen Kurs etwas nicht ganz zu stimmen. Auch die Veränderung von „Prozessen“ und „Strukturen“ kann notwendig sein. Zu geistlicher Vertiefung und Erneuerung, zu größerer Lebendigkeit des geistlichen Lebens wird diese jedoch kaum führen. In Braga zeigte sich eine andere Geisteshaltung: Eine „marianische“, die zu Christus führt. Hierzulande erfährt das Rosenkranzgebet oft wenig Wertschätzung, wie auch an Herz-Jesu-Freitagen nur selten Eucharistische Anbetung gehalten wird. In Kirchen in Braga hingegen wird beides mit Hingabe gepflegt und die geistlichen Früchte sind unübersehbar.

Geistliches Fundament

Auch in der Verkündigung war ein geistliches Fundament erkennbar: In vollem Einklang mit dem Evangelium stehend, war sie wohltuend frei von exegetischen Auswüchsen, mit denen man Gläubige nicht selten verunsichert, im Glauben verwirrt und schwächt. In Kirchen hierzulande kann manchmal die Frage aufkommen: Wer oder was wird hier eigentlich gefeiert: die Gemeinde? In Braga wendet sich der Priester dieser auch zu, im Zentrum der Aufmerksamkeit steht aber: Jesus Christus, das Wort Gottes. Die sakrale Atmosphäre, die man hier oft vermisst, im „portugiesischen Rom“ ist sie zu spüren und führt zur Vertiefung.

Vor der Rückreise blieb noch einmal Zeit, sich auf den Weg zu machen. Ziel war ein weiterer, unweit vom Bom Jesus do Monte gelegene Wallfahrtsort, das „Santuário do Sameiro“, ein Heiligtum der Patronin der Erzdiözese Braga, das zweitgrößte Marienheiligtum Portugals: Ein guter Abschluss für die in Braga verbrachte Zeit, und so klingt dieser Artikel mit den Worten aus: „Santa Maria do Sameiro, bitte für uns.“

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