Madrid/Spanien

San Isidro Labrador: Schutzpatron von Madrid

Spaniens gebeutelte Hauptstadt Madrid steht unter dem Schutz eines heiligen Bauern.

Aufbewahrung der ursprüngliche Grabtruhe des heiligen Isidro Labrador in Madrider Kathedrale Almudena
In der Madrider Kathedrale Almudena (davor: ein Bildnis von Papst Johannes Paul II.) wird die ursprüngliche Grabtruhe des heiligen Isidro Labrador aufbewahrt. Die Gebeine des Heiligen ruhen aber in der Stiftskirche San Isidro. Foto: Drouve

Er war ein frommer, fleißiger Landwirt, dem das Volk eine Vielzahl an Wundern nachsagte: San Isidro Labrador. Sein Name lässt sich mit „heiliger Bauer Isidro“ übersetzen. Er lebte im Mittelalter, als nicht ansatzweise daran zu denken war, dass ein Örtchen namens Madrid, gelegen im geografischen Herzen Spaniens, einmal zur Hauptstadt und zum Königssitz aufsteigen konnte. Dort wird Isidro unverändert als Schutzpatron verehrt. Gedenktag ist der 15. Mai.

Bitte um Beistand

In diesem Jahr fällt das traditionelle Stadtfest zu seinen Ehren aus, da die Corona-Pandemie insbesondere in Madrid dramatische Ausmaße angenommen hat. Die Infektions- und Todeszahlen in Spaniens größter Stadt waren von Beginn an erschreckend hoch. Doch inmitten der Krise dürfte der Heilige kaum wichtiger gewesen sein als heute. Viele Menschen werden gerade jetzt ihre Gebete an ihn richten, in aller Stille um Beistand bitten.

Heilig seit 1622

Dass Madrid unter dem Patrozinium eines einfachen Bauern steht, unterstreicht, dass auch eine der maßgeblichen Millionenmetropolen Europas „eine Kindheit“ hatte, wie es die Erzdiözese in einer Schrift trefflich ausdrückt. Die „Lehre der Geschichte“ gebe „Lektionen der Demut“, heißt es weiter. Wer die Historie mit den Lebensdaten Isidros konkret fassen will, steht allerdings vor einem Verwirrspiel. Während das Erzbistum von „etwa“ 1080 bis 1130 spricht, verbürgt eine Tafel am Sankt-Isidro-Haus im Madrider Stadtteil La Latina sein Todesjahr „um 1172“.

Das sind einige Jahrzehnte Unterschied – aber was macht das schon, wenn es um das mündlich tradierte Gut und die Glaubensstärke eines Vorbilds geht? Für das Volk war Isidro bereits zu Lebzeiten ein Heiliger, weil er sich durch Nächstenliebe und Gottestreue auszeichnete, ein Herz für die noch Ärmeren hatte und eine Fülle an Wundern zum Wohl der Menschen bewirkte. Erst 1622 erfolgte die offizielle Heiligsprechung durch Papst Gregor XV.; wenige Jahre zuvor hatte Spaniens König Philipp III. die Heilung von einer Krankheit auf die Fürsprache Isidros zurückgeführt.

Knecht und Landarbeiter

Isidro stammte aus einfachsten Verhältnissen und dürfte in der Madrider Kirche San Andrés getauft worden sein. Früh schuftete er für eine Familie als Knecht und Landarbeiter, bevor der Boden durch die schwelenden Glaubenskonflikte mit den Mauren zu heiß wurde. Er ließ sich vorübergehend in einem Örtchen namens Torrelaguna nieder, wo er seine Frau María Toribia kennenlernte. Sie wird als Santa María de la Cabeza ebenfalls als heilig verehrt.

Nach der Rückkehr nach Madrid trat Isidro als Bauer in die Dienste des Adeligen Juan de Vargas. Der Überlieferung zufolge brach Isidro niemals zur Arbeit auf, ohne vorher die Messe gehört und sich aufs Neue dem Herrn und der heiligen Gottesmutter anvertraut zu haben. Eine Wundergeschichte besagt, dass die Engel für den frommen Isidro das Feld bestellten, während er Pausen für die Gebete einlegte. Es gibt auch eine andere Variante der Story, derzufolge sich die Engel nicht selber die Hände schmutzig machten, sondern dafür sorgten, dass Ochsen die Äcker auf ihre Kommandos pflügten.

400 Wunder

Damit sind wir beim Herzstück der Heiligenverehrung: den Mirakeln. Über 400 Wunder ranken sich um Isidro. Mal ließ er per Stockschlag eine Quelle aus dem Boden sprudeln, mal bat er erfolgreich um Regengüsse für die Bewässerung von Feldern. Er sorgte dafür, dass sich für Arme der Weizen vermehrte, ein anderes Mal die Suppe im Topf. Welche Essenz an Wahrheit den Erzählungen um den Heiligen zugrunde lag, lässt sich nicht mehr ergründen.

„Immer mit den Bedürftigsten.“ Leitsatz des Hl. Isidro

1212, lange nach seinem irdischen Ableben, trat Isidro in Andalusien vor einer Schlacht zwischen Christen und Mauren anderweitig in Aktion. In der Gestalt eines Hirten zeigte er König Alfons VIII. einen versteckten Weg, um die Christenheere besser in Position zu bringen. Realgeschichtlich war der Sieg über die Muselmanen in jener Schlacht bei Navas de Tolosa ein Meilenstein bei der Rückeroberung der maurisch besetzten Territorien. Ein kleiner Anteil des Triumphs entfiel also auf Isidro – sofern man der Episode Glauben schenkt.

Aus dem Brunnen wieder aufgetaucht

Die bekannteste Geschichte, das Brunnenmirakel, dreht sich um Isidros eigene Familie. Auf dem Grundstück, wo sie und Herr Vargas wohnten und sich heute das Sankt-Isidro-Haus befindet, stand ein Brunnen. Eines Tages stürzte Illán, der kleine Sohn des Heiligenpaares, in einem Moment der Unachtsamkeit tief hinein. Isidro und María fielen am Rand des Brunnens auf die Knie und beteten ohne Unterlass. Ihr Gottvertrauen wurde belohnt. Das Wasser stieg an und hob den Jungen unversehrt empor. Der Kleine war derart aufgedreht, dass er sogar fröhlich „mit seinen Händen aufs Wasser“ schlug, wie eine alte Biographie über Isidro ausschmückt.

Ein Besuch im Sankt-Isidro-Haus – während der Corona-Krise noch geschlossen – ist ansonsten Pflicht. Das Anwesen ist als Museum aufgezogen. Hier begegnet man dem Heiligen in Form von Skulpturen und Gemälden. Zudem tritt man an den Wunderbrunnen heran und kann durch die Schutzglasplatte hinabsehen.

Verschiedene Grabstätten

Konfus ist die Geschichte um die sterblichen Reste. Die erste Grabstätte des Heiligen befand sich unweit des Museumshauses in der Kirche San Andrés. Jahrzehnte darauf exhumierte man ihn und gab dem unversehrten Leichnam einen neuen Platz: in einem prächtigen Sarkophag, der heute in der Kathedrale Almudena steht. Allerdings ist dieser leer. Denn im 17. Jahrhundert bettete man die Gebeine abermals um und überführte sie in die Stiftskirche San Isidro; im Schrein soll auch seine Frau María ruhen. Sankt Isidro genießt als Schutzheiliger der Landwirte und Agraringenieure gleichermaßen Verehrung. Landesweit sind ihm um den 15. Mai – in normalen Zeiten ohne Corona – dörfliche Feierlichkeiten und Wallfahrten geweiht, darunter in Südspanien in Nerja und Estepona sowie auf der Kanareninsel Gran Canaria in Arucas.

Bitte um Gottes Hilfe

„Immer mit den Bedürftigsten“ lautet ein Leitsatz über den Heiligen. Fasst man dies in erweitertem Rahmen, sind heute viele Madrider besonders „bedürftig“, wenn es um Beistand und Fürsprache geht. Auf einer Gebetsseite im Internet findet man eine treffende Formel für die aktuelle Lage, gerichtet an Isidro: „Tritt‘ für uns ein beim Gott Schöpfer. Bitte ihn, er möge uns mit seiner unendlichen Barmherzigkeit helfen, er möge seine Augen auf uns richten und seine Hilfe zuteilwerden lassen, die wir in diesem Moment so dringend brauchen.“

Ein Herz für Tiere

Isidro hatte auch ein Herz für Tiere. Einmal rettete er einem Hasen das Leben, den ein wilder Hund hetzte. Er gebot dem Verfolger im Namen Gottes Einhalt – und der Hund stand still. Ein anderes Mal brach Isidro an einem Wintertag mit einem Sack Korn zu einer Mühle auf. Unterwegs erbarmte er sich der Vögel, die bei Eis und Schnee nichts mehr zu fressen fanden. Er versorgte sie mit Körnern und stellte bei Ankunft in der Mühle fest, dass der Sack genauso voll war wie beim Abmarsch.

In Isidros Sinn dürfte sein, dass mit der Absage des mehrtägigen Stadtfestes in Madrid auch das Rahmenprogramm mit den leidigen Stierkämpfen entfallen ist. Statt in der Arena in ungleichen Kämpfen zu sterben, dürfen die Tiere nun auf Spaniens Weiden friedlich weitergrasen. Das wäre auch ein Anstoß für die Zukunft.

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