Amman/Jordanien

Hinaus ins Weite

Um spirituelle Bedürfnisse zu befriedigen, gibt es mehrere Wege.

Kamele im Sonnenaufgang
Die Landschaft der Wüste ist abwechslungsreich und macht das Herz weit, der Sand und die Felsformationen wechseln die Farbe von gelblich-beige bis hin zu tiefem Ziegelrot. Doch es kann auch stürmisch und kalt werden, wie in der dritten Nacht im Freien. (Foto: dpa) Foto: dpa

Schon seit langem verspürte ich eine tiefe Sehnsucht nach Wüste in mir. Waren es kurze Gelegenheiten in Israel und am Sinai, wo ich ein wenig in Wüstenlandschaften hineinschnuppern konnte, die Lust auf „mehr“ machten? Oder vielleicht die Suche nach vollkommener Ruhe, nach Aussteigen in ein einfaches Leben, ohne den gewohnten Komfort? Am Ende wohl am meisten ein spirituelles Bedürfnis – die Suche nach Gottesbegegnung, für die im Alltag oft so wenig Zeit und Raum bleibt. „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir.“ (Ps 63)

Als ich auf das Angebot der Wüstenexerzitien in Jordanien stieß, war ich sofort elektrisiert. Aber dann kamen doch viele Fragen. Trotzdem, die Sehnsucht blieb und ich meldete mich an. Kurz vor der geplanten Abreise hatte das Corona-Virus auch Deutschland erreicht, und ich bangte sehr, ob wir überhaupt würden reisen können. Doch wir haben Glück und bekommen grünes Licht. Am Flughafen in Frankfurt, wo wir uns treffen, ist die Kapelle aufgrund der Infektionsgefahr geschlossen. Wir feiern die erste Heilige Messe auf dem Areal eines Autovermieters, der Schalter dient als Altar.

Ohne Handy und Uhr

Der Flug nach Amman, die Hauptstadt Jordaniens, vergeht reibungslos, die erste Nacht verbringen wir in einer einfachen, aber festen Unterkunft. Spätestens ab dem nächsten Morgen sind Uhren und Handys ganz tief im Rucksack verstaut und bleiben da auch bis zum Ende. Wir verlassen uns ganz auf unseren Mose, der uns „gefühlte Zeiten“ vorgibt, wissen aber nie, wieviel Uhr es genau ist. Wir treten buchstäblich ein in die Zeit Gottes. Nach einem Tag ist das gar kein Problem mehr, ich vermisse weder Handy noch Uhr. Mit dem Bus fahren wir bis zu einem Beduinendorf am Eingang zur Wüste. Unser großes Gepäck wird auf Jeeps umgeladen. Wir tragen nur noch den Tagesrucksack und bekommen den ersten „Beduinenlunch“. Danach gibt es ein paar Instruktionen zum Verhalten in der Wüste.

Endlich geht es los – die Wüste erwartet uns. Es ist warm, Sonne und Wolken wechseln sich ab, wir klettern zunächst auf einem schmalen Steig durch felsiges Gelände und gehen anschließend durch tiefen Sand. Nach ein paar Nächten mit wenig Schlaf empfinde ich das als recht anstrengend. Im Schatten eines Felsens nehmen wir unser mitgebrachtes Essen ein. Als es später heißt „Holz sammeln für das Lagerfeuer“, erfahren wir: Das bedeutet, das Lager ist nah. Ich habe nichts dagegen.

Wasser ist kostbar

Das Lager ist von den Beduinen vorbereitet: Ein Windschutz, innen mit Matten ausgelegt, rundherum Polster auf dem Boden, auf denen wir sitzen können. Am Rand brennt schon das Feuer, ein Kessel Beduinentee und ein weiterer mit heißem Wasser stehen bereit. Wir bekommen die Nachtlagerplätze für die Frauen und Männer zugewiesen, ebenso die jeweiligen „Toilettenbereiche“. Zum Waschen stehen uns nur die mitgebrachten Feuchttücher zur Verfügung, Wasser ist zu kostbar und gibt es daher nur zum Zähneputzen. In einer „gefühlten Zeit“ sollen wir uns alle am Lagerplatz einfinden. Bis dahin bereiten wir unser Nachtlager vor und ziehen uns wärmer an, denn sobald die Sonne untergegangen ist, wird es deutlich kälter. Vor dem Essen feiern wir die erste heilige Messe im Freien auf einem felsigen Platz mit weitem Ausblick.

Gelassenheit und innere Ruhe

Es folgt das erste Abendessen, von den Beduinen frisch für uns zubereitet. Anschließend gibt es eine Vorstellrunde am Lagerfeuer. Ahmed, der Stammesfürst der Beduinen in dieser Gegend, gewährt uns einen Einblick in das Leben seines Volkes und steht für Fragen zur Verfügung. Keiner von uns möchte Beduine werden, aber von der Gelassenheit und inneren Ruhe können wir uns durchaus etwas abschauen. Wie es den Beduinen wohl gelingen wird, ihren eher archaischen Lebensstil in die Neuzeit zu übertragen? Nach der Komplet werden wir in die wunderbare Vollmondnacht entlassen. Es ist so hell, dass wir die Stirnlampen kaum benötigen. Im Freien zu übernachten ist ungewohnt, aber ganz besonders schön.

Am nächsten Morgen werden wir geweckt und bekommen wieder eine „gefühlte Zeit“ vorgegeben. Da wir noch intensiv mit der Ausrüstung und dem Verstauen derselben kämpfen, denkt jeder „das schaffe ich nicht“. Am Ende sind doch alle pünktlich beim Frühstück, das die Beduinen wieder liebevoll für uns vorbereitet haben. Wir befüllen unsere Lunchdosen und versorgen uns mit dem Tagesvorrat an Wasser. Dann ziehen wir los – der erste volle Tag in der Wüste!

Kein Tag ist wie der andere, aber immer halten wir Lobpreis an herrlichen Plätzen. Einmal lockt unser Gesang eine Kamelherde mit Jungen hervor, die uns viel Freude macht. Täglich feiern wir die heilige. Messe, täglich gibt es einen Impuls. Die Gruppe wird in Weggemeinschaften eingeteilt, die sich einmal am Tag intensiver austauschen. Auch werden kleinere Dienste zugewiesen; das klappt reibungslos. So nach und nach lernen sich die Teilnehmer näher kennen. Die Gemeinschaft wächst schnell zusammen.

Schweigen in grandioser Landschaft

Die Landschaft ist grandios und abwechslungsreich und macht das Herz weit. Manchmal bilden die Felsen eine weite Arena, der Sand und die Felsformationen wechseln die Farbe von gelblich-beige bis hin zu tiefem Ziegelrot. Mal gehen wir über Geröll oder festen Sand, mal versinken wir fast darin; dann klettern wir auf Berge oder kraxeln durch enge Schluchten. Ein besonderes Vergnügen ist es, lange und steile Sanddünen hinunterzurennen. Wir werden wie die Kinder. Weite Teile des Weges gehen wir im Schweigen. Es gibt immer die Gelegenheit, mit einem der Priester zu sprechen und auch zu beichten. Abends am Lagerfeuer hören wir Zeugnisse, Wüsten- und Berufungsgeschichten. Den Tagesabschluss bildet immer die gemeinsame Komplet.

Mit dem Allerheiligsten durch den Regen

Die dritte Nacht im Freien wird ungemütlicher: Es gibt Regen und Sturm, der Sand wirbelt um uns herum. Wir müssen alles gut einpacken, damit nichts davonweht oder nass wird. Ich bin dankbar für den Biwaksack, den ich fest zuschnüre, sodass mir das Wetter nichts anhaben kann. Allerdings ist der Untergrund uneben, sodass ich immer wieder abrutsche – insgesamt eine ziemlich schlaflose Nacht. Am Morgen ist es noch windig, aber doch wieder schön. Die Beduinen haben das Frühstück im Zelt aufgebaut, damit es nicht weggeweht oder versandet wird. Wir klettern auf einen nahegelegenen Berg und halten Lobpreis bei wunderbarer Aussicht. In der Ferne sehen wir eine Reitergruppe vorbeigaloppieren.

An diesem Tag ziehen wir durch Sturm und Regen, aber wir haben das Allerheiligste dabei, und wer möchte, darf es eine Zeit lang tragen. Mit Jesus Herz an Herz – ich bin sehr ergriffen über die Intensität dieser großen Nähe. Der Sturm wird heftiger, Mose und die Beduinen beraten, wie es weitergehen kann. Wir machen eine kurze Pause unter einem Felsvorsprung, ich schlafe erschöpft ein. Die Mittagspause findet in einem festen Zelt im Camp statt. Aufgrund der Ankündigung eines heftigen Sturms in der Nacht bestehen die Beduinen darauf, dass wir die Nacht nicht im Freien verbringen, und laden uns in ihr Camp ein. Die Frauen schlafen in den kleineren Zelten auf dem Boden, die Männer im großen Gemeinschaftszelt.

Am Abend wird das Allerheiligste ausgesetzt, wir halten Anbetung in großer Innigkeit. In der Nacht rüttelt der Sturm kräftig an den Zelten. Wir sind dankbar, ein Dach über dem Kopf zu haben und im Trockenen zu liegen – auch wenn wir den Nächten im Freien nachtrauern. Am nächsten Tag ziehen wir bei widrigem Wetter in die Wüste. Wir haben Mühe, einen geschützten Ort zu finden, wo wir Lobpreis halten und die Hl. Messe feiern können. Nachmittags erfahren wir, dass wir die Exerzitien zwei Tage später beenden müssen, weil dies die letzte Möglichkeit sein wird, aus Jordanien nach Deutschland auszufliegen. Das Corona-Virus hat sich ausgebreitet, Grenzen werden geschlossen, der Flugverkehr eingestellt. Die Enttäuschung ist riesengroß, dennoch fügen sich alle dem Schicksal. Was wir bisher erlebt haben, ist zu groß und gewaltig – unsere Herzen sind voll des Dankes. Auch die kommende Nacht verbringen wir aufgrund des Wetters im Lager.

Abschied von der Wüste

Auf einer besonders großen Düne mit wunderbarem Ausblick ist am nächsten Tag die Zeit des Abschieds aus der Wüste gekommen. Jeder geht noch einmal in die Stille und lässt die vergangenen Tage nachklingen. Ausgelassen laufen oder rollen wir die steile Düne hinunter ins Tal, wo die Beduinen das Abschiedsmahl vorbereitet haben. Wir feiern Abschied und füllen unsere Teebecher mit Wein. Es wird schon dämmrig, als wir auf Jeeps klettern und in rasantem Tempo ins Beduinendorf gefahren werden, wo unser Gepäck und der Bus warten.

Am Flughafen ist viel los, die Stimmung scheint gedrückt. Ein paar der jüngeren Teilnehmer beginnen, Lobpreislieder zu singen. Wir stimmen alle ein – Lobpreis mitten auf dem Flughafen von Amman! Menschen bleiben stehen, filmen und fotografieren und fragen, „Singt Ihr am Gate wieder?“

Zu Hause erwartet uns eine veränderte Welt. Die Wüste hat uns als sehr unterschiedliche Menschen zusammengeführt, unsere Herzen geweitet und unsere Seelen zur Entfaltung gebracht – sie hat uns einander und vor allem Gott näher gebracht und aus jedem von uns das Beste herausgeholt. Unser Dank gilt allen, die uns begleitet und diese besondere, unvergessliche Zeit möglich gemacht haben.

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