Prenzlau

Heimaterkundung mit Schattenseiten

Hinein in die ostdeutsche Provinz: Prenzlau in der brandenburgischen Uckermark bietet viele christliche Wahrzeichen, wie etwa die mittelalterliche Marienkirche.

Marienkirche
Blick auf den Mitteltorturm, der einst zur mittelalterlichen Stadtmauer gehörte. Im Hintergrund eines der Wahrzeichen der Stadt: die Marienkirche in norddeutscher Backsteingotik aus dem 13. Jahrhundert mit ihren über 60 Meter hohen Türmen. Foto: Thiede

Schon von weitem sieht man sie. Nein, leider nicht die vielen Kirchturmspitzen, goldenen Kruzifixe oder bronzenen Wetterhähne auf den roten Dachgiebeln der Gotteshäuser, sondern die viel höheren, die Landschaft verunstaltenden, riesigen, grauen Windräder, deren Existenz uns ein grünes Gewissen einblasen soll. Nur leider verschandeln sie nicht nur die romantischen Blicke auf die weiten, bis zum Horizont reichenden gold-gelb wogenden Ährenfelder, sondern ebenso auf manche historisch gewachsene Stadtkulisse, wie auch im brandenburgischen Prenzlau.

Noch im 19. Jahrhundert rühmte sich die Stadt in den Touristenführern als „Rothenburg des Nordens“. Das ist perdu. Denn welch ein wirrer Planer mag wohl auf die Idee gekommen sein, beim Blick über den blauen Unteruckersee auf die mittelalterliche Marienkirche aus rotem Backstein – einem der Wahrzeichen der Stadt – riesige Windräder aufbauen zu lassen? Nicht nur eines oder zwei, sondern eine ganze Armada. Das schöne Panorama – es ist dahin! Der Fotograf mag sich platzieren wo er will, die Windräder sind immer größer und dominanter. Sie zerstören jedes schöne Motiv.

Lange christliche Tradition

Dennoch: Eine Reise nach Prenzlau lohnt, trotz dieser Heimaterkundung mit Schattenseiten. Die historisch-gewachsene Kreisstadt und der Verwaltungssitz der Uckermark im Norden Brandenburgs hat eine lange christliche Tradition und ist umgeben von schöner Natur, wie dem nahen Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Für viele Menschen, die in diesem Jahr lieber ihren Urlaub wegen der Corona-Pandemie aus gesundheitlichen und/oder wirtschaftlichen Gründen lieber zu Hause oder in Deutschland verbringen, lohnt es sich bestimmt, einmal in die ostdeutsche Provinz zu fahren, sich dort umzuschauen und Eindrücke zu sammeln, denn auch von der untergegangenen DDR ist im 30. Jahr der Deutschen Wiedervereinigung noch viel zu entdecken. Von Berlin aus nach Prenzlau sind es gut 100 Kilometer auf der Autobahn immer in Richtung Stettin, was heute zu Polen gehört.

„Prenzlau hat Stadtrechte seit fast 800 Jahren. Diese erhielt es 1234 im Jahre des Herrn durch Herzog Barnim I. Die Pommernherzöge sorgten für Wohlstand und Recht und unsere Kommune war einst nach Berlin, Frankfurt und Stettin die größte Stadt der Mark Brandenburg“, erklärt uns eine Dame mit Mundschutz an der Museumskasse des Dominikanerkonvents „Zum Heiligen Kreuz“. Prenzlau hatte einst viele Kirchen und mehrere Klöster. Orden wie die Zisterzienser, Dominikaner oder Franziskaner unterhielten hier Tochterklöster.

Das ehemalige Dominikanerkloster wurde 1275 durch die Markgrafen gegründet. Zum Preis von vier Euro empfiehlt sich ein Rundgang des in dieser Form seit zwanzig Jahren bestehenden „Kulturhistorischen Museums mit einer der am besten erhaltenen Klöster Nordostdeutschlands“, wie der Mann an der Museumskasse uns mit auf den Weg gibt.

Bediedlung schon in der Steinzeit

Erste Spuren der Besiedlung Prenzlaus lassen sich bis in die jüngere Steinzeit zurückverfolgen, wie Archäologen anhand von Funden belegen konnten. Der Stadtname selbst ist slawischen Ursprungs und soll laut Reinhard E. Fischers Buch „Die Ortsnamen der Länder Brandenburg und Berlin“ (Band 13) „Siedlung eines Mannes namens Premyslaw“ heißen. Zwischen dem 15. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ist der Ortsname mit diversen Schreibweisen belegt. So findet sich auf historischen Karten: Prentzlau, ebenso wie Prentzlow oder Prenzlow.

Das alles kann der Besucher im Museum erfahren, aber auch Zeichnungen, Radierungen und einige Gemälde des 1737 in Prenzlau geborenen klassizistischen Landschaftsmalers Jakob Philipp Hackert, sehen. Hackerts Werke – der einst Goethe in Italien in bildender Kunst unterrichtete – werden in einem Raum im Obergeschoss präsentiert. Oder man lernt in einem anderen kleinen Zimmer die preußische Königin Friederike Luise von Preußen kennen (1751-1805), die ebenso hier geboren wurde und eine Tochter Prenzlaus ist.

Die Sammlung mittelalterlicher Objekte mit sakralen Plastiken und Altären auch aus anderen Klöstern wie dem Zisterzienserkonvent Seehausen ist beachtenswert. Sie kann in den Kreuzgängen und dem Refektorium mit seinen originalen Wandmalereien bewundert werden. Skurril hingegen muten in einer Vitrine unter Glas die zwei abgeschlagenen, mumifizierten Schwurhände von Prenzlauer Bürgermeistern an, die wegen Verrat verurteilt wurden.

Stadtmauer und mittelalterliche Türme

Mit einer Länge von 1 416 Metern ist knapp die Hälfte der historischen Prenzlauer Stadtmauer erhalten. Die mittelalterliche Wehranlage ist umfangreich saniert und ein 3,1 Kilometer langer Rundweg entlang einiger Wiek-Häuser wurde dort angelegt. Erhalten sind zudem mehrere mittelalterliche Türme aus Feldstein, wie der Seiler-, Hexen- oder Pulverturm – einige davon können besucht werden.

Prenzlau war seit dem 17. Jahrhundert lange Zeit eine Garnisonsstadt. Erst die Preußen, dann die Wehrmacht, nach dem Zweiten Weltkrieg die Russen und später die Nationale Volksarmee (NVA) … Uniformen sind noch heute im Stadtbild präsent, denn die Bundespolizei hat unweit der Stadtmauer eine größere Einheit als Basis stationiert.

Die Nazis zerstörten während des Novemberpogroms 1938 auch die 1832 errichtete Synagoge und schändeten die beiden jüdischen Friedhöfe. Zerschlagene Grabsteine wurden als Straßenpflaster verwendet. Heute ist dort, wo einst die Synagoge stand, eine Mahntafel zu sehen und die Umrisse des jüdischen Gotteshauses sind im Fußboden nachgestaltet.

Die schöne Umgebung mit Feldern und Seen hat ihren eigenen Reiz und auch bis zur Ostsee, dem Stettiner Haff oder zur Insel Usedom ist es von Prenzlau gar nicht mehr weit. Viele Radfahrer nutzen den Fernweg Berlin-Usedom und machen hier Station, bevor sie ein oder zwei Tage später das Meer erreichen.

Bausünden aus der "DDR"-Zeit

Aber nicht nur die das Stadtpanorama störenden Windräder trübten leicht unseren Eindruck von Prenzlau, sondern auch die grausigen DDR-Plattenbauten in Einheitsbauweise – „die aber bei der Bevölkerung begehrt waren“, sagt ein Bewohner, aus dem Fenster schauend, auf die Frage, wie es sich hier in Prenzlau denn so lebe. Zwischen all den historischen Backsteinkirchen und Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert stößt man immer wieder auf diese Bausünden aus den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Ursache war einerseits der Zweiten Weltkrieg, denn Ende April 1945 waren etwa 85 Prozent des Prenzlauer Stadtkerns zerstört. Den Rest besorgten die DDR-Planer und die darniederliegende Wirtschaft des kommunistischen Regimes. Abriss war billiger als historische Renovierung und denkmalgerechter Wiederaufbau. Mit Blick auf die letzten Tage der DDR hat das Museum im Dominikanerkloster auch eine kleine Fotoausstellung zu bieten. Die schwarz-weiß Bilder aus dem Jahr 1989 bedürfen keines Kommentars über diese traurige Zeit und sprechen für sich.

Dank der blühenden Natur und der vor sieben Jahren hier organisierten Landesgartenschau mit vielen Blumenrabatten im Wallgraben oder im kleinen Stadtpark sieht heute alles halb so schlimm aus. Aber es bleibt nicht verborgen: man ist hier in Ostdeutschland. Die Kirchen (fast alle evangelisch) sind entweder geschlossen, werden renoviert oder sind – so wie das Dominikanerkloster – einer anderen Verwendung übergeben worden. Das christliche Prenzlau ist leider ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert.

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