Grenz-Hopping am Rhein

Die Grenzen sind wieder offen: Wer mit dem Rad zwischen Deutschland und der Schweiz am Rhein entlangfährt, dem bieten sich neben atemberaubender Landschaft auch zahlreiche Kirchen und Klöster zur Besichtigung .

Von der Quelle bis nach Basel - eine Schweiz-Reise entlang des Rheins
In Schaffhausen hat der Rhein bereits den Bodensee durchflossen – einen schönen Blick auf Stadt und Fluss haben Besucher von der im 16. Jahrhundert erbauten Festung Munot aus. Foto: dpa

Kreuz und quer und ohne sich um Grenzen zu kümmern, verläuft der Radweg von Stein am Rhein bis nach Schaffhausen – fünf Klöster liegen entlang der Strecke. In seiner ganzen Länge – vom Ursprung des Flusses im schweizerischen Gotthard-Massiv – bis zu seiner Mündung in die Nordsee, misst der Rheinradweg über 1 200 Kilometer und ist damit eine der längsten Fahrradrouten.

Vor Stein am Rhein wird der Bodensee immer schmäler – der Rhein tritt aus dem Untersee aus und nimmt Fahrt auf. Mittendrin liegt die Klosterinsel Werd. Sie hat eine lange Geschichte und ihre frühesten Spuren reichen bis ins Zeitalter der Pfahlbauten zurück. Im achten Jahrhundert war das rund zwei Hektar große Eiland Gefängnis und Verbannungsort von Abt Otmar, dem Gründer des Kloster St. Gallen. Er fiel einer Intrige zum Opfer und musste sein letztes Lebensjahr 759 auf der Klosterinsel verbringen. 200 Jahre später entstand auf seiner ursprünglichen Grabstätte die Kapelle zum Heiligen Otmar, heute die wohl kleinste Wallfahrtsstätte der Bodenseeregion. Seit 1957 kümmern sich Mönche des Franziskanerordens um den heiligen Ort.

Stein am Rhein

Munter trudelt und sprudelt das Wasser ein paar Meter weiter unter der Rheinbrücke hindurch, am malerischen Städtchen Stein am Rhein vorbei. Kurz hinter dem Unteren Stadttor des mittelalterlichen Orts ist ein großer Parkplatz, von dem die Radler rechtsrheinisch starten. Die Sonne meint es heute gut mit ihnen; alle schauen, mehr oder wenig ,seesüchtig‘, in Richtung Wasser, das im Licht einladend glitzert. Direkt am Ufer liegt das Kloster Sankt Georgen. Die ehemalige Benediktinerabtei beherbergt ein Museum, das Zutritt zum einstigen Konvent, zu den Abtshäusern und Kloster- und Heilpflanzengärten gewährt. Herausragend sind die Schnitzereien und die zahlreichen Wandgemälde, die vom Wohlstand und von der Bildung der letzten Mönche in Sankt Georgen zeugen. Die Malereien im Festsaal sind eines der bedeutendsten Zeugnisse für humanistische Bildung und frühe Renaissancekunst nördlich der Alpen.

Der Rhein-Radweg ist auf der Schweizer Seite als Radroute Nummer Zwei gekennzeichnet. Vom Parkplatz verläuft er parallel zur Straße in Richtung Hemishofen. Der Fluss verschwindet hier erst einmal wieder aus dem Blickfeld der Radler, die kurz darauf auf einen Feldweg abbiegen. Die Sonnenblumen auf den Feldern strecken ihre Köpfe dem Licht entgegen. Wer einen Blick zurückwirft, schaut auf die Burgruine Hohenklingen, die seit 594 hoch oben auf dem Schiener Berg thront. Sie blieb von kriegerischen Zerstörungen verschont und so entspricht die mächtige Silhouette mit Mauern und Dächern heute noch ihrem mittelalterlichen Erscheinungsbild zwischen 1 200 bis 1422.

Ein Wegweiser zeigt zum Bolderhof, der inmitten der Rheinlandschaft liegt und seine biologischen Produkte im Hofladen und auf Märkten verkauft. Wer müde ist, kann jetzt wieder im Stroh und sogar im Silohäuschen übernachten. Inzwischen spenden die Bäume des kleinen Wäldchens Schatten – hinter denen das Wasser vom Rhein ab und zu hervorblitzt. Mitten im Wald wird die erste Grenze der Tour überquert. Zwischen zwei Barrieren geht es nach Deutschland, und schon bald muss man sich entscheiden, ob es über Gailingen oder über Büsingen weitergehen soll. Auf dem Weg nach Büsingen sausen die Räder zum Johanni-Hof hinab. Hier steht die orange-rote Bio-Ladestation, ein Kiosk mit regionalen Produkten und Getränken. Nicht verpassen sollte man den Abzweig zur Nikolauskapelle, die auf einem privaten Gelände, gleich hinter dem Bauernhof, liegt. Die romanisch geprägte Kapelle wurde im 11. Jahrhundert erbaut. Später kam sie in den Besitz des Dominikanerklosters St. Katharinental und bekam einen Renaissancealtar. Zwischen 9 und 16 Uhr kann sie von außen besichtigt werden. Durch ein Guckloch kann jeder einen Blick ins Innere erhaschen. Direkt unterhalb der Kirche windet sich der Rhein um eine Kurve.

Holzbrücke markiert die Grenze

Zurück im Sattel geht es am Rheinuferpark Gailingen vorbei. Im Rahmen der grenzüberschreitenden Ufergestaltung Gailingen-Diessenhofen wurde die Anlage entwickelt. Heute lädt ein Freibad mit großer Liegewiese, Beachvolley, Tischtennis, Rutsche und Spielplatz zum Verweilen ein. Nur wenige Meter entfernt taucht die Rheinbrücke Diessenhofen–Gailingen auf. Die gedeckte Holzbrücke ist die einzig erhaltene ihrer Art am Hochrhein und markiert wieder eine Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz. Seit 1981 steht sie unter Bundesschutz. Ein kurzer Abstecher auf die linke Seite des Flusses und in die Schweiz lohnt sich. Die altertümliche Stadt bekam schon im 13. Jahrhundert eine Stadtmauer, von der große Teile erhalten sind. In der breiten Marktgasse stehen zahlreiche spätgotische Häuser und am westlichen Ende der Altstadt die mittelalterliche Burg Unterhof.

Nur wenige Minuten von Diessenhofen entfernt liegt das Kloster St. Katharinental, eine herausragende Schöpfung des süddeutschen Barocks. Die Geschichte des ehemaligen Dominikanerinnen-Klosters reicht bis in die Anfänge des 13. Jahrhunderts zurück. Erst 1869 wurde das Kloster schließlich aufgehoben und die verbliebenen Ordensfrauen umgesiedelt. In den historischen Klostergebäuden befindet sich heute eine Rehabilitationsklinik. Für Gruppen werden vorab vereinbarte Führungen durch die Kirche, Einsiedlerkapelle und das kleine Hausmuseum angeboten.

Wer an der Holzbrücke nach rechts abbiegt kommt nach Gailingen. Das Jüdische Museum der Gemeinde dokumentiert exemplarisch die jüdische Geschichte am Hochrhein. Heute noch ist der Ort mit seinem jüdischen Friedhof ein Bezugspunkt der in alle Welt verstreuten Nachfahren ehemaliger Gailinger Juden. Wer direkt auf dem Radweg weiterradeln möchte, fährt an der Holzbrücke geradeaus in Richtung Büsingen. Wieder geht es ein kurzes Stück durch den Wald. Hier passiert man den Enklavenweg von Büsingen. Die deutsche Gemeinde ist vollständig von Schweizer Territorium umgeben und liegt – einer Insel gleich – im Schweizer Kanton Schaffhausen. Elf Tafeln auf dem rund zweieinhalbstündigen Enklavenweg zeigen den Alltag der Einwohner der Enklave. Startpunkt ist beim Büsinger Bürgerhaus.

Paradies und Altparadies

Gegenüber von Büsingen liegt die Ortschaft Altparadies mit dem Klostergut Paradies, das ursprünglich als Frauenkloster von den Klarissen gegründet wurde – weiß getünchte Mauern, die Geschichte atmen, und ein weitläufiger Park, dessen einladende Stille eine geheimnisvolle Anziehungskraft entfaltet. Heute befindet sich hier ein Ausbildungszentrum eines Schweizer Unternehmens. Hin und wieder ist das Zwitschern eines Vogels zu hören, um elf das Läuten der Glocke vom Turm der Klosterkirche. Wenn man sich dem Klostergut Paradies nähert, rückt die Alltagshektik mit jedem Schritt in immer weitere Ferne. Ein angenehmer Radel-Rhythmus ist gefunden und Zufriedenheit macht sich breit.

Ein Schild am Flussufer verweist auf die kleine Personenfähre, die sich mittels einer Glocke rufen lässt und die ihre Passagiere ans linke Ufer übersetzt. Die Radler bleiben am rechtsseitigen Ufer und wieder geht es über die kaum markierte Grenze in die Schweiz und weiter bis nach Schaffhausen, dessen südliche Vororte bereits zum Kanton Zürich gehören. Als erstes erblickt man die Rheinbrücke Feuerthalen, eine eingleisige Eisenbahnbrücke aus dem Jahr 1895. Auf dem Weg durch die Altstadt führt ein steiler Aufstieg zur Festung Munot, dem Wahrzeichen der Stadt. Im Sommer finden hier normalerweise die Munotbälle statt, auf denen auch die Quadrille, ein Gesellschaftstanz, getanzt wird. Die Quadrille-Kurse dürfen wegen Corona gerade nicht stattfinden. Wer die gut 20 Kilometer nach Stein am Rhein nicht wieder zurück radeln möchte, kann mit der Munot oder der Schaffhausen, einem der Schiffe der Schifffahrt Untersee und Rhein, nach Stein am Rhein zurückfahren. Seit Mitte Juni dürfen auch wieder Landestellen in Deutschland angefahren werden.

Wer noch etwas Zeit hat, besichtigt das Kloster Allerheiligen in Schaffhausen, dessen Bauplatz am 22. November 1049 von Papst Leo IX. zwischen Stadt und Rhein samt einem Altar eingeweiht wurde. Das Kloster zählte zusammen mit dem Kloster Hirsau und Kloster St. Blasien zu den großen Reformklöstern der cluniazensischen Reform des Heiligen Römischen Reichs. Im Museum zu Allerheiligen ist hier eines der vielfältigsten Universalmuseen der Schweiz entstanden, das Archäologie, Geschichte, Kunst, Natur und Zeugnisse aus der Klostervergangenheit vereint.

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