Würzburg

Eingefleischte Vegetarier

Für viele Menschen steht fest: Fleisch kommt nicht auf den Teller.

Hülsenfrüchte
Für Vegetarier und Veganer eignen sich die eiweißreichen Hülsenfrüchte. Foto: Andrea Warnecke (dpa-tmn)

Schon seit einigen Jahren, noch vor dem Tönnies-Skandal, steht für viele Jugendliche in Deutschland fest: Kein Fleisch mehr! Oft wird dies auch mit dem 5. Gebot „Du sollst nicht töten“ begründet. Ist dies nur ein momentaner Jugendtrend oder gab es solch eine Sichtweise schon früher bei den Christen?

Der Anfang der Suche ist erstaunlich leicht. Schon wenn man das Alte Testament aufschlägt, findet man direkt die ersten Vegetarier: Adam und Eva. In Gen 1,29-30 teilt Gott den Menschen die Pflanzen als Nahrung zu: „Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben.“ Die ersten Menschen haben also genauso wie die ersten Tiere sich nur von Pflanzenkost ernährt und in friedlicher Koexistenz zueinander gelebt.

Früh beendeter Ur-Vegetarismus

Diese besondere Situation hält aber nicht lange an, denn nicht viel weiter in der Bibel ändert sich die Situation. Nach der Sintflut in Gen 9,3 sagt Gott: „Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen. Das alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.“ Der Ur-Vegetarismus war somit jetzt schon beendet, der Fleischkonsum war geboren. Ab diesem Moment entwickeln sich im Alten Testament langsam die Jüdischen Speisegebote, wo zum Beispiel der Blutverzehr verboten ist oder zwischen reinen und unreinen Tieren unterschieden wird. Eine rein vegetarische Sichtweise ist nicht gefordert, war aber im gemeinen jüdischen Volk üblich, da man sich Fleisch nicht groß leisten konnte. Diese Spurensuche wäre aber nicht vollständig, wenn man nicht die bekannteste aller Vegetarismus-Begründungen näher anschaut. Das fünfte Gebot in Ex 20,13 „Du sollst nicht töten“. Für viele der Vegetarismusverfechter ist dies eine klare Anweisung von Gott an die Menschen, nicht nur das Töten unter sich sein zu lassen, sondern auch das Töten von Tieren. Doch stimmt das wirklich?

Die Herrschaft des Menschen über die Tiere

Unter dem Punkt 2417 im Katechismus der katholischen Kirche steht: „Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen.“ Das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ ist also nicht für Tiere gedacht, sondern nur für Menschen. Zudem steht aber im Katechismus auch nochmal ausdrücklich, dass man Tiere nicht nutzlos töten darf. Nun sollte man sich noch einen besonderen Fall im Alten Testament anschauen. Der Prophet Jesaja, welcher auch die Tieropferung verurteilte, hatte eine genaue Vorstellung, wie die Zukunft aussehen soll. In Jes 11, 6-9 beschreibt er eine Utopie, indem unter anderem auch der Löwe Stroh frisst. Er spricht also davon, dass der Friedenszustand des Paradieses wiederkommen wird. Ein wahrer Verfechter des Vegetarismus also.

Im Neuen Testament gibt es keine Fleischverbote. Auch Jesus ernährte sich nach der jüdischen Tradition und lockerte sie sogar wie in Mk 7,15 steht: „Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist?s, was den Menschen unrein macht.“ Was den Fleischkonsum der Jünger Jesu betrifft ist es schwieriger, eine eindeutige Aussage zu tätigen. Es gibt einige Bibelstellen, die zeigen, dass die Jünger Fleisch aßen z. B. in Joh 21,13: „Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.“ Es gibt aber auch alte Quellen, wo das Gegenteil beschrieben wird. Zum Beispiel Clemens von Alexandrien schreibt im Paidagogus II,1,16 „Der Apostel Matthäus nährte sich von Samenkörnern und Nüssen und Gemüsen ohne Fleisch“ und der Kirchenvater Eusebius zitiert in seiner Kirchengeschichte II,23 den Kirchenschriftsteller Hegesipp, der über Jakobus den Jüngeren schrieb: „Schon vom Mutterleibe an war er heilig. Wein und geistige Getränke nahm er nicht zu sich, auch aß er kein Fleisch.“

Bewusster Fleischverzicht

Es ist bekannt, dass es in den Urchristlichen Gemeinden auch Leute gab, die bewusst auf Fleisch verzichtet haben. Bekannte Beispiele frühchristlicher Vegetarier sind der hl. Antonius, der hl. Hieronymus und Johannes Chrysostomos. Im Laufe der Zeit setzte sich aber der Fleischkonsum im Christentum durch – großen Einfluss daran hatte Kaiser Konstantin, ein bekennender Fleischliebhaber. Zu der Zeit begann eine dunkle Zeit für die vegetarisch lebenden Christen. Sie wurden gezwungen, Fleisch zu essen, da man sie sonst als Häretiker ansah. Wenn sie sich weigerten, hatte man entweder einen Kirchenbann zu fürchten oder wurde ganz und gar zum Tode verurteilt. Wenn es sich aber bei der Fleischentsagung um den freiwilligen Verzicht für ein bescheidenes Leben handelt und nicht um das Sorgen um das Wohl der Tiere, so war dies erlaubt. Im Mittelalter waren es vor allem Mönche, die in Enthaltsamkeit leben wollten und deshalb auf Fleisch verzichteten. Auch einige Mönchsorden verboten Fleisch, wie zum Beispiel die der Benediktiner. In ihrem Fall war es jedoch nur das Fleisch von vierfüßigen Tieren. Andere Orden verboten sämtliche fleischliche Nahrung, aber nie den Verzehr von Fisch.

Bis heute haben die christlichen Kirchen selber kein generelles Fleischverbot ausgesprochen. Trotzdem gibt es inzwischen viele Christen, die einen vegetarischen Lebensstil pflegen. Die Siebenten-Tags-Adventisten zum Beispiel fassen den menschlichen Körper als ein Haus Gottes auf und halten deswegen einige der biblischen Speisegebote ein, weswegen Adventisten unter anderem kein Schweinefleisch, kein Pferdefleisch und keine Schalentiere essen. Viele Siebenten-Tags-Adventisten ernähren sich sogar ganz vegetarisch. In der Katholischen Kirche gibt es kein allgemeines Verbot von Fleisch, wenn man das Abstinenzgebot mal außer Acht setzt.

Papst Franziskus fordert Respekt vor Tieren und Pflanzen

Trotzdem hat sich auch hier viel getan im Laufe der Zeit. Dies zeigt besonders die Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus aus dem Jahre 2015. Franziskus ruft in seiner Enzyklika zum Respekt vor Tieren und Pflanzen auf und warnt vor dem Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Auch schreibt er darin „Es widerspricht der Würde des Menschen, Tiere nutzlos leiden zu lassen“. Von der Tierschutzorganisation „Peta“ wurde Franziskus wegen dieses Werkes zur „Person of the Year 2015“ ernannt. „Die Wahl entschied sich durch die Aufforderung des Papstes an 1,2 Milliarden Katholiken und alle Bürger der Welt, die Herrschaft über die Schöpfung Gottes abzulehnen, Tiere gut zu behandeln und die Umwelt zu respektieren“, heißt es in einer Pressemitteilung von Peta Deutschland. Die Naturschutzorganisation sieht darin einen „subtilen Aufruf zur veganen Lebensweise“. Auch wurde Papst Franziskus 2019 eine Million US-Dollar angeboten für einen wohltätigen Zweck seiner Wahl, wenn er sich während der Fastenzeit 40 Tage lang vegan ernährt. Das Millionen-Angebot an den Papst kam von der Kampagne Million Dollar Vegan. Eine eindeutige Aussage gab der Papst nicht, aber im Antwortschreiben erkenne der Papst „die Sorgen um die Welt, unser gemeinsames Haus, die Sie veranlasst haben, zu schreiben“ an.

Die christliche Geschichte ist also überraschender Weise voll von Hinweisen zum Vegetarismus. Das eigentlich so aktuelle Thema ist also älter als man denkt. Ein guter Schluss für diese Suche ist ein Wort von Paulus an die Römer, was gerade heutzutage in den großen Diskussionen zwischen Vegetariern und Fleischkonsumenten helfen kann: „Wer Fleisch isst, verachte den nicht, der es nicht isst; wer aber kein Fleisch isst, richte den nicht, der es isst.“

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