Rom

Der Vatikan als Kinderparadies

Ein „Kindergarten“ im Vatikan: Im Juli findet in den Gärten des Papstes ein ungewöhnliches Sommercamp statt.

Am Morgen des 20. Juli überraschte Papst Franziskus die Kinder beim Frühstück in der Audienzhalle. Foto: Vatican Media

Im Jahre 2012 feierte Deutschlands einflussreichstes Boulevardblatt sein 60-jähriges Bestehen. Aus Anlass des Jubiläums wurde eine kostenlose Sonderausgabe in der Auflagenhöhe von 41 Millionen Exemplaren gedruckt. Auf der letzten Seite des Blattes war zu lesen: „Versprochen! Diese Schlagzeilen werden Sie auch in 60 Jahren nie lesen.“ Unter 34 absurden Schlagzeilen fand sich auch eine, die den Vatikan betraf: „Papst modern. Erster Betriebskindergarten im Petersdom“. Hier könnte sich „Bild“ irren, zumindest was die Einrichtung eines Kindergartens betrifft. Viele der Laien, die für die Römische Kurie oder den Vatikanstaat arbeiten, sind verheiratet und haben Kinder. Manche von ihnen leben sogar in der Vatikanstadt, darunter vor allem Familien der Schweizergarde und der Gendarmerie.

Väter und Mütter, die ihr Gehalt vom Papst beziehen, bemühen sich seit längerem um die Errichtung eines Kindergartens innerhalb der vatikanischen Mauern. Entsprechende Gesuche wurden bereits an das Governatorat, die Verwaltungsbehörde des Vatikanstaates, gerichtet. Man ist guter Hoffnung, dass sich die Verantwortlichen auf Dauer einem solchem nachvollziehbaren Wunsch nicht verschließen werden. Wenn auch ein Kindergarten aktuell noch nicht vorhanden ist, so konnte man einen Erfolg jedoch bereits verbuchen: einen Kinderspielplatz im Nordosten der Vatikanstadt.

Das Religiöse soll nicht zu kurz kommen

Zu Beginn der Corona-Pandemie setzte der Vatikan ein kinderfreundliches Zeichen. Am 12. März dieses Jahres erhielten alle „vatikanischen“ Familien ein Schreiben von Titularbischof Fernando Vérgez Alzaga, dem Generalsekretär des Governatorates. Er kündigte an, dass man für ihre Sprösslinge im Monat Juli ein Sommercamp in den Gärten des Papstes plane. Vier Wochen lang wolle man einen „Estate Ragazzi in Vaticano“ (Kindersommer im Vatikan) anbieten, eine für die Kinder und Jugendlichen „schöne und fruchtbare Zeit“, so Monsignore Vérgez Alzaga in seinem Brief.

Vom 6. bis 31. Juli 2020 nehmen nun weit über hundert Söhne und Töchter von Mitarbeitern des Vatikans an der Veranstaltung des Governatorates teil, die von der Ordensgemeinschaft der Salesianer und ausgebildeten Pädagogen konzipiert wurde. Den Teilnehmern im Alter von fünf bis 14 Jahren – aufgeteilt in Altersgruppen von fünf bis sieben, acht bis zehn und elf bis 14 Jahren – wird an vier Orten in der Vatikanstadt ein abwechslungsreiches Programm geboten. 20 Animateure sorgen dafür, dass bei den Wettkämpfen, Spielen, Workshops und Führungen keine Langeweile aufkommt. Neben den weltlichen Freizeitaktivitäten soll auch das Religiöse nicht zu kurz kommen; täglich wird ein Impuls aus dem Evangelium ausgegeben.

In der Audienzhalle werden Frühstück und Mittagessen eingenommen und stehen Snacks (inklusive Gratis-Eis) für den ganzen Tag bereit. In der Aula Pauls VI. sind Hüpfburgen, Rutschen und weitere Spielgeräte aufgestellt. Man kann sich dort auch mit anderen im Billard oder im Tischtennis messen. In der Nähe des Kinderspielplatzes, beim Tennisplatz der Erwachsenen, sind eigens für das Sommercamp große Schwimmbecken errichtet worden. Hier kann man auch Tennis, Basketball und Minifußball, den „Calcetto“, spielen. Der päpstliche Hubschrauberlandeplatz auf dem höchsten Punkt des Vatikans dient als Ausgangsort für eine vatikanische „Kinderolympiade“. Von dem Platz vor der Lourdesgrotte aus werden kindgerechte Führungen durch die Vatikanischen Gärten und die Vatikanstadt angeboten.

Treffen unter Hygieneregeln

Für die Sicherheit in Corona-Zeiten ist gesorgt. Sämtliche Mitarbeiter des Sommercamps mussten sich einem Antikörpertest unterziehen. Die Eltern der Kinder wurden zu möglichen Infektionen in der Familie und dem unmittelbaren Umfeld befragt. Jeder Tag beginnt mit einer Temperaturmessung der Teilnehmer und einer gründlichen Händedesinfektion. Auch der Mundschutz tritt in Aktion. Überwacht werden die Maßnahmen vom Vatikanischen Gesundheitsdienst. Ein wachsames Auge werfen auch die Gendarmen des Heiligen Vaters auf das Sommercamp. Sie sollen nicht autorisierte Interviews mit den Kindern und Fotografien von ihnen unterbinden.

Mit dem „Estate Ragazzi in Vaticano“ wolle man den beim Vatikan angestellten Vätern und Müttern entgegenkommen, denn sie seien in den vergangenen Monaten ohne Schule und Kindergarten besonders gefordert gewesen. Die Resonanz auf das Angebot des Governatorates ist überwiegend positiv. Für die vier Ferienwochen in der Stadt des Papstes wird von den Eltern ein Unkostenbeitrag von 60 pro Woche erhoben, der jedoch über staatliche italienische Hilfe zur Gänze erstattet werden kann.

Zufriedene Teilnehmer

Für die jungen Teilnehmer ist die Ferienfreizeit im Vatikan schon jetzt ein Erfolg. Sie sind zufrieden – und wünschen sich eine Wiederholung. Die Betreuer des Sommercamps berichten, dass eine Frage von den Kindern und Jugendlichen jedoch immer wieder gestellt wurde: „Wird uns der Heilige Vater besuchen?“ Eine definitive Antwort konnten sie den ihnen Anvertrauten zunächst nicht geben. Doch die Hoffnung auf ein Erscheinen des Papstes wurde belohnt. Am Morgen des 20. Juli überraschte sie Papst Franziskus beim Frühstück in der Audienzhalle.

Schon seit vielen Jahren bemüht man sich, Kinder, vor allen diejenigen der Angestellten des Papstes, mit dem Vatikan vertraut zu machen. Immer mehr Publikationen erscheinen auf dem Buchmarkt, die den jungen Christen ihre Lebenswelt, den Vatikan, zu erklären versuchen In der deutschsprachigen Schweiz ist „Globi“, ein großer blauer Vogel, eine bei Kindern beliebte Comicfigur. Anfang 2019 erschien im Verlag Orell Füssli das Buch „Globis Abenteuer in Rom“, das Globi auch in die Vatikanstadt führt. Gardekommandant Oberst Christoph Graf hatte zu der Publikation, die in der Kaserne der Schweizergarde vorgestellt wurde, sogar ein Vorwort geschrieben.

Der Vatikan ist alles andere als kinderfeindlich

2008 wurde im Theatersaal der Kaserne der Päpstlichen Schweizergarde „Barberbieni“, ein Film für Kinder der Öffentlichkeit vorgestellt. Produziert hatten den 2D-Animationsfilm die Katholische Fernseharbeit der Deutschen Bischofskonferenz in Zusammenarbeit mit der Päpstlichen Schweizergarde. „Barberbieni“ erzählt ein spannendes Abenteuer im Schatten von St. Peter. Das Kreuz des päpstlichen Hirtenstabes wird gestohlen. Die zehnjährige Pauline, die Tochter des Kommandanten der Schweizergarde, und die drei Bienen Feli, Claudio und Pepe aus dem alten Steinwappen des römischen Adelsgeschlecht der Barberini folgen den Spuren des Diebes und nehmen den Zuschauer mit zu den geheimnisvollsten Orten des Vatikans.

Eines lässt sich feststellen: Kinderfeindlich ist der Vatikan jedenfalls nicht. Bei Gottesdiensten in der Basilika des Apostelfürsten und bei Begegnungen mit dem Heiligen Vater auf dem Petersplatz oder in der Audienzhalle sind junge Christen willkommene Gäste. Für Kinder und Jugendliche gibt es spezielle Führungen durch die Vatikanischen Museen. Wer innervatikanische Feiern besucht – so zum Beispiel die Vereidigungen der Päpstlichen Schweizergarde und der Vatikanischen Gendarmerie –, wird bei diesen Gelegenheiten oft den ein und anderen Kinderwagen wahrnehmen. Und gar nicht so selten wirft dann ein hoher Kurienbischof oder Kardinal einen freundlichen Blick in das Gefährt.

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