Pilgern

Pilgerrouten in Friesland: Auf den Spuren der Mönche

Natur, Geschichte und Kultur der vielseitigen niederländischen Provinz lassen sich jetzt auf neuen Pilgerrouten entdecken. Mancherorts kann man in Kirchen übernachten.

Ievers-Kirche in Easterwierrum
Die Ievers-Kirche in Easterwierrum: Das ehemalige kleine Gotteshaus bietet seit einigen Jahren als Ferienunterkunft Platz für bis zu zehn Personen. Foto: Ievers.nl
Nordseeküste
Die uralte Kulturlandschaft an der niederländischen und deutschen Nordseeküste ist seit vielen Jahrhunderten Siedlungsge... Foto: Heinke

Weit reicht das Auge übers flache Land am Meer. Strände, Dünen, Wiesen, Felder, Sumpfgebiete, Wälder – bedeckt von einem schier unendlich großen Himmel. So wie sich dem Blick die ganze Welt zu öffnen scheint, so geht einem das Herz auf. Der frische Nordseewind füllt Lungen, Geist und Seele. Schon bei den ersten Schritten ist man frischer, klarer, glücklicher. Die Wahl war gut. Das holländische Friesland mit seinem dichten Pilgerwege-Netz ist ein prima Platz, um beim Wandern oder Fahrradfahren Ruhe und sich selbst zu finden und neue Kraft zu tanken.

Siedlungsgebiet der Friesen

Die uralte Kulturlandschaft an der niederländischen und deutschen Nordseeküste ist seit vielen Jahrhunderten Siedlungsgebiet der Friesen. Dabei unterscheidet man „Drei Frieslande“: Ostfriesland in Niedersachsen (zwischen Ems- und Wesermündung), Nordfriesland in Schleswig-Holstein einschließlich der Insel Helgoland und das Westerlowerssche – das im Wesentlichen der heutigen Provinz Friesland in den Niederlanden entspricht. „Westfriesland“ ist dagegen eine Region in der Provinz Nordholland, die ihren Namen noch aus Zeiten des mittelalterlichen Großfrieslands behalten hat.

Im Folgenden ist hier von Fryslân, dem holländischen Friesland, die Rede. Es ist die zweitnördlichste Provinz der Niederlande und liegt zwischen IJsselmeer im Westen und der Provinz Groningen im Osten. Ihre Hauptstadt ist Leeuwarden. Amtssprache ist neben Niederländisch auch Westfriesisch. Bekannt ist die Region mit elf historischen Städten für das Schlittschuhlaufen, das Wattwandern – und neuerdings immer mehr auch für das Pilgern.

Friesischer Jakobsweg

Die bekannteste Route dafür ist der 150 Kilometer lange friesische Jabikspaad (Jakobsweg). Seit 2000 sind die Wege entsprechend gekennzeichnet – allerdings nicht wie anderswo mit einer Muschel, sondern einer gelben Nordsee-Wellhornschnecke auf blauem Hintergrund. Der Legende nach soll bereits Kaiser Karl der Große von einer Straße der Sterne geträumt haben, die vom Friesischen Meer zum Grab des Apostels Jakobs des Älteren in Spanien führte.

Nach der vollständigen Eingliederung Nordspaniens in das christliche Herrschaftsgebiet um das Jahr 930 wird von ersten länderübergreifenden Wallfahrten zur letzten Ruhestätte des Missionars berichtet. In der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts strömten dazu bereits Pilger aus allen Teilen Europas in das spanische Santiago de Compostela. Der friesische Ausgangspunkt des langen Pilgerweges ist Sint Jacobiparochie – westfriesisch kurz: Sint Jabik.

Das heutige Städtchen mit 1400 Einwohnern entstand Anfang des 16. Jahrhunderts als neues Dorf am Meer. Die neoklassizistische St.-Jakobs-Kirche in der Ortsmitte wird heute als Kulturzentrum „De Groate Kirk“ (Die Große Kirche) genutzt. In ihrem Eingangsbereich befindet sich das Pilgerinformationszentrum.

Zu Fuß durch die Nordseelandschaft

Ievers-Kirche
Um den friesischen Teil des Jakobsweges auszuprobieren, kann man von Sint Jacobiparochie durch schöne Nordseelandschaft ... Foto: Ievers.nl

Um den friesischen Teil des Jakobsweges auszuprobieren, kann man von Sint Jacobiparochie durch schöne Nordseelandschaft mit hübschen Städtchen und Dörfern bis nach Akkrum an der Boorne laufen. Zum Übernachten empfiehlt sich die Ievers-Kirche in Easterwierrum. Das ehemalige kleine Gotteshaus bietet seit einigen Jahren als gemütliche Ferienunterkunft Platz für bis zu zehn Personen. Im Zielort Akkrum erwarten die Pilger die reformierte Kirche Terptsjerke und die ehemalige Mennonitische Kirche, ein neoklassizistischer Hallenbau.

Sehenswert ist auch die rot-weiße Coopersburg, ein prachtvolles Gebäude im Stil des Historismus. Der Akkrumer Folkert Harmens Kuipers alias Frank Cooper, nach Amerika ausgewandert und dort als Geschäftsmann erfolgreich, hatte es 1900 zum Dank an seine alte Heimat als Ruhesitz für arme alte Menschen bauen lassen.

15 Pilgerrouten

15 schöne Pilgerrouten von insgesamt 260 Kilometer Länge umfasst der St.-Odulphus-Weg. Er führt durch sieben der elf friesischen Städte im Südwesten der Provinz sowie durch De Greidhoeke und Gaasterland. Jede Route hat ihr eigenes Thema, das mit der jeweiligen Landschaft und deren reicher Geschichte verknüpft ist. Vor allem aber bietet eine Wanderung auf diesem Weg Erlebnisse von wohltuender Stille, Ruhe und Weite. Sich erholen und übernachten kann man in Het Weeshuis (Das Waisenhaus) in Bolsward. Das Gebäude bot vier Jahrhunderte lang elternlosen Kindern ein Zuhause. Heute ist es ein Hotel mit komfortablen Zimmern.

Zwölf Etappen von unterschiedlicher Länge kann man auf dem Bonifatius-Klosterweg erwandern. Er folgt den historischen Spuren der friesischen Mönche zwischen Watt und Wald. Die Missionare Willibrord und Bonifatius verbreiteten hier den Glauben und spielten eine wichtige Rolle bei der Entstehung der heutigen Kulturlandschaft. Willibrord, der als „Apostel der Friesen“ verehrt wird, kam anno 690 erstmals mit elf Gefährten aus Northumbrien (später England) nach Friesland.

Apostel der Deutschen

Der in Wessex als Wynfreth geborene Bonifatius, später „Apostel der Deutschen“ genannt, unternahm seine erste Missionsreise im Jahre 716 zu den Friesen. Der Bonifatius-Klosterweg verbindet wunderschöne Landschaften der Wattküste und des offenen Meereslehmgebietes mit Hügeldörfern, Heidefeldern und Wäldern. Höhepunkt der Tour ist Dokkum, wo der Heilige 754 im hohen Alter auf dem Weg zu einem Tauffest zusammen mit mehr als 50 Begleitern von Missionierungsgegnern erschlagen wurde und den Märtyrertod starb. Beerdigt wurde Bonifatius im Hohen Dom zu Fulda, wo sich bis heute sein Grab befindet. Bereits kurz nach seinem Tod wurde Dokkum zum Wallfahrtsort und blieb es bis zur Reformation. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts pilgerten wieder Christen in die friesische Stadt und besuchten die Bonifatiusquelle, deren Wasser schon Wunder bewirkt haben soll. 1925 wurde der Bonifatiuspark angelegt, 1934 eine große Gedächtnis-Kapelle mit Platz für 2000 Gläubige eröffnet. Werden die Corona-Regeln wieder aufgehoben, findet dort wie gewohnt jeden Donnerstag um 19 Uhr eine Eucharistiefeier für die Pilger statt. Eine ständige Ausstellung informiert über Leben und Werk des Heiligen.

Der mäandernde Claercampsweg

Im grenznahen Zoutkamp beginnt der Claercampweg. Über 75 Kilometer mäandert er durch den Norden der Provinz Friesland. Vorbei an Hegebeintum, der mit 8,8 Metern über Normalnull höchsten Warft (künstlich aufgeschütteter Siedlungshügel) der Niederlande, geht es zurück nach Sint Jacobiparochie. Für eine Wanderpause bietet sich das Museum Kloster Klaarcamp an. Ab dem zwölften Jahrhundert entwickelte sich hier die bedeutendste Zisterzienserabtei der nördlichen Niederlande. Ende des 16. Jahrhunderts wurden alle Gebäude abgerissen. Eine wunderschöne Übernachtungsmöglichkeit ist das B & B Bij de Pastorie in Reitsum.

Wer sich seinen wohlverdienten Pilgerschlaf lieber in einer alten Landkirche holen will, kann seine Fahrrad- oder Wandertour auch danach planen. Zu den schönsten Optionen gehören De Nicolaes Tsjerke (Nikolaikirche) in Swichum, De Redbadtsjerke (Kirche des Heiligen Radbod) in Jorwert und De Piterkerk (Peterskirche) in Lippenhuizen.

Da das Übernachten unter Kirchendächern in den Niederlanden bereits ein Trend ist, gibt es dort sogar schon einen speziellen Begriff dafür: das „Tsjemping“. Das Kunstwort ist abgeleitet von „tsjerke“ (Kirche) und Camping. Meistens sind es ganz einfache Unterkünfte, die ganz wenig kosten, aber wirklich für großartige Pilgererlebnisse sorgen. Bei Vorlage eines Routenheftes einer der vier Pilgerwege oder eines Pilgerpasses der niederländischen Jakobs-Genossenschaft können Wanderer und Radfahrer diese Refugios zwischen April und September nutzen.

 

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