Italienische Momente

Apulien lässt die Maske fallen

Im süditalienischen Bari trifft man auf das antike, das mittelalterliche und das ewig-barocke Italien. Erinnerungen an einen mutige Reise zu Allerheiligen mitten im Lockdown.

Die alte Stadt Bari
Den Stiefel bis zum Absatz zu erkunden lohnt sich: denn ganz im Süden warten Perlen wie die Stadt Bari. Foto: fotolia.de

Endlich in Bari. Ein Leben lang haben wir davon geträumt, unseren Fuß auf apulische Erde zu setzen. Nun wollten wir natürlich auch die Luft des alten Kulturlandes atmen, ganz wie einst die Kreuzritter, welche die gesegnete Erde auf dem Weg nach Jerusalem querten. Für uns indes ist der Standort staufischer Burgen keine Durchgangsstation ins Heilige Land, es ist dieses selbst. Christus kam bekanntlich nur bis Eboli, welches in der angrenzenden Basilicata liegt; wir aber wollten den Stiefel bis zum Absatz hinab erkunden. Während wir im Dunkel des Flugplatzes die Gangway hinuntereilten, zogen wir die Masken unters Kinn, in der Hoffnung, niemand sähe uns. Diese Vorsicht war überflüssig. In den nächsten Tagen würden wir lernen, wie viele Italiener ihre mascherina a la Richard Wagner, sprich: unterm Kinn tragen.

Willkommen in Bari

„Wie ist der Covid-Test ausgefallen?“, fragte der Zollpolizist. „Wir haben keinen gemacht, weil das Gesundheitsamt von Bari lediglich die Gesundheitsauskunft verlangte, die wir fristgemäß eingesandt haben, hier ist sie. Außerdem, bitte sehr, die vom Flugkapitän unterzeichnete Selbstverpflichtung.“ „Sie brauchen aber trotzdem einen Test. Also, wie war der Test?“ „Der Test war in Ordnung.“ „Willkommen in Bari!“ Am nächsten Tag das Frühstück draußen vor einer Bar ist feierlich. Caffe, cornetto, spremuta. Wir sind drin. Wir sind in Italien! Außerdem ist Allerheiligen. Gestern abend bei unserer Ankunft hatte sich die Piazza Umberto I als ein einziges Fest, Bari als Stadt von Volk und Jugend dargestellt, heute gibt sich der Boulevard als Flaniermeile der örtlichen Borghesia. Ich schiebe meinen Begleiter in eine Filiale des 1878 in Neapel gegründeten pseudoenglischen Bekleidungsgeschäfts Gutteridge und verpasse ihm ein neues Einstecktuch. Dann fädeln wir uns unter die promenierenden Paare und Familien auf dem Corso ein. Einen Mantel braucht man nicht, da es Anfang November noch über zwanzig Grad hat.

Geschlossene Seepromenade

Im Vorübergehen grüßen wir Niccolo Piccinni, Namensgeber des Opernstreites, der ganz ins Komponieren versunken auf dem Sockel seines Denkmals am Corso Vittorio Emanuele steht, und nach dem auch das lokale Opernhaus benannt ist. An die weißen mittelalterlichen Bauten der Landzunge schließen sich die neoklassizistischen Bauten der faschistischen Epoche an. Alte und neuere Gebäude bilden die geschlossene Seepromenade, die wir bereits aus Lina Wertmüllers Bari-Film kennen, ebenso wie die Rufe der Fischer am Strand. Doch während es bei Wertmüller ganze Leviathane sind, die an Land gehievt werden, müssen sich die Petrijünger von heute mit Kleingetier zufriedengeben.

Sie breiten ihre frutti di mare auf der Mauer aus und lassen sich von deren Mickrigkeit nicht in ihren jahrtausendealten Gesängen stören. Die apulische Dialekte sind der Koine verwandt, ganze Dörfer gibt es hier, in denen die altgriechische Umgangssprache sich noch spricht. Mein Begleiter versucht, im Idiom Homers zwei Fischer in ein Gespräch über Palamedes zu verwickeln, der beim Fischen von Diomedes und Odysseus ertränkt wurde, er stößt jedoch auf Verständnisschwierigkeiten.

Ein Moment des Friedens

Wenige Minuten später jedoch führt uns der Zufall in einen griechisch-orthodoxen Gottesdienst, den ein knappes Dutzend Gläubige besucht. Hier wie auch gegenüber in der römisch-katholischen Messe gibt es sie noch, die alten Frauen in Schwarz, die schon Wertmüllers Film bevölkern. Sie alle tragen Kopftuch und lassen die Diskussion für und wider ein Kopftuchverbot obsolet erscheinen. Überhaupt scheint der Weg vom Katholizismus zum Islam nicht weit. Doch was tun mit der stolzen Kaste der Protestanten? Mein Begleiter macht mich darauf aufmerksam, wie „unser Weg die ganze Zeit weder von Touristen noch von anderen Protestanten und Mysterienleugnern gekreuzt wird“.

Es ist das antike, das mittelalterliche, das ewig-barocke Italien, mit dem wir allein sind; ein verewigter Moment des Friedens. 2020 feiern wir kein Allerheiligen wie andere mehr; wir begehen zugleich den siebzigsten Jahrestag des Dogmas von der leiblichen Aufnahme Mariae in den Himmel, welches Pius XII. erließ. Diesem Papst, der mehr Menschenleben, namentlich von Juden, gerettet hat als jeder andere Sterbliche, gelang mit seinem Dogma zugleich ein Propagandacoup: Er stach damit die NASA neunzehn Jahre vor der Mondlandung von Apollo 11 ebenso aus, wie er mit der leiblichen Aufnahme der Gottesmutter die Kirche an die Spitze der Frauenbewegung stellte.

Sauber und aufgeräumt

Bei dem Filmprojekt 12 registi per 12 citta für den FIFA World Cup in Italien 1990, bei dem Antonioni den Beitrag über Rom drehte, die Bertoluccis über Bologna und Zeffirelli über Florenz, übernahm Lina Wertmüller den Kurzfilm über Bari, der zu einem kleinen Meisterwerk geriet: Unter den hispanoid-archaisierenden Klängen der Tarantella di S. Nicandro sieht man die Altstadt und ihre Menschen in jener neoklassizistischen Leere a la Chirico, in der sie uns auch jetzt während der Siesta erscheint. „Apulien wird Deutschen gefallen“, meint mein Begleiter; „sauber, ordentlich und aufgeräumt. Und die Mülltrennung soll tadellos funktionieren.“


Vielleicht hat deswegen schon Friedrich der Staufer hier seine schönsten Festen errichtet, vermute ich, während wir an den glatten und hohen Mauern, wo Geister noch zu wandern wagen, der normannisch-staufischen Burg des Kaisers entlangspazieren. Es sind freilich nicht die kulturhistoriographisch bedeutsamen Bauten allein, welche Italien zu dem Land machen, das wir lieben. Als wir eine Gasse der Altstadt durchstreifen, wo eine Frau auf einem kleinen Grill drei Fische brät, als ein paar Gassen weiter ein Mann imaginäres Tennis und Golf spielt, da sagen wir uns wieder: es ist das Land nach unserem Geschmack. Mein Begleiter allerdings gibt zu bedenken: „Die Städte, die in uns bestanden, werden dem Erdboden gleichgemacht, wenn wir sie zum ersten Mal besuchen.“

Die Weite der Weinberge

Es gibt Momente im Leben, in denen man glaubt, ein großer Komödiendichter habe die Welt ersonnen, um einen auf den Arm zu nehmen. Ein solcher Moment ist erreicht, wenn man mit der Eisenbahn fährt, und die Stationen tragen Namen wie Brindisi, Cisterino, Monopoli und Fasano. Nicht minder phantastisch ist der Blick, der sich an unserem Zielbahnhof Ostuni auf die magische Stadt am Berg dartut. Tatsächlich thront die weiße Anlage wie ein in den Himmel gehobenes Heiligendamm über uns, und ein kleiner Bus wackelt mit uns beiden als einzigem Gepäck ins Zentrum der bleichen Bergstadt hinauf. Allzuviel unternehmen kann man hier um diese Jahreszeit, zudem mitten im Lockdown, freilich nicht.

Ein paar Restaurants sind geöffnet, haben indes keine Besucher. An der Tür der Osteria am Hauptplatz sind zwei Kellner in eine Unterhaltung vertieft. Stören wir sie, oder freuen sie sich, wenn wir noch etwas zu essen begehren? Wir zögern, schließlich genießen wir doch auf der Terrasse unter der Säule des Bischofs Orontius von Lecce Pasta und Salat, beides erstklassig. Der Blick von hier ins Land durch die leicht diesige Luft enthüllt die Weite der Weinberge und Olivenfelder. Mein Begleiter zitiert Hofmannsthal: „Die letzten Berge liegen nun im Glanz,/ In feuchten Schmelz durchsonnter Luft gewandet,/ Es schwebt ein Alabasterwolkenkranz/ Zuhöchst, mit grauen Schatten, goldumrandet:/ So malen Meister von den frühen Tagen/ Die Wolken, welche die Madonna tragen.“ Tatsächlich geben die Verse des Dichters den apulischen Barockhimmel vollkommen wieder.

Der Duft der Olivenhaine stimmt milde

Nun gilt es den Rückweg anzutreten. Über feste Abfahrtszeiten verfügt unser kleiner Shuttle natürlich nicht, noch ist er irgendwo zu sehen. Wir gehen ein Stück den Berg hinunter, da rattert er an uns vorbei. Wir entschließen uns, die vier Kilometer zum Bahnhof zu Fuß zurückzulegen. Während wir die Landstraße entlangwandern, wird es dunkel. Oft rettet uns nur ein Sprung in den Graben davor, überfahren zu werden. Der Duft der Olivenhaine um uns herum stimmt uns wieder milde. Es ist der Abend der Anschläge von Wien. Mein Begleiter hat sich einen solchen Anschlag vor der Wiener Staatsoper seit vielen Jahren immer wieder ausgemalt. Er wollte sich im entscheidenden Moment vor seine Stehplatzkameradin werfen, den tödlichen Schuss abfangen und ihr damit unverlierbar und ewig werden.

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