Guyana

Zwischen Gott und Göttern

Christliche Missionare kamen schon ab 1739 nach Guyana. Dennoch spielen noch immer naturreligiöse Elemente für die Bevölkerung eine Rolle.

Die Kaieteur Falls mitten im Regenwald.
Eines der Highlights des Landes: Die Kaieteur Falls mitten im Regenwald. Foto: Fotos: Ludwig

Abflug Georgetown, Hauptstadt von Guyana: Nach etwa einer Stunde in einer kleinen Cessna über dichten Regenwald und beim Anflug auf die Dschungellandebahn blicken die Reisenden auf die rund 250 Meter hohen, majestätisch anmutenden Kaieteur-Falls unter ihnen. Nach dem Einchecken ins Kaieteur-Gästehaus, einer einfachen Unterkunft, und einem zehnminütigen Fußweg müssen die Gäste erst einmal Luft holen. So sehr begeistert sie der Blick auf einen der höchsten Wasserfälle Amerikas. Hier stürzt der Potaro-Fluss in einer einzigen Stufe auf einer Breite von fast 100 Metern über eine 247 Meter hohe Sandstein-Klippe vom Hochland in das etwa auf Meeresniveau liegende Tiefland. Nur kleine Reisegruppen sind erlaubt. Damit wird garantiert, dass der Besucher die tobenden Wassermassen fast für sich alleine hat. Es gibt weder Absperrungen noch Begrenzungen, daher ist die Wanderung zum Aussichtspunkt nur mit Führer erlaubt. Der Legende nach erhielt der Wasserfall seinen Namen nach dem Patamona-Häuptling Kai. Um seinen Stamm gegen die aufständischen Carib-Krieger zu verteidigen und Gott Makonaima gnädig zu stimmen, opferte er sich, indem er sich in einem Kanu in die Tiefe stürzte.

St. George's-Kathedrale in Georgetown
Noch heute ist die St. George's-Kathedrale in Georgetown eine der größten freistehenden hölzernen Kirchen der Welt. Foto: Sabine Ludwig

Auch die Patamonas hatten einst ihren Gott

An diese Legende glauben die Amerindians noch heute. Es ist ihre Historie, ihre Vergangenheit, lange bevor die Missionare kamen. Und auch die Patamonas hatten einst ihren Gott, den sie verehrten und Opfer brachten. Und sie haben ihre eigene Erzählung um ihren Häuptling Kai entwickelt, doch diese wollen sie mit niemandem teilen. Auch Schamane spielen in ihrer Welt eine große Rolle, jenseits ihrer Bekehrung zum Christentum. Wie in vielen anderen Naturreligionen auch gibt es Götter, die neben dem einen christlichen Gott existieren. Die Mayas in Guatemala und die Nachfahren der Inkas in Südamerika gehören dazu. Sie sind gläubige Christen, die aber bestimmte Feiertage und Festlichkeiten auch ihren eigenen Göttern widmen.

Neben den Patamonas gibt es das Volk der Chenapou ganz in der Nähe des mächtigen Wasserfalls. Es heißt Gäste herzlich willkommen. Besonders, wenn sie die anstrengende Anreise auf sich nehmen, um mehr über ihre Kultur und ihren Glauben zu erfahren. „Sie sind ausgesprochen gastfreundlich und wollen den Besuchern gerne aus ihrem Leben erzählen“, betont Tourismus-Direktor Brian Mullis. „Trecking durch fast unberührten Regenwald zu den Chenapou ist dabei ein ganz einzigartiges und spezielles Erlebnis.“ Doch es geht auch einfacher. Der Flug von Georgetown zur Dschungellandebahn der Chenapou dauert nur 90 Minuten. Oder eben zwei Stunden mit dem Boot auf dem Potaro-Fluss – nach der Besichtigung des Wasserfalls, denn den muss man unbedingt gesehen haben.

Rund 250 Ethnien im noch sehr ursprünglichen Landesinneren

Rund 63 Prozent der indigenen Bevölkerung Guyanas sind Christen. Zwar gibt es keine genauen Statistiken in dem vom Tourismus fast unberührten Land, doch Nicola Balram von der nationalen Tourismusbehörde in der Hauptstadt Georgetown spricht von einem hohen Anteil: „Die meisten sind Protestanten, dicht gefolgt von Katholiken. Die Angehörigen der rund 250 Ethnien im noch sehr ursprünglichen Landesinneren konvertieren in der Mehrzahl zum Christentum.“ In diesem Zusammenhang taucht immer wieder die Bezeichnung „Hallelujah-Religion“ als Form der Gottesverehrung auf. Dabei beginnen die Gläubigen ihre Messe mit einem Singsang, dem sogenannten „Wada Boo“. Sobald alle versammelt sind, findet ein Begrüßungstanz statt, bei dem sich die Anwesenden an den Händen halten und sich nach ganz bestimmten religiösen Regeln bewegen.

Die ersten Missionare kamen von der Herrnhuter Brüdergemeinde um 1730 nach Surinam und kurze Zeit später auch ins benachbarte Guyana. Beide Länder waren damals niederländische Kolonien. Weil die Missionare ihren Lebensunterhalt selbst verdienen mussten, verlegten sie sich auf Handel und Gewerbe einerseits und andererseits auf die Verkündung der christlichen Botschaft. Doch gab es immer wieder Rückschläge. Sie, ihre Ehefrauen und Kinder, die dem tropischen Klima sowie den schweren körperlichen Anstrengungen nicht gewachsen waren, starben wie die Fliegen. Mit fortschreitender Kolonialisierung gerieten die Ureinwohner, heute Amerindians genannt, zwischen alle Fronten und wurden letztendlich vertrieben oder ermordet. Fortan galt die Aufmerksamkeit der Brüder den schwarzen Stadt- und Plantagensklaven sowie den in den Urwald Geflüchteten. Tief im Dschungel kam es erstmals 1765 zur Taufe des Häuptlingssohns Arrabini, des ersten einheimischen Mitarbeiters der Missionare. Später machten die Plantagenbesitzer die Glaubensbrüder für den Sklavenaufstand vom August 1823 verantwortlich. Die sogenannte „Demerara-Rebellion“, nach einem Fluss im Landesinneren benannt, wurde blutig niedergeschlagen.

1894 widmeten sich die Gläubigen der Fertigstellung der St. George's-Kathedrale in Georgetown. Noch heute ist sie eine der größten freistehenden hölzernen Kirchen der Welt. Schon 1778 wurde in Paramaribo, Surinam, eine erste Kirche aus Holz gebaut. Im Inneren der prächtigen gotischen Kathedrale der Hauptstadt zeugen Wandgemälde von den Mühen und Schwierigkeiten der frühen Siedler. Anfang 2019 wurde das weiße Prachtgebäude noch renoviert, doch das Juwel der Stadt sollte bei keiner Besichtigung fehlen.

Nicht alle Ureinwohner setzen auf Tourismus

Heute hat das einzige englischsprachige Land Südamerikas noch 183 000 Quadratkilometer geschlossenen Regenwalds zu bieten. Es gibt weder asphaltierte Straßen noch eine gute Infrastruktur. Voran kommt man am besten mit kleinen Flugzeugen oder im Kanu entlang der mächtigen Dschungelflüsse. Weniger als 5 000 Touristen jährlich zieht es in den mit 750 000 Bewohnern dünn besiedelten Staat zwischen Venezuela, Surinam und Brasilien. Eine Sandpiste als einzige Fernstraße verläuft quer durch das Land nach Brasilien.

Doch längst nicht alle Ureinwohner setzen auf Tourismus in ihrer direkten Umgebung. „Unsere Kultur ist für uns immens wichtig. Wir wollen sie nicht von anderen zerstören lassen“, sagt Schuldirektor Terence Brasche aus Yupukari. Er zielt dabei weniger auf internationale Gäste ab, die kommen und die Gepflogenheiten achten. Vielmehr sei es der nationale Tourismus, der ihm Angst mache. „Wenn es erst einmal Straßen gibt, die die jungen Leute aus der Küstenregion mit ihren Jeeps, Gewehren und Alkohol zum Partymachen hierher bringen, ist es mit unserer Kultur vorbei.“ Den Ausbau der Infrastruktur fürchtet er, denn der wird auch ihr Leben, ihre Traditionen negativ beeinflussen. „Das Erschließen des Landes bringt gute wie auch schlechte Dinge mit sich.“ So wie er denken viele.

Touristenführer Waldyke Prince bezeichnet die Entwicklung seines Landes als eine „bittersüße“ Erfahrung. Gefordert seien jetzt vor allem Bildung und Aufklärung, damit ein Raubbau verhindert werden könne. Dabei sei die Achtung vor den Legenden der Vergangenheit ein wichtiger Teil, die kulturelle Identität auch in Zukunft zu bewahren.