Zu den Quellen des Weihrauchs

Weihrauch ist der Inbegriff des Omans. Denn vor über vier Jahrtausenden begann im Süden des Landes die Weihrauchstraße, die bis ans Mittelmeer führte. Der Wohlgeruch zieht auch heute noch durch die verwinkelten Gassen des Mutrah Souks, dem traditionellen Basar in der Hauptstadt Maskat. Von Annette Frühauf

„Jede Familie hat Weihrauchbrenner im Haus“, weiß Omar. „Wir parfümieren uns, unsere Kleidung und die ganze Wohnung.“
„Jede Familie hat Weihrauchbrenner im Haus“, weiß Omar. „Wir parfümieren uns, unsere Kleidung und die ganze Wohnung.“

Omar steht im langen, weißen Gewand – der traditionellen „dishdasha“ – inmitten des orientalischen Treibens. In seinem kleinen Verkaufsraum stapeln sich Berge von Plastiktüten, voller heller und dunkler Klümpchen. Der Omani nimmt ein Säckchen und öffnet es. Die braun-gelben Brocken sind fast so hart wie Stein. Wer daran riecht, dem steigt ein würziger Geruch in der Nase, wohlvertraut aus den christlichen Gotteshäusern.

Omar ist ein Weihrauchhändler und verkauft das gehärtete Harz der knorrigen Bäume, die im über 1 000 Kilometer entfernten Salalah wachsen. Seit 2 000 gehören die dortigen Plantagen – die in bis zu 800 Metern Höhe liegen – zum UNESCO Weltkulturerbe. Die eher kleinwüchsige Pflanze mit der ausladenden Krone und den langen Wurzeln ist auch im benachbarten Jemen, in Saudi-Arabien und in Somalia zu finden, das heute führend im Weihrauchhandel ist. Davon will Omar jedoch nichts wissen. Er schwört auf die heimische Ernte: „Zwei bis dreimal im Jahr wird die Rinde des Baumes vorsichtig angeritzt, damit das milchige Harz herausfließen kann“, erklärt der Händler, zieht sein Handy hervor und zeigt dazu gleich das passende YouTube-Video.

Auf dem kleinen Bildschirm bearbeiten zwei Bauern mit einem kleinen Spatel vorsichtig die Rinde eines „Boswellia Sacra“, was übersetzt „Arabischer Weihrauch“ heißt. Von den 25 Arten der Balsambaumgewächse kommt diese nur im Oman vor. Aus den schmalen Spalten tritt helle Flüssigkeit aus. „Die muss nun ein paar Wochen trocknen“, weiß der Händler. „Dann werden die weißlichen Bröckchen erst eingesammelt.“ Bis zu zehn Kilogramm kann so pro Baum im Jahr geerntet werden. Weihrauchbäume mögen es trocken und heiß. Da sie darüber hinaus eine gewisse Feuchtigkeit brauchen, wachsen sie nur an der südlichen Grenze des Landes, wo von Ende Juni bis Anfang September der Monsun die öde Landschaft in eine grüne Oase verwandelt.

„Dieses ,Hojari‘, das ihr gerade im Film gesehen habt, ist die reinste Form von Weihrauch und von bester, handverlesener Qualität“, erzählt der Händler stolz. „Es hat einen besonders feinen Duft.“ Omar nimmt einen kleinen Weihrauchbrenner aus gebranntem Ton vom Regal und befüllt die Kuhle mit Kohle. Auf die Glut kommt ein kleiner Weihrauchklumpen. Bei der Frage, ob dies tatsächlich „Hojari“ sei, lacht der Händler nur und zuckt mit den Schultern. Kurz darauf erfüllt schwerer, süßlicher Duft seinen Laden und verteilt sich in den Gassen des Souks.

Früher einmal wurden die „Tränen Allahs“ – wie Weihrauch hier ehrfürchtig genannt wird – mit Gold aufgewogen. In Europa war lange nicht bekannt, wo der Rohstoff vorkommt und woraus er besteht. Das erhöhte seinen Wert. Heute ist die Nachfrage weltweit stark zurückgegangen – nicht jedoch im Oman. „Jede Familie hat Weihrauchbrenner im Haus“, weiß Omar. „Wir parfümieren uns, unsere Kleidung und die ganze Wohnung.“ Nicht selten begegnet einem der Geruch sogar im Taxi. Dann ist der elektrische Weihrauchofen mit dem Zigarettenanzünder verbunden. Der Geruch des Harzes soll für eine angenehme Atmosphäre sorgen und entspannen.

Nun holt der emsige Verkäufer einen Ständer hinter seinem Ladentisch hervor, der an eine hölzerne, schlanke Pyramide erinnert. Das kniehohe Gestell lässt er unter seinem langen Gewand verschwinden, ebenso wie das qualmende Öfchen. Mit der Hand verteilt er den Rauch unter seinem weiten Kleidungsstück – bis der feine Dampf an der Halsöffnung wieder austritt, quasi eine Art Deo für die „dishdasha“. Der Einsatz von Weihrauch ist noch vielfältiger. Auf den voll bepackten Regalen stehen auch kleine Fläschchen mit Weihrauchwasser – als Kosmetika gegen Akne und zum Trinken. „Man kann aber auch selber einige Klümpchen über Nacht in Wasser legen“, schlägt Omar vor. Dann legt er noch ein paar Krümelchen des gehärteten Harzes auf die Glut – sogleich wird der Geruch wieder stärker.

Im Abendland ist Weihrauch eng mit der Geburt Christi verknüpft. Omar hat davon gehört: „Die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland haben Gold, Weihrauch und Myrrhe als Geschenke nach Bethlehem mitgebracht.“ Denn die Weisen ehrten den Messias damals mit den kostbarsten Gütern ihrer Zeit. Auch wenn Myrrhe und Weihrauch längst keinen so hohen Stellenwert mehr haben, hat das Harz seinen festen Platz in der Liturgie der katholischen Kirche. Weihrauchrituale gab es bereits im römischen Reich. Aber erst mit Kaiser Konstantin, der das Christentum zur Staatsreligion im römischen Reich erhob, gewann Weihrauch für die Christen an Bedeutung. Heute kommt er vor allem in der Feier der heiligen Messe der Katholiken, im Stundengebet sowie in der eucharistischen Anbetung, beispielsweise bei Prozessionen und Andachten, zum Einsatz. Dem duftenden Rauch wird auch eine reinigende Bedeutung zugeschrieben. Daher werden bei Beerdigungen Sarg und Grab beräuchert.

In Ruwi, einem der Stadtteile von Maskat und nur wenige Kilometer von Omars Geschäft entfernt, steht die katholische Kirche St. Peter und Paul, die der Händler allerdings nicht kennt. „Im Oman gibt es Religionsfreiheit.“ Diese führte Sultan Qabus ibn Said während seiner inzwischen 48-jährigen Regierungszeit ein, sowie auch Schulen, Krankenhäuser, ein Versicherungswesen und nicht zuletzt die Öffnung für den Tourismus. „In Saudi-Arabien dürfen christliche Gottesdienste nicht öffentlich gefeiert werden“, mit diesem Hinweis ist das Thema Religion für Omar beendet. Auch der Sultan schätze den Rohstoff aus Salalah. „Weihrauch ist ein Bestandteil vom ,Amouage‘, dem Parfum des Omans“, weiß der redselige Verkäufer. Der Sultan ließ das Duftwasser vor über 30 Jahren entwickeln und kurzzeitig war es der wohl teuerste Geruch der Welt. Inzwischen ist es weniger exklusiv und weitverbreitet – auch in Deutschland steht es in den Regalen der Parfümerien.

So langsam wird es voll in und um Omars kleinem Reich. Seine Erzählungen habe zahlreiche Interessierte angelockt. Während der Weihrauch-Spezialist nicht müde wird, seine Ware zu preisen, packt er ein Tütchen Weihrauch, einen kleinen Tonbrenner und etwas Kohle ein. „Damit der Duft des Oman auch Zuhause an mich erinnert“, lacht der Omani und wendet sich dem nächsten Kunden zu.

Omanisches Fremdenverkehrsbüro: omantourism.gov.om