Saint Michel

Wunder des Abendlandes

Seit Jahrhunderten begeistert der Mont Saint Michel seine Besucher.

Le Mont Saint Michel, France
Neuer Zugang, neue Sichtweise: Man lässt das Festland und die Welt besser und leichter hinter sich, das Ziel im Wattenmeer nicht nur vor dem geistigen Auge.fotolia.de Foto: Foto:

Dieses Mal waren wir zu dritt: Eine echte „Novizin“, also jemand, der vom Mont Saint-Michel bisher nur gehört hatte, dann einer, der vor 43 Jahren einmal dort gewesen war, und der Verfasser, der irgendwann zu zählen aufgehört hat, wie oft und mit wie vielen Begleitern er das „Wunder des Abendlandes“, wie man den Klosterberg an der Grenze von Normandie und Bretagne oft nennt, erlebt hat.

Der Klosterberg hat derzeit Rückenwind

Das religiöse Leben auf dem Klosterberg hat derzeit spürbar Rückenwind. 1966 kehrten vier Benediktinermönche auf den Mont Saint-Michel zurück. Mit der Fraternité Monastique de Jérusalem sind seit Juni 2001 vier Brüder und sieben Schwestern auf dem Heiligen Berg ansässig. Ebenfalls steigende Tendenz gibt es bei den Wallfahrten zum Mont Saint-Michel, denn auf dem Weg vom Pilgerzentrum in Ardevon bei Ebbe durch die schlammige Bucht lässt sich am ehesten erahnen, wie es den Pilgern erging, die Jahrhunderte hindurch aus allen Teilen Europas auf den Berg des Erzengels zuwanderten: Bei Wind und Wetter, durch die „sables mouvants“, den gefährlichen Treibsand und die noch gefährlichere Flut, die „schneller als ein Pferd im Galopp“ und bis zu 15 Meter hoch kommen kann.

Der Zugang zum Klosterberg ist neu angelegt: Man startet in der Bucht von Saint-Malo, an der Grenze von Normandie und Bretagne. Dies hat eine neue Sichtweise zur Folge: Irgendwie lässt man das Festland und die Welt besser und leichter hinter sich, das Ziel im Wattenmeer nicht nur vor dem geistigen Auge. Gestärkt von einer Runde Galettes, gefüllten Pfannkuchen aus der Bretagne, und einem Glas Cidre, dem Apfelwein aus der Normandie, steigt man auf den Parkplätzen aus dem Auto und in die gasgetriebenen Shuttle-Busse, alternativ in Pferdekutschen. Es geht vorbei an Geschäften, Lokalen und Hotels. Hinaus, in Richtung Meer, wo zwischen 1879 und 2012 ein 1,6 km langer Damm den Klosterberg mit dem Festland verband und das Spiel der Gezeiten verhinderte, so dass die Versandung der Bucht drohte. Nach einer mehr als zehn Jahre andauernden Renaturierung wird seit 2015 der Mont Saint-Michel wieder regelmäßig zur Insel.

Am Ende einer neuen, wasserdurchlässigen Brücken-Konstruktion entlässt der Shuttlebusfahrer die künftigen Mont-Besucher, und per pedes geht es immer trockenen Fußes weiter. Dabei ist man nicht allein, aber trotzdem immer wieder beeindruckt von dem 78 Meter hohen Granitfelsen und den darauf in vielen Jahrhunderten errichteten Bauten. Im Jahre 708, so berichtet die Legende, erschien der Erzengel Michael dem Bischof Aubert von der benachbarten Stadt Avranches. Er forderte ihn auf, auf einer der drei Eilande, die ein Erdbeben in der Bucht hinterlassen hatte, ein Bethaus zu errichten. Da der Bischof zögert, muss ihm der Erzengel drei Mal erscheinen, die Reste der karolingischen Kirche von 788 sind Teil von Notre-Dame-sous-Terre, einer der unteren Kapellen.

Wie kam der Mont Saint-Michel in die Normandie?

Wer durch das Eingangstor Port de l'Avancée eingetreten ist, befindet sich innerhalb der alten Befestigungsmauer, die den Mont Saint-Michel auch in den Zeiten des hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England im Mittelalter schützte. Eine nicht gerade breite Gasse, dennoch Grand'Rue genannt, führt bergan. An ihr liegen die Versuchungen eines Wallfahrts- und Touristenortes: Geschäfte mit Waren aller Art, Souvenirs, Postkarten, Reiseproviant und nicht zu vergessen, die zahlreichen Lokale, in deren Gaststuben und auf deren Terrassen als lokales Spitzengericht das Fleisch der „moutons de pré salés“-Lämmer serviert wird.

Rund 600 Stufen gilt es an diesem sommerlich warmen Tag zu erklimmen, bis man endlich die finale, steile Treppe hinauf zur Abteikirche erreicht. Schließlich steht man auf der ersten Terrasse und wird mit dem Blick auf den Grenzfluss Couesnon mit der jahrhundertealten Frage konfrontiert: Wie kam der Mont Saint-Michel in die Normandie? Ein altes Volkslied erklärt, dass der „verrückte Couesnon“ seinen Verlauf verändert hat und damit den Klosterberg in die Normandie gesetzt hat.

Nur rund 600 000 Menschen schaffen es jährlich bis zur alten Abtei. Und auch dann gilt es noch viele Stufen zu steigen, Gänge und Krypten zu durchschreiten: In der Tat, denn vor dem Bau der romanischen Abteikirche galt es, durch zahlreiche Krypten eine Basis zu schaffen, auf der eine kreuzförmige Basilika aufgerichtet werden konnte. Besonders massiv mussten die Fundamente für die vier Säulen der Vierung auf dem Felsen sein, denn der Vierungsturm hat über 140 Meter, auf ihm eine 7,50 Meter hohe und 400 Kilogramm schwere goldene Statue des Erzengels Michael, vor einigen Jahren zur „Überholung“ per Hubschrauber abgeholt und wieder zurückgebracht.

Von einer zweiten Terrasse geht der Blick hinüber auf die unbewohnte Nachbarinsel Tombelaine, der kleine „Nachbar“ des Klosterberges. Und auch die beeindruckende Abteikirche ist sichtbar: romanische Wandgliederung im Hauptschiff, hohe Vierung und ein gotischer Chor, der einen romanische Vorgängerbau ersetzt. Hier wird jeden Tag kurz nach Mittag eine Messe gefeiert. Die Brandspuren an den Wänden des Hauptschiffs erinnern daran, dass der Mont Saint-Michel 13 Mal abgebrannt ist, zwölf Mal durch Blitzschlag, einmal, weil Sträflinge Feuer gelegt hatten.

Ergänzender Museumsbesuch in Avranches

Im Dortoir, dem ehemaligen Schlafsaal der Mönche, ist der Buch- und Kartenladen untergekommen, gleich daneben der unbestreitbare Höhepunkt des Klosterberges: Der „Cloître“, der Kreuzgang im obersten Stockwerk des „Merveille“ mit seinen filigranen Säulen und dem Holzgewölbe, wohl aus Gewichtsgründen. Daneben der Speisesaal der Mönche mit seinen besonders geformten Fensterbuchten für eine perfekte Beleuchtung des Refektoriums.

Wieder gilt es, Treppen und Gänge zu nutzen, um alle drei Etagen des Süd-Baues zu entdecken: Unter dem Kreuzgang und Speisesaal liegen mit Ritter- und Gästesaal zwei imposant große, hohe Räume, die zudem den Vorteil hatten, durch einen riesigen Kamin beheizt werden zu können. Darunter, wo einst die Pilger versorgt wurden, befinden sich die Kassen und Läden. Im Rittersaal war das Skriptorium der Mönche untergebracht, die Manuskripte, die hier entstanden, können in einem Museum der rund 20 km entfernten Bischofsstadt Avranches besichtigt werden.

Der Weg um den Granitfelsen führt in die Krypta der zehn dicken Pfeiler, welche den gotischen Chor tragen (zwei weitere Pfeiler „tragen“ den Hauptaltar darüber), in die Kapelle Saint-Martin (wo Morgenmessen stattfinden) und schließlich in einen Bereich, den einst die Insassen der Strafanstalt Mont Saint-Michel besonders schätzten. Dort steht ein großes hölzernes Rad für die Schrägaufzüge, denn immer galt es, Baumaterialien, Einrichtungsgegenstände und Lebensmittel auf den Berg zu bringen. Gefangene arbeiteten gerne am und im Rad, denn es war der einzige Ort, an dem es den Blick ins Freie und frische Meeresluft gab.

Immer weiter geht es durch Räume und Kapellen, links liegen die feuchten Cachots, rechts hinter der verschlossenen Tür die Mauer von 788, in den nächsten Säulengängen („Promenoir“) beteten die Mönche ihr Brevier, und immer wieder fragt sich der Besucher, auf welcher Seite des Berges er wohl gerade ist. Mehrere Wendeltreppen bringen ihn an den Fuß des dreistöckigen Merveille-Gebäudes aus dem 13. Jahrhundert, das deutlich macht, welche Infrastruktur nötig war, um die Massen der mittelalterlichen Pilger unterzubringen.

Begleitung durch einen erfahrenen Reiseleiter erforderlich

Im Garten am Fuße des hoch aufragenden Gebäudes angekommen, sind wir froh, wieder frische Luft zu atmen und blauen Himmel zu sehen. Für den Weg hinunter wählen wir die weniger genutzte Alternative zur Grand'Rue und allen ihren Verführungen: Der Weg auf der Außenmauer gibt nicht nur den Blick auf die Bucht frei, wir sehen auch mehrere Pilgergruppen, die mit ihren Führern unterwegs sind zum „Festland“, wobei die Begleitung durch einen erfahrenen Guide angesichts von Treibsand und einem Tidenhub, der „schneller als ein Pferd im Galopp“ hereinbricht, unbedingt erforderlich ist. Schon fast unten angekommen, gönnen wir uns eine Rast bei einem Kaffee auf einer Terrasse mit dem Blick auf das „Festland“. Und das Festland blickt zurück auf diesen gewaltigen Klosterberg, der die Menschen schon seit Jahrhunderten fasziniert.