Würzburg

Wo die Zeit Nebensache ist

Die Straße der Romanik im Südburgund verbindet über 60 romanische Kirchen – fast überall herrscht klösterliche Ruhe.

Kirche in Bourgogne-Franche-Comté
Das gut erhaltene Gotteshaus aus hellem Stein in Tournus ist eines der ältesten unter den großen romanischen Bauten in Bourgogne-Franche-Comté. Foto: Fotos: Frühauf

In Tournus scheint die Zeit stillzustehen. Ludger Martens, Nuklearmediziner aus Deutschland und ab und zu Stadtführer, hat das charmante Städtchen so ins Herz geschlossen, dass er die letzten Jahre sein neues Zuhause, ein altes Gemäuer gegenüber der mächtigen Kirchenmauern, renovierte. „875 schenkte Karl der Kahle Mönchen aus Noirmoutier ein Grundstück am Ufer der Saône.“ Der Wahlfranzose steht mit seiner Touristengruppe in der ehemaligen Abteikirche St. Philibert, die die Mönche auf der Flucht vor den Wikingern für die Reliquien ihres Klostergründers Philibert erbauten. „Der Ort, auf dem sich der Orden niederließ, war dem lokalen Märtyrer Valerian geweiht“, fährt er fort. Mit Hemd, Sakko und den grau-melierten Haaren wirkt er ganz und gar französisch.

Abteikirche St. Philibert, eine der ältesten romanischen Bauten

In den folgenden Jahrhunderten gewannen Kloster und Stadt immer mehr an Bedeutung. Das mächtige und gut erhaltene Gotteshaus aus hellem Stein ist eines der ältesten unter den großen romanischen Bauten in Bourgogne-Franche-Comté und stammt aus dem 11. und 12 Jahrhundert. In der Vorkirche ist es dunkel. Unter den Füßen der Besucher liegen die Gebeine der Mönche begraben. Im angrenzenden Langhaus ist es dagegen außergewöhnlich hell. Hier stiegen einst die Pilger in die Krypta hinab. Durch einen dunklen Gang wanderten sie erst zum Sarkophag des heiligen Valerian und weiter zum Schrein des Philibert.

Im Chor erzeugen die zeitgenössischen Kirchenfenster ein Spiel von Licht und Schatten auf den romanischen Mosaiken, die jüngst durch Zufall bei Renovierungsarbeiten ans Tageslicht kamen. Auf den wiederentdeckten Steinen sind Tierkreiszeichen und Monatsarbeiten zu sehen. Vom Kreuzgang im Freien gelangt man in die kleinen Gassen und über die Grand-Rue, der ehemaligen Via Agrippa – Haupthandelsweg im römischen Gallien – weiter ins Zentrum des malerischen Ortes. Allenfalls Details an den Fassaden der Häuser, wie beispielsweise die Chimäre an einem Dachvorsprung, erinnern an ihren romanischen Ursprung.

Auch das Haus des Deutschen, das sich hinter dicken Mauern verbirgt, stammt aus dieser längst vergangenen Zeit. Früher waren hier die Kranken untergebracht, jenseits der schützenden Stadtmauer. Ein offener Kamin nimmt im Hausinneren die halbe Wandseite ein und die gegenüberliegende Küche wird an der Außenseite durch die alte Stadtmauer begrenzt, die grob zusammengemauerten Steine stehen im Kontrast zu den modernen Elementen der Einrichtung. Ludger Martens schätzt die Ruhe des Städtchens an der Saône. Ihr träge fließendes Wasser scheint die Hektik der aktuellen Epoche mitzunehmen. Es bleibt Zeit für Begegnungen – mit Menschen, den Genüssen der Region und mit der Natur, die gleich vor den großen Fenstern beginnt.

Jackie Kennedy schätzte die mineralischen Weißweine der Gegend

Die Straße der Romanik führt über sanft geschwungene Hügel, vorbei an Herden von Charolais. Die französische Rinderrasse hat ihren Namen von der Umgebung von Charolles bekommen. Die hellen Tiere prägen die Landschaft ebenso wie die Weinreben, deren alte Wurzeln sich an den Felsen von Solutré klammern. Seine Form ähnelt einer Sphinx, so wie die des Nachbarfelsens von Vergisson. Die Formationen sind aus versteinerten Korallenmassiven hervorgegangen, die etwa vor 160 Millionen Jahren in den warmen Meeren entstanden.

Charlotte Bonniell, Sommelier der Domaine du Château de Pierreolos, erzählt während der Weinprobe die Legende von der Felsenjagd. Es ist die Geschichte nomadischer Jäger, die über 30 000 Jahre lang die Felsen aufsuchten und die Wanderrouten der Pferde, Bisons, Auerochsen und Mammute für ihren Vorteil nutzten. Diese Tierknochen wurden zu Tausenden am Fuße des Gesteins entdeckt. Es bleibt genug Zeit, um zu erfahren, dass die Hauptrebsorte des Châteaus Chardonnay ist. Der einfache Bourgogne Aligoté wird für den Kir verwendet. Der Aperitif der Region wird mit Cassis Likör gemischt. Es gibt zwei Sorten Creme de Cassis mit geschützter Herkunft: die Creme de Cassis de Djion und die Creme de Cassis de Bourgogne. Zwar gibt es in der Weinauswahl des Châteaus keinen Grand Cru, aber angeblich den Lieblingswein von Jackie Kennedy, die die mineralischen Weißweine der Gegend wohl sehr schätzte.

Nur einen Katzensprung entfernt liegt Cluny, das nächste Ziel der Romanik-Tour. Der Turm der 910 gegründeten Abtei Cluny ist von Weitem zu sehen. Bei näherem Hinschauen zeigt sich, dass nur ein Bruchteil, rund zehn Prozent, der Kirche erhalten geblieben sind. „Cluny III, davor gab es bereits zwei kleinere Kirchen, war 187 Meter lang und bestand aus fünf Kirchenschiffen in der Form eines Bischofskreuzes“, erklärt die Stadtführerin Claire Matrat und zeigt dabei vom Turm bis zu ihrem Standort vor dem Museum, wo ein Modell der Anlage steht.

Größte Kirche der Welt bis zum Bau des heutigen Petersdoms

Die letzte Abteikirche, Cluny III, war die weltgrößte romanische Basilika und bis zum Bau des heutigen Petersdoms die größte Kirche der Welt. Die Architekten, Mönche und Bauleute arbeiteten mit einer für jene Zeit ungewöhnlichen Genauigkeit. Abweichungen der einzelnen Bauteile von den Plänen betrugen maximal zehn Zentimeter. „Die spitzbogigen Tonnengewölbe sind Vorbild für mehrere Kirchen im Umkreis, wie Sacre-Coeur in Paray-le-Monial und der Kathedrale von Autun“, erklärt die Französin. Der Kopf geht weit in den Nacken beim Betrachten der etwas mehr als 30 Meter hohen Decke. Ursprünglich gab es auch einmal sieben Türme. Durch die rigorose Einhaltung der Benediktinerregel entwickelte sich hier eine enorme Strahlkraft – auf dem Höhepunkt ihrer Macht unterstanden Cluny mehr als 10 000 Mönche in ganz Westeuropa.

Besser erhalten geblieben als die Kirche sind die romanischen Häuser der Stadt, erkennbar an den kunstvollen Arkaden der Obergeschosse. Bei den Führungen mit interaktiven Tablets wird der Besucher in ein anderes Jahrhundert versetzt. Die virtuellen Begegnungen mit den Handwerkern und Kaufleuten der Stadt zeugen von einer großen und lebendigen Ära mit dem Höhepunkt im 12. und 13. Jahrhundert. Die Zeit bleibt wieder einmal auf der Strecke und ist beim Dahinfahren zu den nächsten Zielen kaum mehr von Bedeutung.

Das Priorat La Charité gehört zum Welterbe der UNESCO

Über Paray Le Monial, mit der Basilika Sacré-Coeur, der Kathedrale Saint-Lazare in Autun sowie den gallo-römischen Stätten geht es nach Nevers. Dort warten die Kathedrale St.-Cyr und die kleine romanische Kirche Saint Etienne. Weitere eindrucksvolle Orte, die die Vergangenheit lebendig machen. Wo man die Hände über die alten Steine gleiten lassen und den Puls einer vergangenen Ära ertasten kann. Je näher La Charité-sur-Loire kommt, desto mehr Wanderer mit Pilgerstöcken und Rucksäcken sind unterwegs. Oft baumelt irgendwo eine weiße Muschel. Das 1059 am Ufer der Loire gegründete Priorat La Charité wird als „erstgeborene Tochter Clunys“ bezeichnet und unterstand dem dortigen Orden. Das Priorat gehört als Etappe auf dem Jakobsweg zum Welterbe der UNESCO und ist ein weiteres bemerkenswertes Beispiel für die romanische Kunst.

Im historischen Stadtzentrum gibt es über zehn Antiquariate und Druckereien sowie eine Buchbinderei. Gleich neben der Kirche liegt der Laden von Jean-Claude Charpentier, dem Meister der Schokolade. Seit fast 100 Jahren gibt es hier Schokolade. Im kleinen Hinterzimmer des Ladens bei einer Tasse frischen Minze Tees und Pralinees, gefüllt mit Olivenöl, Weinessig, frischer Orange und Nougat, wird die Zeit – wieder einmal – ganz nebensächlich.