Posen/Polen

Wo Polen einst katholisch wurde

Die Dominsel in Posen war Sitz des ersten polnischen Bistums. Die Ausgrabungen dort sind über 1 000 Jahre alt.

Poznan
Die Dominsel war Sitz des ersten Bistums in Polen, das um 968 gegründet wurde und dem Missionsbischof Jordanes unterstand. Sein jetziges Aussehen, geprägt von der Backsteingotik, erhielt der Dom erst nach dem zweiten Weltkrieg. Foto: fotolia.de

Es ist eine schmale Treppe, die in die Krypta der St.-Peter-und-Paul-Kathedrale führt. Und nachdem man die Steinstufen hinabgestiegen ist, steht man erst einmal im Stau. Gleich mehrere Reisegruppen drängen sich, auch sie wollen sich ein Gewölbe erklären lassen, das weit mehr beinhaltet als nur alte Steine: Die Ausgrabungen, die man hier antrifft, sind womöglich die ältesten Spuren des Katholizismus in Polen. Im Keller der prächtigen Backsteinkathedrale auf der Posener Dominsel finden sich Mauerreste, die wahrscheinlich Bestandteile der ersten Basilika waren, die in Posen um das Jahr 968 errichtet wurde.

„Die Legende sagt, Mieszko ließ sich von seinen sieben heidnischen Frauen scheiden, weil er sich in Dubravka verliebt hatte [...]"

Auch wenn der Katholizismus oft eine männerdominierte Religion ist, den Anlass für die Kapellengründung gab eine Frau: Dubravka war eine böhmische Prinzessin, die um das Jahr 965 den polnischen Fürsten Mieszko I. heiratete. Eine Liebesheirat war es vermutlich nicht, eher eine Hochzeit aus diplomatischen Gründen. Doch möglich wurde die Ehe mit der katholischen Prinzessin nur, weil sich Mieszko I. bereit erklärte, den katholischen Glauben anzunehmen. „Die Legende sagt, Mieszko ließ sich von seinen sieben heidnischen Frauen scheiden, weil er sich in Dubravka verliebt hatte, aber das stimmt sicherlich nicht, die Hochzeit war eher eine politische Entscheidung“, erläutert Fremdenführerin und Posen-Expertin Katarzyna Tymek.

In der Krypta des Posener Doms finden sich deshalb nicht nur steinerne Erinnerungen an die erste Kapelle, die von Dubravka in Auftrag gegeben worden war, sondern auch ein mehrere Meter großes Becken aus Sandstein, in dem Mieszko I. möglicherweise getauft worden ist. Sicher ist dies allerdings nicht, denn aus alten Chroniken geht nur hervor, wann Mieszko I. getauft worden ist, aber nicht wo. Nicht einmal, wer damals sein Taufpate war, ist überliefert. „Es gibt Leute, die vermuten, dass es Otto I. gewesen sein könnte. Der war an Ostern 966 allerdings nicht in Posen, sondern in Regensburg. Womöglich ist Mieszko I. also dort getauft worden“, berichtet Katarzyna Tymek. Es gibt auch andere Theorien. Vielleicht war gar nicht Otto I. der Taufpate, sondern Mieszkos Schwiegervater – der böhmische König. „Wo er getauft wurde, werden wir höchstwahrscheinlich niemals klären können“, mutmaßt Katarzyna Tymek.

Kathedrale mehrmals durch Krieg und Feuer zerstört

Unabhängig davon steht fest: In Posen liegt nicht nur der Ursprung des polnischen Staates, sondern auch des polnisches Katholizismus. Die Dominsel war Sitz des ersten Bistums in Polen, das um 968 gegründet wurde und dem Missionsbischof Jordanes unterstand. Als die Schutzburg auf der Dominsel zu klein wurde und sich das Zentrum der Stadt in den Bereich der jetzigen Posener Altstadt verlagert hatte, da schenkte der Fürst die gesamte Dominsel dem Bischof. Dieser errichtete dort eine Art Kirchenreich, an das heute noch zahlreiche Gebäude erinnern: das Diözesanmuseum, die Kirche der Heiligen Jungfrau Maria und natürlich die Peter-und-Paul-Kathedrale. Die Kathedrale wurde mehrmals durch Krieg und Feuer zerstört, ihr jetziges Aussehen, geprägt von der Backsteingotik, erhielt sie erst nach dem zweiten Weltkrieg.

Die Kanzel, das Chorgestühl und der Altar sind jedoch älter – denn sie wurden aus anderen Kirchen hierher gebracht. Den Krieg überstanden hat hingegen die Goldene Kapelle, sie ist der bedeutendste Teil des Gotteshauses. Sie wurde zwischen 1835 und 1841 erbaut, als Posen unter preußischer Herrschaft stand. Seither gilt sie als Grablage von Mieszko I. und von Boles³aw Chrobry, einem frühen polnischen König. Darüber hinaus sind weitere polnische Könige und Herzöge sowie mehrere Bischöfe und Erzbischöfe hier bestattet.

Vorherrschaft mit Mitteln der Kultur ausgetragen

Die Kapelle wurde überwiegend von polnischen Bürgern finanziert, einer der freigiebigsten Mäzene war Edward Raczyñski, ein polnischer Adeliger, auf dessen Spuren man in Posen an verschiedenen Stellen stößt – er war unter anderem auch der Gründer der Raczyñski-Bibliothek, die sich auf polnischsprachige Literatur konzentrierte und für die er im Jahr 1829 10 000 Bände spendete. Denn obgleich Posen seit dem Jahr 1793 offiziell zu Preußen gehörte, war die Stadt kulturell halb polnisch und halb preußisch. Der Kampf um die Vorherrschaft wurde jedoch nicht gewaltsam ausgetragen, sondern mit den Mitteln der Kultur. Die deutsche und die polnische Einwohnerschaft wollte sich übertrumpfen, wenn es um Bibliotheken, Theater, Museen, ja sogar, wenn es um Postämter ging.

Die architektonischen Schönheiten, die bei diesem kreativen Wettkampf entstanden, prägen die Stadt, die im zweiten Weltkrieg relativ schwer zerstört wurde, noch heute. Edward Raczyñski, der Adelige, der die Bibliothek gründete und großzügig den Wiederaufbau der Goldenen Kapelle im Posener Dom unterstützte, hoffte anfangs, dafür gewürdigt zu werden. Später zog er sich jedoch verbittert in die Einsamkeit zurück – und schied im Jahr 1845 mit einem spektakulären Selbstmord aus dem Leben: Er sprengte sich mit einer Kanone in die Luft.

Doch zurück zur Dominsel. Dort kann man nicht nur das Innere der Kathedrale bestaunen und im Untergrund die Reste von Ausgrabungen bewundern. Einen Katzensprung von der Dominsel entfernt, im Stadtteil Œródka, kann man auch eines der modernsten und interaktivsten Museen besuchen, das Polen gegenwärtig zu bieten hat.

Reise durch mehr als 1 000 Jahre polnischer Geschichte

Die 2014 eröffnete Porta Posana geleitet Besucher per Audioguide durch mehr als 1 000 Jahre polnischer Geschichte, von der kleinen Wehrburg, die auf der Dominsel stand, bis zur modernen Stadt Poznañ, einer Messestadt mit über 500 000 Einwohnern, die auf der Dominsel noch immer ihr religiöses Zentrum hat.

Natürlich begegnet man in dem Museum auch Mieszko I. und seiner aus Böhmen stammenden Frau Dubravka. Am Ende des Rundgangs führt eine Treppe ein Stockwerk weiter nach oben – dort tritt der Besucher ins Freie und steht dann auf einer Aussichtsterrasse. Mit direktem Blick auf die zwei imposanten Türme der St. Peter-und-Paul Kathedrale. Genau auf das Gotteshaus also, in dessen Untergeschoss sich das über tausend Jahre alte Sandstein-Taufbecken befindet, in dem viele der ersten polnischen Christen getauft worden sind.