Wo Freya von Moltke ihrem Mann hin folgte

Aus Anlass des Todes einer der letzten Zeitzeuginnen des Widerstandes der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944: Eine Reise zum ehemaligen Gut Kreisau in Schlesien

Die gut ausgebaute, von Bäumen gesäumte Landstraße ins nahe Gebirge ist kaum befahren. Wohlbestellte Felder dehnen sich beiderseits der Straße soweit das Auge reicht. Bald steigt aus der einförmigen Landschaft die Kuppe eines Bergstocks auf: der zum Wahrzeichen Schlesiens gewordene vielbesungene Zobten. Dann taucht schon der Turm der Schweidnitzer Stadtpfarrkirche auf, mit seiner mehrfach durchbrochenen spitzen Haube an den Turm des Breslauer Rathauses erinnernd und ihn übertreffend, der höchste Kirchturm Schlesiens. Die Fahrt geht weiter Richtung Reichenbach am Fuße des Eulengebirges, man biegt nach wenigen Kilometern von ihr ab und steht kurze Zeit später vor der Einfahrt zu einem großen Gutshof, dem früheren Besitz der Familie Moltke. Mit den verstreut liegenden kleineren Anwesen bildet er die Ortschaft Kreisau, fünfzig Kilometer südwestlich von Breslau gelegen. Kreisau, ein kleines Dorf in Niederschlesien, polnisch Krzyzowa genannt. Das Dorf ist durch die Widerstandsgruppe um Helmuth James von Moltke auf dem örtlichen Gut Kreisau in die Landkarte der deutschen Geschichte eingetragen worden. Nun ist seine Frau, eine der letzten Zeuginnen dieser Zeit und dieses Ortes gestorben, Freya von Moltke.

Helmuth James von Moltke übernimmt das elterliche Gut in einer schwierigen Phase, einer Dauerkrise der ostelbischen Landwirtschaft. Es gelingt ihm, das Gut zu sanieren und die Familie zum Umzug aus dem Schloss in das kleinere Berghaus zu bewegen. 1931 zieht hier seine frisch vermählte Frau, Freya von Moltke ein, die bemerkte: „So etwas wie diesen riesigen rechteckigen Gutshof, eingerahmt von großzügigen schönen Gebäuden, Stallungen und Scheunen mit roten Ziegeldächern, hatte ich im Westen Deutschlands noch nie gesehen“. In den Jahren von 1942 bis 1943 trifft sich in diesem Haus eine Gruppe von Gegnern des Naziregimes, die sich um Helmuth James vom Moltke und Peter Graf York von Wartenburg zu einem festen Zirkel zusammenschließen. Trotz unterschiedlicher sozialer, religiöser und politischer Auffassungen gelingt es ihnen, einen gemeinsamen Plan für einen demokratischen Neubeginn in Deutschland nach dem Ende des Naziregimes zu entwerfen.

Nach dem Krieg wird das Gut ein polnischer Staatsbetrieb

Nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 geraten die Mitglieder des „Kreisauer Kreises“ in den Blickpunkt der Gestapo. Ihre Strukturen werden zerschlagen und zahlreiche Mitglieder der Widerstandsgruppe hingerichtet, darunter auch der Gutsbesitzer von Kreisau am 23. Januar 1945 in Berlin Plötzensee. Seine Witwe, Freya von Moltke, bleibt allein mit zwei Kindern auf dem Gut zurück und wartet auf das Ende des Krieges. Im Chaos der Flucht und Vertreibung wird sie von englischen Freunden gerettet und verlässt im Oktober 1945 Kreisau, das sie erst dreißig Jahre später wieder betreten soll.

Nach dem Krieg wird das Gut in einen polnischen Staatsbetrieb umgewandelt, verfällt zusehends, und gerät im Gedächtnis der deutschen und polnischen Bevölkerung weitgehend in Vergessenheit. Erst mit den politischen Veränderungen der achtziger Jahre beginnt das Interesse an Kreisau und dem Vermächtnis der hier versammelten Menschen zu wachsen. Auf einer Tagung des polnischen „Clubs der Katholischen Intelligenz“ in Breslau wird die Idee geboren, auf dem Gut in Kreisau eine internationale Begegnungsstätte einzurichten.

Durch die Wende von 1989 erhält diese Idee neuen Schwung. Während am 9. November 1989 in Berlin die Mauer geöffnet wird, befindet sich der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl auf einem Besuch in Polen. Gemeinsam mit dem polnischen Regierungschef Tadeusz Mazowiecki entschließt er sich spontan zu einer Versöhnungsmesse in Kreisau, mit der das Gut für einen Moment ins Licht der Weltöffentlichkeit gerückt wird. Zelebriert wird der Gottesdienst vom Oppelner Erzbischof Alfons Nossol. Beim liturgischen Friedensgruß umarmen sich die Regierungschefs – ein Sinnbild der Völkerverständigung wie zuvor der Händedruck Kohls und Mitterrands in Verdun. In den folgenden Jahren wird eine Internationale Bildungsstätte der Stiftung Kreisau auf dem Gut der Familie von Moltke errichtet, die im Jahr 1998 in Anwesenheit der polnischen und deutschen Regierungschefs eröffnet wird. Seither treffen hier überwiegend junge Menschen zusammen, um über Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen oder des Widerstandes zu beraten. Freya von Moltke unterstützte von Anfang an das Projekt. 2004 gab sie ihren Namen der „Freya von Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau“ mit Sitz in Berlin. Diese ist darum bemüht, die Begegnungsstätte in Krzyzowa/Kreisau langfristig zu erhalten. Bundespräsident Horst Köhler, der Schirmherr der Stiftung, würdigte die Namenspatin damals als „eine der beeindruckendsten Frauen unserer Zeit“.

Gelegentlich kehrte Freya von Moltke auf das Gut ihres verstorbenen Mannes Helmuth James von Moltke zurück: „Die Begegnungsstätte dient dem Gedenken an den ganzen Kreisauer Kreis, nicht nur an Helmuth. Mein privates Kreisau ist mit meinem Mann gestorben.“ Annemarie Franke, die zusammen mit Rafal Borkowski die Europäische Jugendbegegnungsstätte Kreisau leitet, erinnert sich: „Zuletzt ist Freya von Moltke 2004 bei uns gewesen.“

Heute arbeitet auf dem Gut eine internationale Jugendstätte

Auf dem früheren Gutsgelände der Moltkes wird nun die Begegnungs- und Tagungsstätte betrieben, ausgestattet mit 177 Plätzen im Jugendherbergs- und Hotelstandard sowie Räumen für verschiedene Veranstaltungsformen, Plenar- und Kleingruppen, Übersetzungsanlage und Werkstätten für künstlerisches Arbeiten. Im Kreisauer Schloss und im auf einer Anhöhe gelegenen Berghaus wurde eine Gedenkstätte für den europäischen Widerstand eingerichtet. Das Berghaus ist in die Geschichte des Widerstandes gegen die Hitler-Diktatur eingegangen als der Ort, an dem Helmuth James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg, Julius Leber, Adolf Reichwein, Adam von Trott zu Solz und ihre Gefährten zusammenkamen, um sich über ein demokratisches, sozial gerechtes Deutschland auszutauschen. Heute bietet das Berghaus Platz für eine Ausstellung über die nach dem Attentat auf Adolf Hitler vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilten und hingerichteten Mitglieder des Kreisauer Kreises und ihre Ziele. Im Schloss informiert eine Dauerausstellung über den Kreisauer Kreis und ausgewählte Menschen und Gruppen der mittel- und osteuropäischen Dissidenten- und Bürgerbewegung. Weitere Gebäude tragen in Erinnerung an ihre einstigen Funktionen die Namen „Pferdestall“ und „Kuhstall“, auch wenn der gute Duft von einst der ungetrübten Wald- und Landluft gewichen ist. Jährlich treffen sich in Kreisau bis zu zehntausend Menschen aus ganz Europa: alte und junge, berühmte und unbekannte. Sie lernen sich kennen, diskutieren, streiten. Ganz im Sinne der im Alter von 98 Jahren verstorbenen Freya von Moltke: „Wenn nicht jeder vom Anderen zu lernen bereit ist, dann bleiben wir, wo wir waren. Wir müssen gemeinsam lernen!“