Wien

Walzer im Zeichen der Weltmission

Der Wiener Traditionsball Rudolfina-Redoute gehört zu den Fixsternen österreichischer Ballkultur und gilt als Treffpunkt der katholischen Szene Mitteleuropas.

Rudolfina
Bis Mitternacht verhüllt die Ballbesucherin ihr Gesicht hinter einer Maske. Es herrscht Damenwahl. Foto: Matthias Rüby

Alles Walzer“ – kaum eine Phrase steht so exemplarisch für die Wiener Ballsaison wie diese zwei Worte. Mit ihr wird die Tanzfläche für die Allgemeinheit freigegeben, nachdem die festlichen Reden verklungen sind und das Jungdamen- und Jungherrenkomittee die Eröffnung des Balles vollführt hat. „Alles Walzer“ erklang auch am Faschingsmontag in der Hofburg – doch es war kein Ball wie jeder andere. Es war die Rudolfina-Redoute, die zu Recht in den Wiener Ballkalendern einen ganz besonderen Platz einnimmt.

Die katholische Studentenverbindung Rudolfina entstand im Jahr 1898 anlässlich des 50-jährigen Thronjubiläums von Kaiser Franz Joseph. Sie gab sich die Farben Gold-Weiß-Rot, eine Verschmelzung des österreichischen Rot-Weiß-Rot mit der Fahne des Heiligen Stuhls, Gold-Weiß. Rudolfinas Gründung war damit auch ein Zeichen eines neuen Geistes in der Wiener Studentenschaft, weg vom nationalen Denken der vormals dominanten Burschenschaften hin zu einem katholischen Ethos.

Hofburg restlos ausverkauft

Wenig später veranstaltete Rudolfina ihre erste Tanzveranstaltung, ein „Kränzchen“, aus dem die Rudolfina-Redoute wurde. Heute ist sie der größte Ball der katholischen Szene Österreichs. Stolz konnte Cheforganisator Oliver Hödl in diesem Jahr eine restlos ausverkaufte Hofburg vermelden. Neben ihm auf der Ehrentribüne fand dies auch Anerkennung von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka und des österreichischen Bundeskanzlers, Sebastian Kurz, der in Anklang an das diesjährige Motto „Unser Herz schlägt für Europa“ auch an die historischen Verdienste von ÖCVern wie Alois Mock erinnerte, der Österreichs Weg in die Europäische Union federführend gestaltet hatte. „Die Rudolfina-Redoute ist als einzigartiger couleurstudentischer Ball mit langer Tradition ein fixer Bestandteil des Wiener Ballkalenders“, betonte der Bundeskanzler in seiner Ansprache.

Besonderer Ehrengast: Pater Karl Wallner

Das Motto „Unser Herz schlägt für Europa“ hatte Ballchef Oliver Hödl anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von Österreichs EU-Beitritt gewählt. Musikalisch fand es seinen Niederschlag bereits beim Einzug zum „Eurovisions-Marsch“ von Ernst Müller und Marc-Antoine Charpentier, gefolgt von der „Europäischen Quadrille“ von Carl Michael Ziehrer. Der Chor der katholischen Sängerschaft Waltharia gab die Europahymne zum Besten – mit einem Text, den der Rudolfine Peter Diem verfasst hatte. Darauf folgte die Hymne des Österreichischen Cartellverbands „Auf des Glaubens Felsengrunde“.

„Die Rudolfina-Redoute ist als einzigartiger couleurstudentischer Ball mit langer Tradition ein fixer Bestandteil des Wiener Ballkalenders.“
Sebastian Kurz

Viel Anklang fand die Rede eines besonderen Ehrengastes. Der Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, Pater Karl Wallner, lüftete dabei ein gutgehütetes Geheimnis: Als Damenspende händigte Rudolfina eine Metallbüchse aus, die in Familienwerkstätten in Indien liebevoll händisch gefertigt worden war. „Die Handwerkerfamilien in Indien sind größtenteils Kleinstunternehmer, Personen mit geringer Schulbildung und marginalisierte Angehörige von Minderheiten. Sie haben sich über den Auftrag unglaublich gefreut: Er sichert ihre Existenz für einige Monate. Auch wir bei Missio Österreich freuen uns sehr, dass die Rudolfina-Redoute durch die diesjährige Damenspende ein Zeichen für eine bessere, gerechtere Welt setzt“, erläuterte Wallner.

Mit der "Damenspende" Gutes tun

Ballchef Hödl war die Freude über die gelungene Überraschung anzusehen. „Wir wollten als katholischer Verbindungsball mit der Damenspende bewusst etwas Gutes tun und haben bei Missio und Pater Karl angefragt, der sofort begeistert war. Gerade Massenware, was die Damenspende angesichts der hohen Stückzahl ist, wird meistens billig in Fernost produziert. Dem wollten wir gemeinsam mit Missio bewusst entgegenwirken und das ist uns damit gelungen.“ Für die Besucher des Balles wurde auch der weitere Verlauf der Eröffnung noch zu einer farbenfrohen Überraschung: Während der Polonaise zückte das Komitee die Flaggen aller europäischer Staaten, darunter auch die der Schweiz, Liechtensteins, des Vatikan und – ein besonderes Zeichen in dieser Zeit – die des Vereinigten Königreichs. Als dann die berühmten Worte „Alles Walzer“ ertönten, eilten sofort Paare aus dem Publikum auf die Tanzfläche.

Bei der Redoute herrscht bis Mitternacht Damenwahl

Gerade für die Damen begann damit ein Abschnitt der Ballsaison, der einzigartig ist. Charakteristisch für die Rudolfina-Redoute ist nämlich ihr Dasein als Maskenball. Bis Mitternacht verhüllt die Ballbesucherin ihr Gesicht hinter einer Maske. Solange die Dame die Maske trägt, ist sie den Herren noch mehr überlegen als sonst: Es herrscht nämlich Damenwahl. Für die maskierten Damen bedeutet das, dass der von ihr zum Tanz aufgeforderte Herr diesen nicht verweigern darf. Diese Besonderheit trägt viel zum Charme dieses Balls bei, und sehr viele Damen nutzten dieses Sonderrecht aus. Nach der sogenannten Demaskierungsquadrille um Mitternacht herrscht zusätzlich auch Herrenwahl. Diese Regel lässt die Redoute auch zwischenmenschlich zu einem außerordentlichen Ereignis werden.

Beeindruckend ist für Besucher des Balles immer wieder, wie sehr sich klassische Eleganz mit Freude und ausgelassenem Feiern kombinieren lassen. Angesichts der Prominenz und des Auftritts der Herren in Frack, Uniform oder Smoking könnte man möglicherweise eine steife Atmosphäre vermuten – aber weit gefehlt. Die über 4 000 Gäste genossen ein abwechslungsreiches Programm vieler Bands und Orchester.

Welchen Platz die Rudolfina-Redoute über all die Jahre im gesellschaftlichen Leben Wiens eingenommen hat, lässt sich durchaus auch an der politischen Prominenz ablesen. So haben auch Abgeordnete wie Carmen Jeitler-Cincelli, Gudrun Kugler, Lukas Mandl und Andreas Minnich begeistert mitgetanzt. Auch Gemeindebund-Präsident Alfred Riedl, Ex-Minister Werner Fasslabend, Industriellenvereinigungs-Generalsekretär Christoph Neumayer und Bezirksvorsteher Markus Figl haben ihren Weg in die Hofburg gefunden. Die beiden Rudolfinen Dompropst Ernst Pucher (Stephansdom Wien) und Prälat Petrus Stockinger (Propst des Stifts Herzogenburg) zählten zu den zahlreichen kirchlichen Würdenträgern, die die Hofburg besuchten.

Krönender Abschluss des Wiener Faschings

Der Ruf des Balles als Treffpunkt der katholischen Szene reicht über die Grenzen Österreichs längst hinaus. So reisten etwa die bekannten Buchautorinnen Eva Demmerle und Birgit Kelle sowie Paneuropa Franken-Sprecher Jens Reinhardt aus Deutschland an, auch Vertreter der römischen Studentenverbindung Capitolina, der elsässischen Verbindung Robert Schuman Argentorata Straßburg und des Katholischen Hochschulstudentenverbands Flandern waren ebenso zu Gast wie katholische Studenten aus Polen, Ungarn, der Schweiz oder der Ukraine. „Von Genf bis Tallinn, von Hamburg bis Rom sind Besucher angereist, um mit uns zu feiern und den Ball mit jungem, internationalem Flair zu bereichern“, ist sich Oliver Hödl des großen Rufs „seines“ Balles bewusst.

Traditionell am Faschingsmontag ist die Rudolfina-Redoute als krönender Abschluss des Wiener Faschings hoch etabliert – und nach über 120 Jahren ist dafür auch kein Ende abzusehen. Und warum auch: Wer einmal die Redoute besuchte, wird das immer wieder tun. Auch deshalb, weil die Verbindung Rudolfina mit einem über das gesamte davorliegende Wochenende reichenden Rahmenprogramm dafür sorgt, dass die Wien-Reise für Ballbesucher von überallher garantiert ein schönes Erlebnis wird. Das klassische „Alles Walzer“ leitet also mehr als nur den allgemeinen Tanz ein: Es ist das sicht- und hörbare Zeichen, dass die berühmte Wiener Ballsaison ihren Höhepunkt gefunden hat.

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