Novi Sad/Serbien

Verführerische Vielfalt

Mittelalterliche Klöster, bunte Kulturen, unberührte Natur: Serbien ist längst mehr als ein Geheimtipp für Reiselustige.

Kirche von Saint Sava, Belgrad, Serbien
In Belgrads Stadtteil Vracar steht der Dom des Heiligen Sava, die größte orthodoxe Kirche auf dem Balkan. Äußerlich erinnert sie an ihr Vorbild, die Hagia Sophia in Istanbul. Foto: fotolia.de

Serbien, das größte Land des ehemaligen Jugoslawiens, liegt ganz im Zentrum der Balkaninsel – und im touristischen Schatten der Küstenstaaten Kroatien und Montenegro. Verstecken muss es sich wegen fehlender Strände nicht mehr: Die Times titelte bereits „Is Belgrade the next Berlin?“ (Ist Belgrad das neue Berlin). Novi Sad, die zweitgrößte Stadt Serbiens, ist dieses Jahr europäische Jugendhauptstadt und wird 2021 auch gleich noch zur Kulturhauptstadt Europas. Klöster und UNESCO Weltkulturerbestätte, Schluchten und Berge und nicht zuletzt Küche und Wein sorgen für abwechslungsreiche Erlebnisse im Land zwischen Orient und Okzident. Ganz klar, Serbien betört.

Der Dom des Heiligen Sava erinnert an die Hagia Sophia

Zum Beispiel Belgrads größte Kirche: Im Stadtteil Vracar steht der Dom des Heiligen Sava, die größte orthodoxe Kirche auf dem Balkan. Ihre Kuppel ist weithin sichtbar und erinnert mit einem inneren Durchmesser von gut 30 Metern an ihr direktes bauliches Vorbild, die Hagia Sophia in Istanbul. 1595 soll hier der Osmane Sinan-Pasha die Relikte des Heiligen Sava, Gründer der Serbisch-Orthodoxen Kirche, verbrannt haben. Der neobyzantinische Baustil der Kirche prägt die Kulisse Belgrads ebenso wie die baulichen Überreste des osmanischen Reiches, neoklassizistischer Bauten und Jugendstilvillen. Durch die wiederholten Zerstörungen der Stadt entstand der Häusermix, der gegensätzlicher nicht sein könnte.

Ebenfalls schon von Weitem ist die Festung Kalemegdan zu erkennen, historischer Kern der Hauptstadt. Der Blick schweift auf die andere Seite der Save, die hier in die Donau fließt, über die künstliche Halbinsel Ada Cigganlija und weiter nach Neu-Belgrad.

Eine gute Stunde von Belgrad entfernt befindet sich Fruška Gora, die Kornkammer des nördlichen Serbiens. Übersetzt heißt dies „Berg der Franken“, wird aber auch der heilige Berg der Serben genannt – „wegen der zahlreichen mittelalterlichen Klöster“, wie die Reiseleiterin Ruzisca Ristic erklärt. Es sei einer der drei heiligen Berge der christlich-orthodoxen Welt, neben dem Berg Athos mit dem Kloster Hilandar und dem Berg Sinai mit dem Katharinenkloster. Die bekanntesten Klöster sind Krušedol und Hopovo. Interesse wecken sie aufgrund ihrer Architektur, einer Mischung aus barocken und byzantinischen Elementen, und wegen ihrer Fresken und Bibliotheken, die zu den bekanntesten in Europa zählen.

„Unsere Weine gehen vor allem an serbische Restaurants und inzwischen auch nach Schweden und Dänemark.“

Mit dem Bus geht es weiter stetig aufwärt: Durch grüne Lindenwälder, kleine Ortschaften und vorbei an endlos erscheinenden Reihen von Weinreben. „Die Region zeichnet die lange Tradition des Weinanbaus aus“, so die Reiseführerin. Während der Jahrhunderte andauernden Herrschaft der Türken trieben nur noch die Mönche der Klöster den Weinbau voran. Erst unter der Habsburger Monarchie blühten die Weinstöcke wieder so richtig auf.

 

Vinarija Imperator vermarktet den ersten Wein mit europäischen Bio-Siegel. „Unsere Weine gehen vor allem an serbische Restaurants und inzwischen auch nach Schweden und Dänemark“, erklärt Vanja Tazlic, der den Bio-Wein mit Geschichte verkauft. Ganz anders schmeckt der Bermet, ein süßer Wein aus dem Keller vom Weingut Bajilo, im nahe gelegenen Barockstädtchen Sremski Karlovci. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die dortigen Weine bis nach Kanada und in die USA exportiert. Knapp 100 Kilometer von der Hauptstadt entfernt zeigt Novi Sad, Kulturhauptstadt von 2021, seinen neuen Glanz auf alten Mauern. Von Lonely Planet, dem Verlag unabhängiger Reise- und Sprachführer, wurde die Stadt an der Donau auf Platz drei der sehenswertesten Städte der Welt eingestuft.

Im „shabby chic“ präsentiert sich das Chinesische Viertel

Da es in Strömen regnet, verschwindet heute die riesige Festung Petrovaradin am gegenüberliegenden Flussufer fast im Nebel. Ruzisca Ristic beteuert dennoch: „Von hier hat man den besten Ausblick auf die Burg.“ Die mächtige Befestigung, deren Geschichte bis zur Steinzeit zurückreicht, wird auch als „Gibraltar der Donau“ bezeichnet. Die neugotische Kirche Maria Namen und das Rathaus, beide im Neorenaissancestil gehalten, spiegeln sich in den Pfützen auf dem Freiheitsplatz in der Altstadt Stari Grad.

Der Hauptaltar der römisch-katholischen Kirche ist der Gottesmutter geweiht. 1904 wurde die Kirche durch einen Brand schwer beschädigt und anschließend wieder renoviert. Im Zentrum reihen sich Popcornbuden und bunte Getränkestände an trendige Shops serbischer Labels wie IVKO – ein Designerladen, der alte Muster neu interpretiert. Etwas heruntergekommen, aber mit einem gewissen „shabby chic“ verbunden, präsentiert sich das Chinesische Viertel in der Nähe des Donauhafens. Es beherbergt Underground Bars, Garagenhallen, die als Konzerthallen genutzt werden und ist das neue kreative Zentrum der Universitätsstadt. Einmal im Jahr wird Novi Sad zur ganz großen Bühne, und zwar beim Exit Festival, bei dem vier Tage lang Rockmusik durch die Gassen wummert.

Elf Klöster entlang der Ovèar-Kablar-Schlucht

Weiter geht es 150 Kilometer südlich von Belgrad: Dort befindet sich die Ovèar-Kablar-Schlucht. Die Zapadna Morava trennt die Bergmassive Ovèar und Kablar. Ihr Wasser mäandert in Form von Gänsehälsen durch die „Landschaft mit außergewöhnlichem Rang“, die diesen sperrigen Titel als Auszeichnung von der Regierung verliehen bekam. Bevor es ins Boot von Ranger Milan Caprilovic geht, kann jeder kurz die eigene Schwindelfreiheit testen – und zwar auf der Hängebrücke zwischen den beiden Massiven. Der schmale, hölzerne Boden schwankt bei jedem Schritt. Durch die Löcher zwischen den Planken erkennt man die träge fließende Morava. Jeder schafft es in die Brückenmitte und zurück – mit mehr oder weniger Ausrufen des Erschreckens.

Das Boot schippert an Bootshäusern, einem einsamen Angler und dem ältesten Kloster Sankt Nikolaus vorbei. Die kleine Steinkirche in der Anlage stammt noch aus dem Mittelalter und überrascht mit einzigartigen Fresken. Eine winzige Tür führt ins Innere. Im Hauptraum ist auch Konstantin der Große mit seiner Mutter Helena dargestellt, der wie zahlreiche weitere Eroberer auf serbischem Gebiet geboren wurde. Mit ihm begann der Aufstieg des Christentums als wichtigste Religion im römischen Reich, garantiert durch die Mailänder Vereinbarung von 313. Insgesamt gibt es elf Klöster, die an den bewaldeten Hängen links und rechts der knapp 16 Kilometer langen Schlucht liegen und über Wanderwege erreichbar sind. Seit kurzem kann man das Tal auch mit geliehenen Fahrrädern der Tourismus-Organisation im Kurort Ovèar Banja durchfahren.

Belgrad lädt zum Wiederkommen ein

Zurück in Belgrad steigt einem der für deutsche Besucher oft ungewöhnliche Geruch der Kneipen und Restaurants in die Nase. In der Hauptstadt mit ihren rund 1,5 Millionen Einwohnern riecht es oft stickig – und nach Zigarettenqualm. Im Restaurant Iva von Vanja Puškar, der CEO der Organisation „New Balkan Cuisine“ ist, gehen die Gäste allerdings zum Rauchen vor die Tür. Der 33-Jährige ist überzeugt: „Die lokalen Zutaten, kombiniert mit modernen, kulinarischen Techniken, sind die Zukunft unseres Landes.“ Seine Zutaten bezieht er von kleinen Produzenten, die seine Vision teilen: „Wenn man die Erzeuger kennt, kann man ihre Energie und Liebe für ihre Produkte auf die Teller der Gäste zaubern.“ Die Kajmak, aus geronnener und gesalzener Sahne, schmeckt cremig und passt perfekt zum Bermuz, dem typischen Maisbrot.

Ähnlich ambitioniert, Serbien kulinarisch voranzubringen, ist der Sommelier Vuk Vuletic, der den Titel „The Best Sommelier Of The Balkans 2018“ führt. Der Weinkenner ist unter anderem für das Restaurant Podrum Novi in Neu-Belgrad zuständig. „Meine Gäste bekommen bei mir Wein, den sie vorher noch nicht getrunken haben“, sagt er nicht ohne Stolz. „Vor fünf Jahren tranken die Serben durchschnittlich rund drei Liter Wein pro Kopf und Jahr.“ Heute seien es bereits über acht Liter.

Nicht weit von der Weinbar entfernt liegt mitten im Studentenviertel die Bauernschänke Tošin Bunar. Von draußen hört man die schnellen Klänge von Bass und Gitarren. Beim Eintreten in das Lokal stockt einem kurz der Atem. Angesichts der Stimmung, die die vier Musiker verbreiten, gerät die rauchgeschwängerte Luft schnell in den Hintergrund. Die ciganski (Zigeuner) – Menschen dieser ethnischen Gruppen heißen hier einfach so – unterhalten Jung und Alt und zwar ohne Pause. Bei Æevapèici (Hackfleisch), Karadordeva šnicla (gerollte, mit Käse gefüllte und frittierte Schnitzel) und gemischter Grillplatte mit Pommes amüsieren sich die Serben bis in die frühen Morgenstunden. Bei einem Glas Rakija, dem klaren Obstbrand, kommt man mit den gastfreundlichen Tischnachbarn ins Gespräch – es stört kaum, dass nicht alle die gleiche Sprache sprechen. Das Fazit: Belgrad lädt zum Wiederkommen ein.

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