UNESCO honoriert Kunst und Kultur in Luxemburg

Betonklötze und moderne Glaspaläste als Kontrast: Luxemburg hat eine über 1 000jährige Geschichte am Schnittpunkt der germanischen und romanischencWelt. Von Wolfgang O. Hugo

Am Pfingstdienstag nehmen jedes Jahr viele Gläubige an der Springprozession teil. Foto: Hugo
Am Pfingstdienstag nehmen jedes Jahr viele Gläubige an der Springprozession teil. Foto: Hugo

Erst gegen fünf Uhr nachmittags ist Cathy soweit, ihre Touristen in die Kasematten einsteigen zu lassen. Großherzogliches Schloss und Kathedrale Nôtre-Dame, Plätze und Paläste der Altstadt liegen hinter ihnen. Der Gang durch Luxemburgs Geschichte bietet aber noch einen Höhepunkt: 26 Kilometer lang sind die unterirdischen Gänge oberhalb der Flüsse Alzette und Pétrusse. Dabei wird deutlich: Luxemburg, dessen Geschichte als Lützelburg im Jahre 963 begann, als Graf Siegfried diesen Felsen von der Trierer Abtei St. Maximin erwarb, immer Festung war, zuletzt bis 1867 als Bundesfestung. Aber aus dem einstigen „Gibraltar des Nordens“ ist eine Kulturmetropole geworden.

Zweimal „Kulturhauptstadt Europas“

Das Großherzogtum Luxemburg – übrigens das einzige der Welt – hat bereits zweimal den prestigeträchtigen Titel „Kulturhauptstadt Europas“ getragen: 1995 und noch einmal 2007 als Großregion mit den benachbarten Regionen Belgiens, Frankreichs und Deutschlands. Bereits beim ersten Mal hatte man über die Grenzen hinausgeblickt, beim zweiten Mal ganz bewusst: Das 224-Seiten dicke Programm 2007 enthielt nicht nur rund 450 „große“ Ereignisse in Luxemburg, sondern auch 130 projets transfrontaliers, grenzüberschreitende Projekte mit den Nachbarregionen Rheinland-Pfalz und Saarland, Lorraine (Lothringen), mit den belgischen Regionen Wallonie und der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Der Kulturhauptstadt-Titel bewirkte, dass in dem Drei-Länder-Eck Leute miteinander sprachen, die zwar ähnliche Aufgaben haben, aber (noch) nicht gewohnt waren, gemeinsam Projekte zu schmieden.

Der Bockfelsen mit den Kasematten, einen Steinwurf von der dreitürmigen Kathedrale entfernt, ist Startpunkt für den historischen Rundweg am Rande der überschaubaren Altstadt von Luxemburg, wo Großherzogliches Schloss, Parlament, Sitz des Premierministers und Marktplatz fast nebeneinander liegen. Faszinierend ist der Blick vom Corniche-Wall über das Alzette-Tal. Eine Bronzetafel erinnert daran, dass die historische Altstadt und die Festungsbauten bereits 1994 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes stehen.

Für 200 Millionen Euro Kultur auf dem Kirchberg

Luxemburg will schon seit einigen Jahren weg vom Image des Bankplatzes. Fallen die Banken im Stadtzentrum nicht besonders auf, so wird es beim Plateau Kirchberg schwierig. Denn jenes Berg-Viertel jenseits der Altstadt ist Hort der Banken und Eurokraten. Rund 20 000 Menschen arbeiten hier, davon 8 000 in europäischen Behörden. Doch mit Philharmonie und MUDAM ist Kultur auf dem Plateau gleich zweifach konkret geworden. Rund 200 Millionen Euro wurden investiert, zwei Stararchitekten leisteten gute Arbeit: Christian de Portzamparc und Ioeh Ming Pei. Mit einer weißen Säulenfassade ist das am 26. Juni 2005 eröffnete Konzerthaus weithin sichtbar und hat eine hervorragende Akustik. Auf der alten Befestigungsanlage von Fort Thüngen entstand das Mudam – erstes Museum für zeitgenössische Kunst in Luxemburg. Da der vollständige Name Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean zu lang ist, entschied man sich für MUDAM. Ioeh Ming Pei, der sino-amerikanische Architekt und Schöpfer der Pyramide im Pariser Louvre, schuf im Mudam 6 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in Form einer Pfeilspitze – einschließlich Blick auf die Türme der Kathedrale in der Altstadt. Seit der Eröffnung am 2. Juli 2006 haben die Besucherzahlen alle Erwartungen übertroffen.

Auch im „Grund“ genannten Tal der Alzette ist Kultur eingezogen. Claude Frisoni, nimmermüder „Kulturpapst“ des Großherzogtums, träumte lange von Platz für Begegnungen und Diskussionsrunden, Seminare und Empfänge, Ausstellungen, Theater und Konzerte. Vor einem Jahrzehnt, am 28. Mai 2004 wurde sein Traum Wirklichkeit, das Kulturzentrum Abtei Neumünster eröffnet. Alte Gebäude, einst Gefängnis, bekamen eine neue Funktion und das Großherzogtum Luxemburg, an der Schnittstelle der romanischen und germanischen Welt gelegen, eine neue Begegnungsstätte. Das „Centre Culturel de Rencontre Abbaye de Neumünster“ (CCRN) liegt mit seinen 12 000 Quadratmetern im Zentrum der Stadt und des Landes, seit Jahrhunderten von Auseinandersetzungen, Kriegen und Abkommen gezeichnet. Besonders wichtig: Der Römische Vertrag von 1957, mit dem das Land Luxemburg einer der Gründerstaaten der EWG ist, Vorläufer der heutigen Europäischen Union (EU). Das Kulturzentrum ist sich dieses historischen Erbes bewusst und hat das entsprechende Leitmotiv: Dialog der Kulturen und Kultur des Dialogs. Claude Frisoni ist inzwischen im (Un)Ruhestand, seine Nachfolgerin Ainhoa Achutegui sorgt für das Leben in der alten Benediktinerabtei.

Auch Kulturgut: Echternacher Springprozession

Auch außerhalb der Hauptstadt Luxemburg-Ville gibt es Kulturgüter. 35 Kilometer sind es nach Echternach, den Wallfahrtsort an dem Grenzfluss Sauer, wo die Basilika des Hl. Willibrord steht. Jedes Jahr am Pfingstdienstag ist sie und das Grab des Heiligen das Ziel von Pilgern und Gläubigen, die an dem einzigartigen Kulturphänomen teilnehmen: Die rund 8 000 Springer beziehen ihren Körper zu den Klängen einer unaufhörlich wiederholten Polka-Melodie mit in das Gebet ein. Den Prozessionsweg säumen Menschen, die nicht springen, aber staunen, beten und mitsingen. Am 16. November 2010 wurde die Echternacher Springprozession in die Liste der immateriellen Kulturgüter der Menschheit aufgenommen.

62 Kilometer nördlich von Luxemburg-Ville liegt in den Ardennen die Kleinstadt Clervaux. Mit der Ausstellung „Family of Men“ in der Burg von Clervaux ehrt das Großherzogtum mit Edward Steichen einen Landsmann, der als Fotograf und Kurator die größte Fotoausstellung der Welt geschaffen hat. Unter vier Millionen Aussendungen wählte er 1955 für die Ausstellung in der Moma New York (Museum of Modern Art) 503 Fotografien von 273 Künstlern aus 68 Ländern. 37 Motive, wie Liebe, Glauben an die Menschheit, Geburt, Arbeit, Familie, Krieg und Frieden haben in der alten Burg ihren endgültigen Platz gefunden, 2003 wurde die Ausstellung in die Liste des UNESCO-Weltdokumentenerbes aufgenommen.