„Tiere sind für Kinder das Größte“

Zertifizierte Erlebnisbauern empfangen Schulklassen, Kindergarten-Kinder und bieten Urlaub Von Claudia-Marie Dambacher

Dass manche Stadtkinder glauben, Kühe seien lila, ist ein Gerücht, das sich hartnäckig hält. Sogar Soziologen haben sich schon mit dem Thema befasst. In ihren Studien stellte sich dann zwar heraus, dass Kinder in der Regel durchaus zwischen Werbewelt und Realität unterscheiden können. Und dennoch: Wenn es darum geht, aus welchen natürlichen Rohstoffen alltägliche Speisen und Getränke bestehen – etwa woher Rosinen kommen oder woraus Pommfrites gemacht werden – herrscht bisweilen große Ahnungslosigkeit.

Und das längst nicht nur bei Kindern aus grauen Großstadt-Wohnblöcken. Siglinde Sedlmair, Bäuerin aus Schmiechen bei Augsburg, hat die Erfahrung gemacht, dass es auf dem Land nicht viel besser aussieht: „Auch wer auf einem Dorf aufwächst“, sagt sie, „hat heute nicht mehr automatisch einen Zugang zur Landwirtschaft.“ Die Landwirtin bemüht sich, diesem Umstand Abhilfe zu schaffen. Als eine von 33 frisch zertifizierten „Erlebnis-Bäuerinnen und –Bauern“ empfängt sie seit einiger Zeit Schulklassen, Kindergarten-Kinder und Gruppen diverser Ferienprogramme auf ihrem 500 Jahre alten Hof.

Schon bevor sie im vergangenen Jahr die Qualifizierungsreihe „Lernort Bauernhof“ des bayerischen Landwirtschaftsministeriums absolviert hat, war Siglinde Sedlmair immer wieder Gastgeberin. Seit zwölf Jahren veranstaltet sie auf ihrem Bauernhof Kindergeburtstagspartys mit Traktor-Fahrten, Reiten und Stroh-Hüpfen. Die Idee dafür wurde aus der Not heraus geboren, denn die Sedlmairs hatten eine Bullenmast, die durch die Rinderseuche BSE über Nacht ihren Wert verloren hatte. Ein zweites finanzielles Standbein musste also her. „Mir ist damals aufgefallen“, erzählt Siglinde Sedlmair, „dass die Freunde meiner vier Kinder unheimlich gern bei uns auf dem Hof spielten“, erzählt sie. „Bauernhof-Partys“ mit Spaß-, aber auch mit Lernelementen boten sich also an.

Nicht nur die Veranstaltungen wurden mit den Jahren immer mehr, sondern auch die sogenannten „Lernmodule“, das heißt die thematischen Stationen, bei denen es etwas zu sehen, fühlen und ausprobieren gibt: Beim Thema Getreide zum Beispiel dürfen die Kinder selbst Brot backen. Wo es um Eier geht, können sie Hühner- , Enten- und Straußeneier begutachten. Beim Lernmodul „Wolle“ dürfen sie an sämtlichen Arbeitsschritten teilhaben – vom Wollespinnen bis zur fertigen Strickjacke. Insgesamt dauert eine Erlebnis-Führung über den Sedlmair-Hof drei bis vier Stunden und kostet je nach Gruppengröße pro Person zwischen fünf und zehn Euro.

Die Möglichkeit eines solchen Zusatzeinkommens nutzen immer mehr Betriebe: Seit 2004 haben bereits 150 Bäuerinnen und Bauern in Bayern die Fortbildung absolviert und ihren Hof zu einem „Erlebnisbauernhof“ gemacht. Die Palette der Angebote reicht von einzelnen Projekttagen bis hin zu ganzen Erlebniswochen. Landwirtschaftsminister Brunner, der den neuen Erlebnisbäuerinnen und –bauern im November ihre Urkunden verliehen hat, sieht in dem Angebot eine große Chance: „Der Bauernhof“, sagt er, „ist ein idealer Ort zum Entdecken und Lernen.“ Nirgends könne man besser vermitteln, wie Lebensmittel hergestellt werden und Naturkreisläufe funktionieren.

Auch der Hof der Familie Meßmang aus Niedersonthofen im Allgäu hat eine Menge an Entdeckungs- und Erlebnispotential. Allerdings bleiben die Gäste dort länger, denn seit rund 40 Jahren machen Familien dort „Urlaub auf dem Bauernhof“. Angela Meßmang hat diese Art des Zusatzverdiensts von ihrer Schwiegermutter übernommen. „Anfangs haben wir nur Zimmer vermietet“, erzählt die Bäuerin, „und manchmal wurde für die Urlauber sogar das eigene Schlafzimmer geräumt!“ Das besondere Angebot kam vor allem bei den Kindern an – und wurde immer weiter ausgebaut. Mittlerweile haben die Meßmangs zwei Ferienwohnungen mit drei und vier Sternen.

Für die Bergbauern-Familie ist das anfängliche Zubrot zur Notwendigkeit geworden. „Beim aktuellen Milchpreis braucht jeder noch ein zweites Standbein“, sagt Angela Meßmang. „Von der Landwirtschaft allein könnten wir nur sehr schlecht leben.“ Mit den Feriengästen funktioniert es ganz gut, denn der Meßmang-Hof ist in der Hauptsaison restlos ausgebucht.

Etwa 600 Übernachtungen hatten sie im vergangenen Jahr. Rund 11,7 Millionen wurden auf allen 7 000 bayerischen Urlaubshöfen gezählt. Damit übernachtet in Bayern inzwischen jeder siebte Feriengast auf einem Bauernhof oder bei einem Winzer. Ganz im Gegensatz zur übrigen Tourismusbranche profitierten die Höfe sogar von der Finanzkrise, weil aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit viele Gäste im vergangenen Jahr auf Flug- und Fernreisen verzichteten.

Auch der Trend zum „Ökotourismus“, bei dem es um eine umwelt- und sozialverträgliche Art des Reisens geht, mag dabei eine Rolle spielen. Nach Angela Meßmangs Erfahrung fällt der allerdings weniger ins Gewicht als ein anderer Faktor: Es sind die jüngsten Familienmitglieder, die in Sachen Urlaubsplanung das letzte Wort haben. „Oft sagen uns Eltern: Die Kinder wollten wieder hierher, also sind wir da“, erzählt die Bäuerin. „Bei uns haben sie den ganzen Tag Tiere um sich, dürfen helfen, die Kühe auf die Weide zu treiben oder die Kälbchen zu füttern. Das ist für Kinder einfach das Höchste!“