Rom

Santa Maria dell Anima: Leuchtturm des Glaubens

Santa Maria dell Anima ist die Kirche der deutschsprachigen Katholiken in Rom. Wer sie besucht, taucht ein in eine Welt, in der die geistlichen Sinne auf vielfältige Weise angesprochen werden.

Santa Maria dell Anima
Wer sich in Santa Maria dell Anima auf einen Rundgang begibt, findet in jeder der zahlreichen Seitenkapellen einprägsame bildliche Zeugnisse christlichen Lebens. Im Laufe des Kirchenjahres werden einzelne von ihnen darüber hinaus besonders gestaltet. Foto: Stühlmeyer

Wer im Gewirr der Straßen und Gassen rund um die Piazza Navona unterwegs ist, braucht sich vor einem Mangel an Ablenkung nicht zu fürchten. An jeder Ecke locken leuchtende Farben, verführerische Gerüche und die fröhlichen Klänge der auf der Piazza rund um den Neptunbrunnen spielenden Straßenmusiker wehen dem schlendernden Touristen nach. Santa Maria dell Anima findet manch einer per Zufall. Denn von außen wirkt die Kirche der deutschsprachigen Katholiken in Rom eher unscheinbar.

Nicht nur von außen, wird manch einer nun sagen, der den einst düster wirkenden Raum aus früheren Jahren kennt. Wer die Kirche jedoch heute betritt, taucht buchstäblich in eine andere Welt ein. Eine, in der die geistlichen Sinne auf vielfältige Weise angesprochen werden.

Santa Maria dell Anima als Kirche der Deutschen

Zunächst wird der Blick des Besuchers vom goldleuchtenden Altarraum angezogen, der nach der so gelungenen Restaurierung durch das klug installierte Beleuchtungssystem fokussiert wird. In warmen Farben sanft aufstrahlend zeigt das Hauptaltarbild – in den Jahren 1521 und 1522 von Giulio Romano, einem Mitarbeiter Raphaels, gefertigt – die thronende Muttergottes mit dem Jesuskind, dem ebenfalls kindlichen Johannes dem Täufer, der auf Jesus verweist, sowie die Heiligen Josef, Jakobus und Markus. Dass dieses Bild heute dunkler ist als zu seiner Entstehungszeit, ist ein Schicksal, das viele Bilder aus der Werkstatt Raphaels teilen. Grund für die Veränderung der Farben ist der Firnis, der die Nachdunklung auslöste.

Santa Maria dell Anima wird auch deshalb so dezidiert als Kirche der Deutschen in Rom wahrgenommen, weil dort Papst Hadrian VI. bestattet worden ist. 1533, zehn Jahre nach seinem Tod, wurde er aus St. Peter in den Chorraum überführt, wo inzwischen das von Baldassare Peruzzi entworfene und von Michelangelo da Siena ausgeführte Marmorne Grabmal fertiggestellt worden war. Es zeigt den dort ruhenden Papst umgeben von den vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Klugheit, Selbstbeherrschung und Tapferkeit.

Interessant für den Besucher zu wissen ist, dass ursprünglich auch die drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe die marmorne Grablege zierten. Dass von ihnen heute nur noch der Glaube übrig ist, mag dem Betrachter als sinnbildlich und zugleich als Mahnung erscheinen. Die Hoffnung befindet sich auf dem Grabmal Karl Friedrichs von Jülich und Kleve Berg. Die Liebe jedoch ist spurlos verschwunden, was vielleicht als Hinweis dafür gelten kann, dass jeder Besucher persönlich gerufen ist, sie zu suchen.

Darstellung des emeritierten Papstes ruhend als in Gott

Wer sich in Santa Maria dell Anima auf einen Rundgang begibt, findet in jeder der zahlreichen Seitenkapellen einprägsame bildliche Zeugnisse christlichen Lebens. Im Laufe des Kirchenjahres werden einzelne von ihnen darüber hinaus besonders gestaltet. So werden in der Barbara Kapelle nicht nur am 4. Oktober die Reliquien der Heiligen ausgestellt, sie birgt an Weihnachten jeweils die 1929 im Auftrag von Kardinal Faulhaber geschnitzte großfigurige Weihnachtskrippe aus Lindenholz, deren gotische Stilelemente architektonische Details des Kirchenraums aufgreifen.

Zu den klingenden Schätzen des Kirchenraumes zählt die Orgel von Santa Maria dell Anima, die bei den zahlreichen Konzerten ebenso zum Einsatz kommt wie die kleine Chororgel, die den Scholagesang begleitet. Wer den Blick zur Orgel erhebt, findet rechts von ihr eines der vielen bemerkenswerten Details, die diesen Raum so anziehend machen. Denn dort ist im Abschluss des Gewölbebogens eine Darstellung des von zwei Engeln gehaltenen Schweißtuchs der Veronika zu sehen, ein Hinweis auf die in Rom lebendige Tradition der Verehrung dieser Heiligen, die von der Tradition mit jener Frau identifiziert wird, die Jesu Gewand berührte und so von ihm vom Blutfluss geheilt wurde und ihm ihrerseits ein Tuch reichte, als er den Kreuzweg ging.

Ein besonderer Lichtblick in Santa Maria dell Anima befindet sich in der Sakristei der Kirche. Es ist das von Hans Weyringer gefertigte und 2014 in die Sakristei eingebaute Fenster, das Benedikt XVI. in jenem Moment zeigt, in dem er nach seiner Wahl auf den Balkon tritt. In einer Zeichnung innerhalb des Fensters ist der emeritierte Papst als in Gott ruhend dargestellt. Das Fenster Benedikts XVI. ergänzt die Sitzstatuen der sechs bisherigen deutschen Päpste.

Facetteinreiche Geschichte der Anima

Wer die Anima besucht, kann sich in den bereitliegenden Kirchenführern auch über die facettenreiche Geschichte des Ortes informieren. Gegründet wurde er im 14. Jahrhundert als private Hospizstiftung von Johannes und Katharina Petri aus Dordrecht in den heutigen Niederlanden. Das Hospiz galt als Anlaufstelle für deutschsprachige Pilger und erhielt zwischen 1431 und 1433 eine gotische Kirche, deren Popularität sich auch in ihrer Beliebtheit als Weihe- und Begräbnisort zeigt.

Der Nachfolgebau, dessen Grundstein im Jahr 1500 gelegt wurde, zeigt in seinem Bildrepertoire die enge Verbindung zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, die von Kaiser Maximilian I. im Jahr 1518 auch dadurch bekräftigt wurde, dass er Santa Maria dell Anima unter den besonderen Schutz des Reichs stellte. 1527, drei Jahre nach der Vollendung des neuen Kirchbaus, erlitt die Anima im Zuge des Sacco di Roma durch die Landsknechte Karls V. die Plünderung und verlor fast alle liturgischen Geräte und Paramente.

Auch drei der zur Anima gehörenden Häuser gingen verloren. Den geschichtsbewussten Animalen erschien das Jahr 1798, in dem französische Truppen die Stadt Rom einnahmen, daher wie eine Wiederholung der Geschichte, denn erneut wurde alles bewegliche Gut von den Soldaten aus der Kirche entfernt und manch ein Kunstobjekt später in Paris an den Meistbietenden versteigert. Die Anima wurde als logistischer Schwerpunkt der Franzosen und als Pferdestall genutzt. Danach schien es bei der Wiedereinweihung der Kirche mit der Ostermesse im Jahr 1801 gleich in doppeltem Sinne ein Fest der Auferstehung zu sein.

Strahlkraft eines spürbar geistlichen Ortes

Heute ist die Anima nicht nur ein lichtvolles Erlebnis für jeden Rompilger, sie ist auch die Heimat derjenigen Theologen deutscher Zunge, die für kurze oder längere Zeit in Rom arbeiten. Als geistliches Zuhause gilt sie auch den Mitgliedern der Anima-Bruderschaft, die seit 1350 die Bewältigung der zahlreichen Aufgaben rund um die Kirche gewährleistet. Ihre Mitglieder – die Brüder und Schwestern, stammen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Die Liste enthält so illustre Namen wie Kaiser Sigismund, Kaiser Karl V., Pius X., Johannes Paul II., Papst em. Benedikt XVI. und Kardinal Gerhard Ludwig Müller.

Was die Kirche für Rompilger bemerkenswert macht ist, dass sie in spürbarer Weise ein geistlicher Ort ist. Das gilt nicht nur deshalb, weil hier regelmäßig Beichte gehört und Gottesdienst gefeiert wird. Anders als beispielsweise im Petersdom, wo man eine Eintrittskarte erwerben und in einer langen Touristenschlange warten muss, bis man das Gotteshaus betreten darf, ist hier jeder willkommen.

Die Raumatmosphäre teilt sich auch denen mit, die nicht dafür berühmt sind, dass sie regelmäßig Kirchenbänke abnutzen. Die Besucher bewegen sich still, achtsam und aufmerksam für die Beter, die dieser Kirche nie zu fehlen scheinen. Santa Maria dell Anima zeigt, dass durchbetete Räume eine eigene Strahlkraft entwickeln. Sie resultiert ganz gewiss nicht nur aus der ausgezeichneten Restaurierung, aber sie gibt den Mühen der Kunsthandwerker einen Glanz, der mit Pinsel und Spatel allein nicht zu erzielen ist. In dieser Kirche findet man, was an manchen Orten in der heiligen Stadt tief verschüttet scheint, mühelos wieder. Den Abglanz des Vaters, der die Seele singen lässt.

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