Romanische Kirchen im Brionnais: Zeugen der Blütezeit

Eine Rundfahrt zu den romanischen Kirchen im Brionnais, einer kleinen französischen Region im Süden Burgunds. Von Gerd Felder

Romanische Kirchen im Brionnais
Das kleine Dorf St. Julien de Jonzy wird vom quadratischen Turm seiner romanischen Kirche beherrscht. Dahinter weitet sich der Blick ins liebliche Tal. Foto: Fotos: Felder
Romanische Kirchen im Brionnais
Das kleine Dorf St. Julien de Jonzy wird vom quadratischen Turm seiner romanischen Kirche beherrscht. Dahinter weitet si... Foto: Fotos: Felder

Weit entfernt von großen Städten und abseits der Hauptverkehrsachsen gelegen, hat das Brionnais weithin seine im Laufe der Generationen angesammelten Kunstschätze bewahren können. Die kleine Region im äußersten Süden Burgunds macht nicht den Eindruck einer zurückgebliebenen, armen Provinz, sondern den eines reichen Viehzüchterlandes mit fruchtbaren Weiden zwischen Hecken und Baumgruppen in einer lieblichen, leicht hügeligen Landschaft. Rund 30 ganz oder teilweise romanische Kirchen und Kapellen zeugen noch heute von der Blütezeit romanischen Kunstschaffens im 11. und 12. Jahrhundert. Ein „circuit“ (Rundfahrt) auf den Wegen der Romanik im Brionnais ist eine Entdeckungsreise zu einem wertvollen Kulturgut, das dem Zahn der Zeit standgehalten hat.

„Beginnen Sie Ihre Rundfahrt in Semur“, hat die Wirtin Michelle Cottin vom Chambre d'hôtes (Bed and Breakfast) „Les Recollets“ in Marcigny geraten. „Das ist der ideale Startpunkt.“ Recht hat sie, denn das 600-Seelen-Dorf Semur-en-Brionnais, auf einer kleinen Anhöhe inmitten von Obstweiden und Wiesen gelegen, ist so etwas wie die „Hauptstadt“ des Brionnais. Der kleine Ort ist mit der berühmten Abtei Cluny doppelt verbunden, als Geburtsort des heiligen Hugo, des bedeutendsten Abtes von Cluny, und als Priorei des großen Schwester-Klosters.

Die Reste der Burg, in der Hugo zur Welt kam, sind noch zu besichtigen. Die Priorei ist nach den Religionskriegen durch ein sehr schönes, schlossartiges Gebäude im Stil Ludwigs XIII. ersetzt worden, das heute als Hospital dient. Dieses Hospital steht am zentralen Kirchplatz, der von höchst malerischen Wohnbauten des 15. bis 18. Jahrhunderts umgeben ist und den Rahmen für die kleine, formvollendete romanische Kirche St. Hilaire bildet, ein schönes und bekanntes Beispiel der Architektur ganz im Geiste und Stile Clunys. Besonders der achteckige Glockenturm mit seinen beiden Arkadengängen ist einer der besten seiner Art in der ganzen Region. Über den beiden Eingängen im Norden und Westen gibt es jeweils ein Tympanon. Dabei wirkt der Figuren-Schmuck des reich verzierten Westportals etwas schwerfällig. Im Scheitel des Bogenlaufs thront das Gotteslamm, auf dem Türsturz ist eine Szene aus dem Leben des heiligen Hilarius dargestellt: Als der Heilige, verbannt durch ein Bischofskonzil der häretischen Arianer, mit seinen Habseligkeiten auf der Schulter ins Exil wanderte, begegnete er einem Engel, der ihm wieder Hoffnung machte. Im dreigeschossigen Inneren der Kirche gibt es eine kleine Tribüne oder Galerie an der Westseite, die wahrscheinlich einem Original nachgebildet ist, das sich einst in einer Kapelle der Abteikirche von Cluny befand.

Wenige Kilometer von Semur entfernt, auf der Weiterfahrt durch die liebliche, hügelige Landschaft mit überall weidenden weißen Charolais-Rindern, kommt man in das kleine Dorf St. Julien de Jonzy, das vom quadratischen Turm seiner romanischen Kirche beherrscht wird. Das Tympanon und der Türsturz über dem Eingang zeigen eine wunderbare Darstellung des Abendmahls, die von einem unbekannten Meister aus einem einzigen Sandsteinblock geschnitten wurde: Die Köpfe der Figuren wurden bis auf zwei während der Französischen Revolution abgeschlagen, die Füße der Beteiligten schauen unter einem sorgfältig modellierten Tischtuch hervor. Gleich links neben dem Eingang schaut den Besucher im lichten und geräumigen Innenraum ein Rinderkopf an, der das Kapitell bildet.

Weiter geht die Rundfahrt in Richtung Norden, über die bereits erwähnte Kleinstadt Marcigny mit ihrem bekannten Wochenmarkt nach Anzy-le-Duc, dessen romanische Kirche nach Meinung vieler die schönste überhaupt im Brionnais ist – wegen der Ausgewogenheit ihrer Proportionen und vor allem wegen ihrer reichen Bauplastik. Begonnen im 11. und vollendet im 12. Jahrhundert, ist der Grundriss des Gotteshauses durch ein hohes Maß an Klarheit bestimmt. Bestimmend ist eine ältere burgundische Raumstruktur aus Jochen mit zweigeschossigem Aufbau. Der plastische Schmuck bildet ein homogenes Ensemble, das nicht nur einen ästhetischen Wert hat, sondern auch archäologisch interessant ist. Im Inneren zählt man nicht weniger als 40 Kapitelle, die zum überwiegenden Teil mit Pflanzen- oder Tiermotiven überzogen sind. Die größte Aufmerksamkeit verdienen jedoch die szenischen Kapitelle im Langhaus. An der Außenseite der ehemaligen Umfassungsmauer des Klosters von Anzy, das seit der Revolution als Bauernhof dient, befindet sich noch ein höchst merkwürdiges Portal, in dessen Tympanon die Versuchung Adams durch Eva der Anbetung der Heiligen Drei Könige entgegengesetzt wird. Auch für Anzy-le-Duc hat die Wirtin einen guten Rat mit auf den Weg gegeben: „Lassen Sie sich nicht nur von Kunst und Architektur dort verzaubern, sondern verknüpfen Sie Ihren Ausflug auch mit einer kurzen Wanderung. Von der Kirche aus gibt es mehrere Möglichkeiten für Rundwanderwege, die Burgund mit seinen saftigen Wiesen, anmutigen Hügeln und weißen Rindern so erleben lassen, wie wir alle es lieben.“ Wieder einmal liegt sie mit ihrem Tipp goldrichtig: Unser Rundwanderweg eröffnet uns Ausblicke auf die Kirche und insbesondere den Turm der romanischen Kirche, die jedem Kunstbildband zur Ehre gereichen würden.

Nach dieser Wander-Einlage erwartet uns nur ein paar Kilometer von Anzy entfernt, in Montceaux-l'-Etoile, am Portal der kleinen Pfarrkirche eine Himmelfahrt Christi, die Apostel heftig gestikulierend, Christus in der Mandorla, die von zwei Engeln getragen wird, welche scheinbar frei vor dem tiefen Reliefgrund schweben. Zwei Kapitelle krönen die Säulen des Portals mit der Darstellung des Kampfes eines Kriegers mit einem Adler und dem eines Engels, der einen Heiligen auf die über dem Portal sich ereignende Himmelfahrt verweist. Noch einige Kilometer weiter nach Westen, schon jenseits der Grenze des alten Burgund, finden sich bei dem Portal der Kirche von Neuilly-en-Donjon ähnliche Stileigentümlichkeiten wie an dem Portal mit Adam und Eva und der Anbetung der Heiligen Drei Könige in Anzy: die larvenhafte Ausbildung der Köpfe, die phantastische Form der Engelsflügel (durch die die Engel wie eine Art Heuschrecken wirken) sowie die instabile Komposition, die nur von der begrenzenden Form des Bogenfelds gehalten wird. In Neuilly beherrscht die Szene der Anbetung der Könige über sich wild gebärdenden Tiermonstern und begleitet von Tuba blasenden Engeln das Bogenfeld des Portals, unter dem auf dem Türsturz links in der Ecke der Sündenfall, dann in ganzer Breite das Gastmahl im Hause des Simon dargestellt ist – mit einer sehr eigenwilligen Reihung der Gäste, während die gebeugte Maria Magdalena links Christus die Füße salbt.

Wie lebendig und volkstümlich Künstler vergangener Zeiten biblische Szenen darzustellen wussten: Im Brionnais kann der Besucher sich davon ein sehr anschauliches Bild machen.

Weitere Informationen über das Brionnais und die Rundfahrt zu den romanischen Kirchen: Office de tourisme, Place des Halles, 71110 Marcigny, Tel. 0033/385253906; E-Mail: briodec@wanadoo.fr; Internet: www.brionnais-decouvertes.com oder www.brionnais-tourisme.fr.