Pilgern zur Patronin der Slowakei

Levoèa und Košice, von Touristen nahezu unentdeckte Städte in der Nordostslowakei. Von Carl-H. Pierk

Der Dom in Košice ist das größte sakrale Bauwerk der Slowakei. Foto: Pierk
Der Dom in Košice ist das größte sakrale Bauwerk der Slowakei. Foto: Pierk

Schlichte Bauerndörfer, Storchennester, Gänseherden, weidende Ziegen im Hausgärtchen, Pferdefuhrwerke auf der Straße, unregulierte Flüsse, weite Wälder – der Besucher sieht sich in eine vergangene Zeit zurückversetzt. Während in der slowakischen Hauptstadt Bratislava (Pressburg) nahezu Vollbeschäftigung herrscht, sind im Nordosten der Slowakei bis zu 30 Prozent ohne festen Arbeitsplatz. Hier, wo viele Roma in Slum-ähnlichen Siedlungen leben, fehlt es an vielem, vor allem an der Infrastruktur. Die gesamte Region leidet unter dem schlecht ausgebauten Autobahnnetz. Auf der anderen Seite: überwältigende Natur, bizarre Felsformationen, scheinbar endlose Wälder, beeindruckende Karsthöhlen, Berge zum Besteigen, Begehen, Befahren – mit Skiern oder Mountainbikes. Und ein reiches kulturelles Erbe, Produkt der wechsel- und schmerzvollen Geschichte der Slowaken, die sie mit Ungarn und Österreichern teilen. Sehenswürdigkeiten in Form von alten Schlössern, Burgen, historischen Städten oder pittoresken Dörfchen mit uralten Holzhäuschen und Schindeldächern.

Unbestritten eine der schönsten Städte im nordöstlichen Teil der Slowakei an der Grenze zu Polen ist Levoèa (Leutschau). Die Stadt ist Zentrum und Herz des Gebiets, das Zips (Spiš) genannt wird und weist eine noch vollständig erhaltene historische Innenstadt auf. Im Mittelpunkt des Marktplatzes erhebt sich die römisch-katholische St. Jakobskirche. Die gotische Kirche gehört nicht nur zu den Höhepunkten Levoèas, sondern der gesamten Slowakei. Den dreischiffigen Bau errichtete man bis zum Jahr 1400. Die südlichen und nördlichen Vorbauten entstanden etwas später, ebenso die Wandmalereien im Presbyterium und in den Kirchenschiffen. Der Turm ist neugotisch, da der ursprüngliche 1848 durch einen Brand zerstört worden war. Und innerhalb der Mauern wieder ein Superlativ: Der Hauptaltar des hl. Jakob d. Ä. stellt mit seiner Gesamthöhe von 18,62 Metern den höchsten erhaltenen gotischen Altar der Welt dar. In den Jahren 1508-1517 wurde er in der Werkstatt des Holzschnitzers Meister Paul von Leutschau unter dessen künstlerischer Leitung angefertigt. Er hat in dieser Kirche vier weitere der insgesamt 15 Altäre geschaffen. Sich selbst hat Meister Paul angeblich als einen der zwölf Apostel in der Komposition des Letzten Abendmahls in der Predella des Altars verewigt. Anhand von zahlreichen Duplikaten kann man sich im nahegelegenen ehemaligen Wohnhaus von Meister Paul in die Glanzzeit seines Schaffens zurückversetzen.

An die Pfarrkirche grenzt das Gebäude des ehemaligen Rathauses mit seinen Arkaden. Es gehört zu den Höhepunkten der Renaissance-Architektur in der Slowakei. Am nahegelegenen Pranger aus dem 16. Jahrhundert wurden früher Menschen für kleinere Vergehen dem Spott der Öffentlichkeit ausgesetzt. Der Platz wird von mehr als 50 Bürger- und Patrizierhäusern gesäumt. Mehrere sind nach ihren ehemaligen Eigentümern benannt. Auf den ersten Blick fällt besonders das Thurzo-Haus im Renaissance-Stil auf, das seine Sgraffito-Fassade im Neorenaissance-Stil im Jahr 1904 erhielt.

Hoch über der Stadt ragt der 781 Meter hohe Berg Mariánska hora (Marienberg) in den Himmel. Jedes Jahr Anfang Juli wird Levoèa zum größten Wallfahrtsort der Slowakei. Alljährlich strömen etwa 500 000 Pilger, unter ihnen auch Soldaten, zu dem Wallfahrtsort, an dem die Jungfrau Maria als Patronin der Slowakei verehrt wird. Zum 16. Mal beteiligten sich Soldatinnen und Soldaten aus der Slowakei am ersten Wochenende im Juli auf Einladung von Militärbischof Frantisek Rabek an der großen nationalen Wallfahrt nach Levoèa. In guter Tradition werden dazu auch Soldaten und Militärseelsorger aus befreundeten Nationen eingeladen. In diesem Jahr war auch wieder eine Delegation der Bundeswehr dabei.

Kulturelles Bindeglied zwischen Ost und West

Košice, die Metropole der Ostslowakei, wird 2013 neben Marseille Europäische Kulturhauptstadt. Die Vorbereitungen für den großen Auftritt haben längst begonnen. Zahlreiche Gebäude im historischen Kern sind bereits vor Jahren liebevoll rekonstruiert worden. Das altehrwürdige Kaschau hat viel von seiner ursprünglichen Schönheit zurückgewonnen. Der Kulturpark etwa ist das größte der acht Investitionsprojekte der Stadt. Anschließend beginnen die Arbeiten am Projekt Ulièka remesiel – dem Wiederaufbau der Traditions- und Kunststraße – und an der Burg von Košice. Der Kulturpark ist ein speziell angefertigter Gebäudekomplex aus dem späten 19. Jahrhundert in der Innenstadt von Košice. Früher fanden hier Einheiten der slowakischen Armee Unterkunft, in den letzten Jahren standen die Gebäude jedoch wegen Budgetkürzungen leer. Die attraktive Lage mitten in der Stadt und eine große, freie Nutzfläche eignen sich für Open Air-Konzerte und andere Kulturveranstaltungen. Außerdem macht die Architektur der Gebäude sie auch zu einem einzigartigen Ausstellungsgelände.

Košice im Osten der Slowakei ist als Touristenziel bisher kaum bekannt. Die zweitgrößte Stadt des Landes zählt zwar jährlich etwa 120 000 Gäste, davon 60 Prozent aus dem Ausland. Aber die meisten kommen als Geschäftsreisende, vor allem aus den Nachbarländern Tschechien, Ungarn und Polen. Das soll sich nun ändern. Das Kulturhauptstadtjahr soll Košice auch im Westen bekannt machen. Die Stadt mit ihren 230 000 Einwohnern befand sich während der Monarchie beim Königreich Ungarn. Damals wurde Košice auch zu einer kulturellen Hochburg, nicht zuletzt wegen seines Theaters, dem heutigen Staatstheater der Slowakei. Aber nicht nur die Ungarn, sondern auch Juden, Ruthenen, Deutsche und natürlich Slowaken haben das unverwechselbare Gesamtbild der Stadt und ihrer Region geprägt – bis heute ist Košice kulturelles Bindeglied zwischen Ost und West. Den größten Teil der Stadtbevölkerung bilden Slowaken, als Minderheiten vertreten sind Ungarn, Tschechen und Roma. Das größte Unternehmen in Košice und eines der größten der Slowakei sind die Ostslowakischen Hüttenwerke (heute U. S. Steel) hinter der südwestlichen Stadtgrenze. Der Trend geht allerdings weg von der Schwerindustrie hin zu den Branchen, die moderne Technologie, ökologische Ansätze und Computertechnik verwenden. Die schlechte Verkehrsanbindung hat Košice schließlich dazu gezwungen, Wirtschaftszweige zu unterstützen, die einen höheren Bildungsgrad erfordern. Košice hat in der Hinsicht ein gutes Angebot mit drei Universitäten und einem hohen Anteil an aktiven und gebildeten Jugendlichen.

Die Hauptattraktionen, wie etwa der Dom der Heiligen Elisabeth, das international hoch angesehene Theater, das Ballett, die Oper oder die Philharmonie liegen nahe beieinander. Der Dom ist die größte Kirche der Slowakei. Der Hauptaltar, derzeit verhüllt wegen Renovierungsarbeiten im Dom, stammt aus dem Jahr 1477 und stellt mit seinen 48 Tafelbildern ein einzigartiges Beispiel spätgotischer Altarkunst dar. Vor der nördlichen Stirnwand der Kirche steht der Urbanturm, ein Glockenturm mit Arkadengang, aus dem 14. Jahrhundert. Die allein stehende Kapelle des Hl. Michael vom Ende des 14. Jahrhunderts vor der südlichen Stirnwand des Doms bildet zusammen mit dem Dom und dem Urbanturm eine geschlossene gotische Einheit. In der Ostslowakischen Galerie sind Werke vieler bedeutender regionaler sowie internationaler Künstler zu bewundern. Die Mihal Gallery stellt Werke des weltberühmten Pop-Art-Künstlers Andy Warhol aus, dessen Familie aus der Region stammte. Mitten im Zentrum liegt der schönste Platz von Košice. Ein kleiner Park mit dem „singenden Brunnen“ in der Mitte bringt sattes Grün in die Stadt. Das Wasser schießt aus hunderten Düsen in die Höhe, die Strahlen tanzen je nach Phonstärke zur Musik, die aus Lautsprechern am Boden tönt. Hinter der mittelalterlichen Altstadt aber wachsen bunte Plattenbausiedlungen aus dem Boden.

Zu spüren ist das Flair der untergegangenen K&K-Monarchie entlang der Hauptstraße mit ihrem reich verzierten Opernhaus, der östlichsten katholischen Kathedrale Europas, dem klassizistischen Bischofssitz, einigen Jugendstilbauten und den alten Kaffeehäusern, in denen Gäste sich nach den alten Zeiten sehnen können. Von den alten Zeiten träumen auch die Gäste in der Nostalgiekneipe „Nositel Radu Prace“ – „Träger des Arbeiterordens“ unter roten Flaggen mit Hammer und Sichel. In der Kneipe sitzt man unter Lenin- und Karl-Marx-Plakaten. Hier ist die Tschechoslowakei noch nicht untergegangen, scherzt Marian, der Fremdenführer. „No Photo, no people“ schimpft die Wirtin, wenn ein Tourist mit der Kamera in der Hand ihren skurrilen Laden betritt.