Jerusalem

Ostern ohne Pilger

Seit März keine Gäste, Stornierungen bis in den Sommer: Wie Pilgerhäuser in Jerusalem unter der Coronakrise leiden.

Coronavirus- Jerusalem: Grabeskirche  wurde abgeriegelt
Auch die Grabeskirche in Jerusalem wurde aufgrund der Coronavirus-Pandemie abgeriegelt. Dennoch knieten Gläubige am Palmsonntag vor dem Kirchenportal zum Gebet nieder. Foto: dpa

„Können wir in dieser finanziellen Situation überleben? Und was geschieht mit unseren Mitarbeitern?“, das sind die Fragen, die sich Schwester M. Daniela Gabor momentan täglich stellt. Sie ist die Oberin der Borromäerinnen in Jerusalem und leitet das Deutsche Hospiz im jüdisch geprägten Teil der Stadt. „In unserem Pilger- und Gästehaus haben wir seit März keine Gäste mehr und bis in die Sommermonate hinein sind Buchungen bereits storniert – doch die laufenden Kosten bleiben bestehen.“ Die Grabeskirche in der Jerusalemer Altstadt ist auf unbestimmte Zeit für die Öffentlichkeit gesperrt. Der Ort der Auferstehung wird auch an Ostern verschlossen bleiben.

Jerusalem wird Ostern feiern

„Das Osterhalleluja kommt nicht in Quarantäne.“ Davon ist Monsignore Stephan Wahl fest überzeugt. Trotz des sich ausbreitenden Coronavirus. Er leitet das Paulus-Haus, ein von Deutschen Verein vom Heiligen Lande betriebenes Pilgerhaus gegenüber des Damaskustors im palästinensisch geprägten Teil der Stadt. „Jerusalem wird Ostern feiern“, sagt er und fügt hinzu, „nur dieses Jahr leider ohne Pilger aus der ganzen Welt“. Er berichtet davon, dass im christlichen Viertel der Altstadt Lautsprecher installiert werden, damit so die einheimischen Christen zumindest hörend, an den Gottesdiensten der Heiligen Tage teilnehmen werden können.

„Möge das Licht des Auferstandenen uns allen Kraft und Hoffnung schenken.“ Schwester M. Daniela Gabor

Die geltenden Vorschriften in Israel zu Bekämpfung des sich ausbreitenden Coronavirus verbieten jegliche öffentlichen Versammlungen, einschließlich Gebeten. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, darf man sich gegenwärtig maximal 100 Meter von seiner Wohnung oder seinem Haus entfernen. Es gibt kaum noch Fluggesellschaften, die Flüge nach Israel anbieten, und ins Land einreisen dürfen nur noch israelische Staatsangehörige und diejenigen, deren Lebensmittelpunkt in Israel liegt. Und selbst diese müssen nach ihrer Ankunft in eine 14-tägige Quarantäne. So bleiben die deutschsprachigen katholischen Pilgerhäuser momentan auf nicht absehbare Zeit geschlossen und Hotels werden zu Krankenlagern umgenutzt.

Hoffnung auf die Zeit danach

„Anders als in Zeiten von Kriegen und Terroranschlägen ist durch die Pandemie keine Möglichkeit einer Pilgerreise mehr gegeben“, erklärt Markus Stephan Bugnyár. Er ist Priester und Rektor des Österreichischen Pilger-Hospizes zur Heiligen Familie in der Jerusalemer Altstadt. Er hofft, dass nach der Coronakrise Pilgergruppen bald wieder ins Heilige Land kommen werden. Aber aufgrund der weltweiten wirtschaftlichen Folgen der Pandemie befürchtet er, dass sein Pilgerhaus noch lange leerstehen wird. „Ich gehe persönlich davon aus, dass viele Menschen nach der Pandemie das Bedürfnis haben werden, ein Dank-Wallfahrt zu machen, aber ich denke, dass solche Fahrten sich aus wirtschaftlichen Gründen primär in der ersten Zeit auf Pilgerorte und -zentren im eigenen Land beschränken werden, bevor wieder in größer Zahl Pilger nach Jerusalem kommen werden.“  

Krisenerfahrene Pilgerhäuser

Die drei deutschsprachigen katholischen Pilgerhäuser in Jerusalem sind im Kontext des Nahen Ostens krisenerfahren. 1893 wurde von den Borromäerinnen in Jerusalem eine Krankenstation gegründet, aus der 1905 das Deutsche Hospiz wurde. Ab 1934 wurden dort auch Pilger aufgenommen und ab 1967 entwickelte sich die Einrichtung zu einem Pilgerhaus. Von Anfang an sorgten sich die Schwestern auch um verarmte und heimatlose Kinder. Bis heute betreiben sie einen Kindergarten, der durch die Einnahmen des Pilgerwesens finanziert wird. Aufgrund der Vorschriften des israelischen Gesundheitsministeriums ist nun auch der Kindergarten vorübergehend geschlossen.

„Unsere rund 130 kleinen Schützlinge und deren Familien erhalten von den Erzieherinnen nun Unterrichtsmaterialien, Bastel- und Spielanleitungen via Internet,“ erzählt Schwester M. Daniela Gabor, die als Erzieherin in ihrem Kindergarten das soziale Miteinander fördern und Verzeihen, Toleranz und Akzeptanz vermitteln möchte. „Was wird aus unseren Kindern, wenn wir finanziell nicht mehr in der Lage sein werden, den Kindergarten zu öffnen?“

Auch in der an das 1908 erbaute Paulus-Haus angrenzenden und ebenso vom Deutschen Verein vom Heiligen Lande getragene Schmidt-Schule für palästinensische Mädchen christlichen und muslimischen Glaubens kann es momentan keinen Lehrbetrieb geben. Monsignore Stephan Wahl nimmt die gegenwärtige Situation mit Humor: „Mein neuer Job ist zum Beispiel die Sorge um den Garten und die Bepflanzung der Terrassen“, doch er betont auch die prekäre Situation der Angestellten des Paulus-Hauses: „Unsere Mitarbeiter sitzen zum Teil im abgeriegelten Bethlehem fest und wir versuchen sie auf verschiedene Weisen in dieser Situation finanziell zu unterstützen.“ Markus Stephan Bugnyár hat seinen palästinensischen Mitarbeitern, von deren Einkommen ganze christliche und muslimische Familien abhängig sind, ein klares Versprechen gegeben: „Solange die Coronakrise andauern wird, werden wir keinen Mitarbeiter entlassen.“

Das an der dritten Station der Via Dolorosa gelegene Österreichische Pilger-Hospiz wurde bereits 1856 gegründet Es ist das älteste nationale Pilgerhaus im Heiligen Land und wurde im vergangenen Jahr durch die Eröffnung der der Casa Austria entsprechend dem ursprünglichen Bauplan noch bedeutend vergrößert. Alle drei Pilgerhäuser wissen sich trotz leer bleibender Betten ihren Mitarbeitern und ihrem caritativen Einsatz verpflichtet.

Zuflucht in Gebet und Glauben

„In den letzten Jahren florierte das Pilgerwesen im Heiligen Land und die christlichen Familien konnten gut davon leben – und die Menschen hier sind durch Kriege und Krise eine hohe Schmerzgrenze gewohnt, was ausbleibenden Pilgertourismus betrifft.“ Mit diesen Worten blickt Markus Stephan Bugnyár auf die Situation der christlichen Familien in der Coronakrise. Und Schwester M. Daniela Gabor sieht unter den Christen im Land, „dass sie in dieser Situation in ihrem Glauben und im Gebet Zuflucht finden und daraus ihre Hoffnung schöpfen.“ Sie und ihr Konvent beten jeden Abend für alle von der Pandemie Betroffenen.

Monsignore Stephan Wahl möchte in dieser Situation allen Menschen, die vielleicht eine Pilgerfahrt geplant hatten oder in Gedanken in diesen Tagen in Jerusalem sind, ebenso ein Gebet in der Nähe des Grabs Jesu ermöglichen. „Unter jerusalemgebet@gmail.com können mir Fürbitten oder Gebetsanliegen geschickt werden und ich werde dafür sorgen, dass sie zur Grabeskirche gelangen.“

Und Markus Stephan Bugnyár ermöglicht momentan sonntags – auch am Ostersonntag – aus der Ferne an einer Messfeier auf dem Dach des Österreichischen Pilger-Hospiz zu partizipieren: „Pilger komme zu uns wegen Jerusalem und wenn wir Gottesdienst feiern, müssen wir den Gläubigen auch unter diesen Umständen ermöglichen,  Jerusalem zumindest zu sehen. So versuchen wir durch einen Stream auf Facebook die Stadt als Hintergrund unserer Messfeier ins Bild zu heben.“

Blick ins Ungewisse

Im Gespräch mit den Leitern der drei Pilgerhäuser wird deutlich, wie bedrückend die Gewissheit ist, dass am Ort des Sterbens und Auferstehens Jesu Christi die Heiligen Tage hinter verschlossenen Türen gefeiert werden müssen – und sie blicken im Angesicht der Krise in eine wirtschaftlich unsichere Zukunft. Doch sie teilen eine gemeinsame Hoffnung: „Möge das Licht des Auferstandenen uns allen Kraft und Hoffnung schenken“, wie Schwester M. Daniela Gabor bittet.

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