Minervois

Mit Reben leben

Das Ehepaar Lehmann betreibt seit acht Jahren ein Weingut im südfranzösischen Minervois.

Ehepaar Lehmann, Betreiber des Weingut "Domaine Saint-Antoine"
"Saint-Antoine gefiel uns auf der Stelle und passte auch sehr gut, da es nach dem heiligen Antonius benannt war", erklärt das Ehepaar Lehmann. Foto: Fotos: privat

Es mag zwar wie ein Klischee klingen, aber es stimmt: Frankreich und der Wein, das gehört einfach zusammen. Zweifellos – auch deutsche Weine sind nicht zu unterschätzen. Aber man muss den Nachbarn neidlos zugestehen: Sie beherrschen die Vitikultur. Liegt es am Handwerkszeug? Am Talent für die Rebe? Oder sind es doch einfach nur die geografischen Voraussetzungen, die den Franzosen eine Nasenlänge Vorsprung bescheren? Könnte gar ein Deutscher reüssieren, wenn nur in Frankreich seine Reben wüchsen?

Versuchung und Verführung

Endgültig beantworten lassen sich diese Fragen wohl nicht. Zumindest einen Versuch, den Franzosen auf heimischem Boden zu Leibe zu rücken, starteten Petra und Christoph Lehmann. Seit nunmehr acht Jahren betreibt das Ehepaar aus Berlin das Weingut „Domaine Saint-Antoine“ im südfranzösischen Minervois. Und produziert dort Weine, die alle Sinne ansprechen sollen. Das wird schon an den Namen deutlich: „Tentation“ (Versuchung), „Séduction“ (Verführung) oder „Fascination“ heißen einige der Rotweine beispielsweise. Aber auch Weißweine und ein Rosé findet sich im Angebot.

„Wenn man keine Gewinne macht, ist es ein Hobby, wenn man Gewinne macht, ein Geschäft.“

Das Ehepaar wirbt auch mit der Mystik der Region Minervois, die sich in der historischen Provinz des Languedoc befindet. Die Region ist geschichtsträchtig, bekannt für die gnostische Sekte der Katharer, die dort zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert ansässig war. Schon zur Römerzeit wurde dort Wein angebaut. Und auch heute sind es hauptsächlich alte Rebsorten wie „Grenache“ oder „Syrah“, die in dem gut 27 Hektar großen Weinanbaugebiet wachsen und verarbeitet werden – so will man die Authentizität der Endprodukte bewahren. Die klimatischen Bedingungen dafür sind optimal: Hitze am Tag, die Nächte etwas kühler, geringe Niederschläge.

Leidenschaft für Wein

Was verleitete ein Ehepaar aus Berlin – sie ist Pharmazeutin, er Rechtsanwalt und in der CDU aktiv –, in den Weinanbau einzusteigen? Noch dazu in Frankreich? Darüber soll ein Anruf bei den Lehmanns Klarheit verschaffen. Den Anstoß, schildert Petra Lehmann, gab zunächst eine ausgeprägte Frankreich-Affinität, die sie mit ihrem Mann teilte. Und natürlich auch die Leidenschaft für kultivierten Weingenuss. Ursprünglich hatte das Ehepaar vor, sich in Frankreich eine Ferien-Immobilie zuzulegen. Aber Petra Lehmann zweifelte lange an der Idee. Bis den beiden der Gedanke kam, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden – und anstelle eines klassischen Ferienhauses ein Weingut zu erwerben. „Wir waren ja beide Weinliebhaber und hatten uns auch schon intensiver mit der Weinherstellung beschäftigt“, meint Christoph Lehmann. Ein Weingut war schnell gefunden. „Saint-Antoine gefiel uns auf der Stelle – und passte auch sehr gut, da es nach dem heiligen Antonius benannt war.“

Die Kirche hat es in der Region nicht leicht

Petra und Christoph Lehmann sind beide praktizierende Katholiken. Sie ist Gottesdienstbeauftragte in ihrer Gemeinde. Er dürfte einigen noch im Gedächtnis geblieben sein dank der Initiative „Pro Reli“, die er 2009 initiierte: Damit sollte der Religionsunterricht an Berliner Schulen zum Wahlpflichtfach befördert werden. Die Berliner lehnten das jedoch ab. Auch in Frankreich besucht das Ehepaar regelmäßig Gottesdienste. Was vor Ort uns traurig stimme: „Wenn wir da in die Kirche gehen, gehören wir als Mittfünfziger nicht zu den Ältesten“, meint Petra Lehmann. Die katholische Kirche habe es in der Gegend nicht leicht, viele Gläubige hätten mit ihr gebrochen.

Der Faszination für die Region und für das Winzer-Projekt tut dies aber keinen Abbruch. Christoph Lehmann spricht sogar von einer „beinahe spirituellen Erfahrung“. Denn wie ein Jahrgang ausfällt, lasse sich nicht bis ins Letzte beeinflussen, sei zum Teil einfach höhere Gewalt. „Man ist abhängig von der Natur und hat dieses Gefühl, dass man nicht alles beherrschen kann“, meint Christoph Lehmann. Als Städter sei man stark davon geprägt, alles kontrollieren zu können. „Wenn nicht, dann irritiert uns das.“ Insofern lehre der Weinanbau auch eine gewisse Demut.

Gastfreundlichkeit ist selbstverständlich

Petra und Christoph Lehmann sind nur einige Wochen im Jahr – meist in den Sommermonaten – auf dem Weingut anwesend. Die übrige Zeit wird das Gut von Mitarbeitern verwaltet. Wenn sie dort sind, scheuen sie aber nicht davor zurück, auch selbst anzupacken – sei es bei der Lese, beim Unkrautjäten, oder einfach, indem ein großes Essen für die Erntehelfer gekocht wird. Vor denen habe sie großen Respekt, meint Petra Lehmann. Denn in den Erntewochen würden sie täglich stundenlang in der Spätsommerhitze den Ertrag einbringen. Grundsätzlich bereite es „viel Freude“, mit den Menschen vor Ort zusammenzuarbeiten, so die „Chefin“ des Weinguts. Vorbehalte gegen Deutsche gebe es nicht. „Die Offenheit und Freundlichkeit der Leute ist bemerkenswert, gerade auch in der Winzerszene.“ Damit habe man so nicht gerechnet. Doch die Erfahrungen zeigten: Gastfreundlichkeit ist selbstverständlich. Mit den Nachbarn kommt man schnell ins Gespräch, tauscht sich aus und trifft sich zum Aperitif.

Gewinne sind nicht das Ziel

Auch auf dem Weingut der Lehmanns kann man Gastfreundlichkeit erfahren. Denn das Gut bietet auch die Möglichkeit zur Übernachtung: Drei Ferienwohnungen vermieten die beiden – in einer wohnen sie selbst, wenn sie Zeit auf dem Weingut verbringen. Schwarze Zahlen schreibt das Ehepaar Lehmann mit dem Projekt bislang noch nicht. Zu viel Geld musste zunächst einmal in das Weingut investiert werden. Und auch der Umstieg auf den biologischen Anbau, den die Berliner gerade vollziehen, fällt natürlich mit Kosten ins Gewicht. Zudem sei das Weingut nicht in allerbestem Zustand gewesen, meint Christoph Lehmann. „Bis man in die Gewinnzone kommt, dauert es einfach eine Weile.“ Bei einem befreundeten Weingutsbesitzer waren es 17 Jahre. Lehmann sieht es locker: „Wenn man keine Gewinne macht, ist es ein Hobby, wenn man Gewinne macht, ein Geschäft.“ Er sei sicher, „dass wir das früher oder später auch hinbekommen“. Gewinne seien aber ohnehin nicht das große Ziel – man strebt ein gut ausgeglichenes Ergebnis an.

Vertrieb über Händler

Wer den Wein der Lehmanns in Deutschland erwerben will, muss ein wenig suchen. Sie selbst verkaufen den Wein nicht in größeren Mengen an den Endkunden – der Vertrieb erfolgt über Händler. Einer habe den Wein sogar bis nach China verkauft. Immer wieder sei man aber auf Weinmessen vertreten, um das Endprodukt an den Kunden zu testen – quasi von Angesicht zu Angesicht. „Die sagen dann oft, kann ja gar nicht wahr sein“, meint Christoph Lehmann – „im Positiven wie im Negativen.“

Geschmeidig durch die Kehle

Aber wie schmeckt er denn nun, der Rebensaft aus dem Hause Lehmann? Macht der „Séduction“ seinem Namen alle Ehre und kann die Sinne verführen. Es sei am besten jedem selbst überlassen, sich ein Urteil zu bilden. Aber soviel sei verraten: Auf den ersten Schluck ist es ein ungewohntes Aroma, das sich entfaltet. Der Wein hat nichts von der Schwere, die manch anderen französischen Roten sonst auszeichnet. Ein wenig dominant ist die Säure – das hatte Christoph Lehmann auch am Telefon betont. Danach liegt er aber angenehm weich auf der Zunge. Von den gehaltvollen 14 Prozent ist gar nicht so viel zu spüren, geschmeidig geht er die Kehle hinunter. Gerne würde man noch ein weiteres Glas nehmen. Aber die Flasche ist schon leer.

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