Michel aus Lönneberga feiert seinen 50. Geburtstag

Noch heute begeistert Astrid Lindgrens Lausbub – nicht nur junge Leser, sondern auch Touristen in Schweden. Von Sabine Ludwig

Junge Schauspieler füllen Lönneberga in „Astrid Lindgrens Welt“ mit Leben. Foto: S. Ludwig
Junge Schauspieler füllen Lönneberga in „Astrid Lindgrens Welt“ mit Leben. Foto: S. Ludwig

Er war der Held meiner Kindheit und meine erste große Liebe: Michel aus Lönneberga. Wir waren damals fast gleich alt. Doch während ich älter wurde, blieb Michel zeitlos. Jahrzehnte später erfüllte sich ein großer Wunsch. Einmal die Heimat meiner Romanfigur kennenlernen und Smaland in Südschweden entdecken.

Am 23. Mai wurde Michel aus Lönneberga, der im schwedischen Original Emil heißt, 50 Jahre alt. Ein reiner Zufall hat ihn zu einer der beliebtesten Figuren in Astrid Lindgrens Büchern werden lassen. 1962 hatte die berühmte schwedische Kinderbuchautorin bereits Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach und Madita erschaffen. Sie liebte es, zu schreiben und wenn sie an einem Buch arbeitete, konnte sie keinerlei Ablenkung ertragen. Astrid Lindgren verbrachte die Sommermonate mit ihrer Familie auf der Schäreninsel Furusund. Den Enkelkindern las sie Geschichten vor oder erzählte von ihrer Kindheit.

Der Kinderbuch-Bestseller war ein Zufallsprodukt

Eines Abends versuchte sie ihren Enkel zu beruhigen, indem sie einfach eine Geschichte erfand. „Rate mal, was der Michel damals angestellt hat?“ Der Kleine folgte bewegungslos ihren Erzählungen. Lindgrens erster Anstoß zu einer Geschichte, die Idee für eine Figur oder ein Motiv entstand oft aus ganz alltäglichen Situationen. Im Mai 1963 begann die Autorin, die Lausbubengeschichten niederzuschreiben. Michel aus Lönneberga wurde geboren. Es folgten die Bullerbü-Geschichten, die ähnlich wie die von Michel in einer heilen Welt spielen. Es war die Welt, in der Lindgren einst aufgewachsen war.

„Wir alle waren Kinder wie Michel oder jene von Bullerbü, denn wir hatten die gleichen Erinnerungen und Plätze zum Spielen“, sagte ihre Nichte Gunvor Runström. „Sie hat meine Kindheit mit ihren Büchern dokumentiert.“

Am 14. November 1907 wurde die kleine Astrid in Näs bei Vimmerby geboren. Sie wuchs gemeinsam mit ihren drei Geschwistern in einer Bauernfamilie auf. Zum über hundert Jahre alten Hof gehörten ein Obst- und Gemüsegarten, Scheune, Stall, das Waschhaus am Bach und ein Holzschuppen. Nach Herzenslust konnten hier die Kinder zwischen alten Kastanien, Ulmen und Linden herumtollen. Sie machte in ihrer Heimatstadt eine Ausbildung zur Journalistin und wurde von ihrem verheirateten Chef schwanger. 1926 gebar sie ihren Sohn Lars in Kopenhagen und gab ihn zu einer Pflegemutter. Zum Vater des Kindes hatte Lindgren keinen Kontakt. Sie lebte in Stockholm und schlug sich als Sekretärin durch.

Schließlich begegnete sie Sture, den sie 1931 heiratete. Endlich konnte sie dem kleinen Lars eine Familie bieten. Drei Jahre später kam Tochter Karin auf die Welt. Mit den Büchern begann Astrid Lindgren erst viel später. Die Geschichte von Pippi Langstrumpf schrieb sie für Karin 1944, da die Kleine mit einer schweren Grippe im Bett lag. Das Manuskript wurde zufällig veröffentlicht. Der Erfolg kam von selbst.

Der Hof sieht noch genau so aus wie im Film

Auf Pippi Langstrumpf folgten „Mio, mein Mio“, „Rasmus und der Landstreicher“ und viele weitere Kinderbücher. Immer wieder kam sie nach Hause, um den Rest der Familie zu besuchen. „Am Abend hat sie uns oft vorgelesen“, erinnert sich Runström. „Wir waren ihre Versuchskaninchen, und wenn uns der Text gefiel, hat sie ihn wortwörtlich übernommen.“

Vimmerby hat heute mit „Astrid Lindgrens Welt“, einem Vergnügungspark vor den Toren der Stadt, seiner berühmtesten Tochter ein Denkmal gesetzt. Hier finden die Jubiläumsveranstaltungen zu Michels rundem Geburtstag statt. Im Juni wird das neue Katthult, wie Lönneberga in Schweden genannt wird, eröffnet. Der Park hat sich die Attraktion mehrere Millionen Euro kosten lassen. Über hundert junge Schauspieler spielen die Szenen aus Lindgrens Büchern in originalgetreuer Kleidung und Landschaft täglich nach. Nicht weit entfernt eröffnete an Lindgrens 100. Geburtstag im Jahr 2007 ein Museum. Hier lassen sich alle Stationen ihres Lebens nachverfolgen. „Rund 36 000 Besucher haben wir jährlich. Viele kommen mit wässrigen Augen aus der Ausstellung“, sagt die Museumsangestellte Michaela Hinze.

Durch eine einsame Waldgegend radle ich in Michels Dorf. Der Hof Katthult sieht noch genau so aus wie in den Filmen. Hier also spielte Michel seine Streiche mit dem cholerischen Vater, dem Knecht Alfred, der Magd Lina und der übergestülpten Suppenschüssel. Ich werfe einen Blick in den engen Holzschuppen, in dem der Lausebengel hunderte von Holzmännchen schnitzte. Mitten im Garten steht stolz der Fahnenmast, an dem er Schwesterchen Ida hochzog, damit sie einen besseren Ausblick genoss.

Zurück in Vimmerby besuche ich den Friedhof. Hier hat die Schriftstellerin im Jahr 2002 ihre letzte Ruhe gefunden. Sie sei immer nur eine Bauerntochter aus Smaaland gewesen, vom Anfang bis zum Ende, sagte sie einmal. Ein Findling von der Kuhweide der Eltern als Grabstein trägt ihren Namen. Bescheiden, ganz so, wie sie auch gelebt hatte.