Made in silence

Das Bochumer Kloster Stiepel stellt seinen eigenen Gin her. Der schmeckt nicht nur gut, sondern verbindet auch noch Genuss mit der Weitergabe des Glaubens. Das Porträt einer Kloster-Spirituose. Von Maximilian Lutz

Monastic Gin - Made in silence
Mit seinem schlichten Flaschendesign, das an ein Kreuz erinnert, ist der „Monastic Dry Gin“ auch optisch ein Genuss. Foto: Kloster Stiepel
Monastic Gin - Made in silence
Mit seinem schlichten Flaschendesign, das an ein Kreuz erinnert, ist der „Monastic Dry Gin“ auch optisch ein Genuss. Foto: Kloster Stiepel

Gin ist derzeit die angesagte Spirituose schlechthin. In ganz Deutschland schießen immer mehr Destillerien aus dem Boden. Das führt zu immer vielfältigeren und experimentellen Geschmacksrichtungen – und ebenso ausgefallenen Namen: „Monkey 47“ (Schwarzwald) „Siegfried“ (Rheinland) oder der „Berliner Brandstifter“ (Sie können sich denken, woher) blicken einem aus dem gut ausgestatteten Spirituosenregal entgegen. Dem Liebhaber des Wacholder-Schnapses steht somit ein schier unerschöpfliches Spektrum an Produkten zur Verfügung, die gekostet werden wollen.

Da überrascht es kaum, dass inzwischen auch Klöster in das Gin-Geschäft eingestiegen sind. Waren kirchliche Erzeuger bisher eher bekannt für die Herstellung von Gersten- und Rebensaft, mischen sie nun auch den Markt für Hochprozentiges auf. Da der kundige „Tagespost“-Leser weiß, dass der Genuss hochprozentigen Alkohols durchaus auch eine spirituelle Erfahrung sein kann (siehe DT vom 01. Februar und 26. April), soll an dieser Stelle ein klösterlicher Gin vorgestellt werden: der „Monastic Dry Gin“ aus dem Bochumer Zisterzienserkloster Stiepel.

Dessen wichtigste Zutat: Stille. So steht schon auf der schlichten, aber ansprechend gestalteten Flasche, deren Etikett an ein Kreuz erinnert und gleichzeitig die Struktur des Zisterzienserhabits aufnimmt, dass der Gin „Made in Silence“ ist, also in Stille hergestellt wurde. Doch nicht nur die Flasche, auch die Zusammensetzung des Gins an sich ist etwas Besonderes. „Auf Basis eines jahrhundertealten Wissens in Klöstern über Kräuter, Getreide und den richtigen Anbau, haben sich Mönche zusammengetan, um ein ganz besonderes Produkt zu entwickeln“, schwärmt Pater Justinus Pech, Leiter der Produktion, gegenüber der „Tagespost“. Grundbestandteil sei wie in jedem guten Gin der Wacholder. Dem fügten die Mönche eine Auswahl von Kräutern aus Klostergärten hinzu und mischten diese mit dazu passenden Botanicals. „Hier wurde eine Selektion aus Zitrone, Basilikum, Ingwerwurzel, Zitronenmelisse und anderen gewählt“, erklärt Pater Justinus. Für ihn ist das Besondere am „Monastic Dry Gin“, dass sich in ihm die Kenntnisse aus der jahrhundertealten europäischen Klostergeschichte mit den modernen Techniken der Ginherstellung vereinen.

Aber schmeckt man das auch? Die Symbiose von Tradition und Moderne in der Herstellung, die exotische Selektion an Zutaten? Man schmeckt sie. Als unaufdringlich und harmonisch lässt sich das Aroma beschreiben. Würzig schmeckt der Gin, was wohl an der Ingerwurzel liegen dürfte, ohne dabei jedoch scharf zu wirken, oder gar zu „brennen“. Und auch im Nachgeschmack bleiben die einzelnen Nuancen noch lange erhalten, insbesondere die feine Zitrusnote. Wenn es ein Tonic dazu sein soll, dann besser ein dezentes, das der Spirituose genügend Raum lässt, weiterhin ihre Aromen zu entfalten. Kein Zweifel, der „Monastic Dry Gin“ ist ein Gin, der in Ruhe und mit Bedacht genossen werden will. Was ja auch zu seiner Herkunft und Entstehungsgeschichte passt. Es gibt ihn noch gar nicht lange, den Bochumer Klostergin. Erst im November haben die Mönche mit der Produktion begonnen. 500 Flaschen waren es zunächst, die im vergangenen Jahr abgefüllt wurden. „Der Massenmarkt ist nicht unser Ziel“, meint Pater Justinus. Man sehe sich als Anbieter im Qualitätssegment und wolle das auch bleiben. Da die ersten Rückmeldungen jedoch äußerst positiv ausgefallen seien, werde man nun die Produktion langsam hochfahren. „Oberstes Gebot ist natürlich die Sicherstellung einer gleichbleibend hohen Qualität, wie das immer für Produkte aus Klöstern gilt“, betont der Zisterzienserpater. Nachdem es den „Monastic Dry Gin“ zunächst nur im klostereigenen Laden zu kaufen gab, ist er nun auch in anderen Klosterläden sowie deutschlandweit über die Webseite www.monasticdrygin.de erhältlich. Mit seinem Preis von 39,50 Euro für die Halbliterflasche bewegt er sich zwar durchaus im oberen Preissegment. Dafür ist der Klostergin aber auch eindeutig ein besonderes, mit höchster Sorgfalt hergestelltes Produkt.

Wie kam man im Kloster Stiepel überhaupt auf die Idee, einen Gin herzustellen? Das sei auch dem Prior zu verdanken, meint Pater Justinus. Mit 75 Jahren sei er der Älteste in einer recht jungen Mönchsgemeinschaft. „Das hat den großen Vorteil, dass er vieles im Leben gesehen hat und das Innovationspotenzial der Mönche fördert.“ So könne man im Geistlichen neue Ansätze wagen. Insbesondere der Klosterladen sei eine Möglichkeit, mit Menschen fern der Kirche ins Gespräch zu kommen und ihr Interesse am Glauben zu wecken, wie es Papst Franziskus postuliert. Herstellung und Vertrieb des „Monastic Dry Gin“ sind für Pater Justinus nur eine andere Art, der Aufforderung des Papstes nachzukommen.

Ginproduktion als Form der Missionierung also? Dem würde Pater Justinus nicht widersprechen. Um die Menschen zu erreichen, sei den Mönchen im Kloster Stiepel klar gewesen: „Wir müssen etwas herstellen, was Menschen interessiert.“ Da habe sich die Frage gestellt, in welchem Produktbereich man sich spezialisieren wolle. Die Mutterabtei Stift Heiligenkreuz bei Wien beispielsweise produziert seit 1144 Wein. „Wir wollten mit einem hochwertigen Gin einen neuen Akzent setzen“, so der Pater. Zunächst habe man geschaut, was man im Kloster auf hohem Qualitätsniveau herstellen könne. Nachdem die Mönche im Kleinen verschiedene Gintypen ausprobiert hatten, wagten sie dann Ende vergangenen Jahres den Schritt auf den Markt.

Ob der Versuch gelingen wird, Kundenbindung und Missionierung langfristig zu vereinen, wird sich zeigen. Erfahrung in der Herstellung hochwertiger Produkte haben die Zisterzienser jedenfalls schon seit dem 12. Jahrhundert. Früher ist man von den Klöstern in die Städte gefahren, um die mönchischen Erzeugnisse anzubieten. Heute verschieben sich die Märkte, meint Pater Justinus. „Daher wollen wir die Menschen dort abholen, wo sie stehen.“ Die Kunden können sogar an der Weiterentwicklung des Produkts teilhaben. Hauptkommunikationskanal hierzu ist das Soziale Netzwerk „Instagram“. Jeder kann Fotos und Cocktailrezepte an die Hersteller schicken. „Die besten werden wir dann veröffentlichen“, so Pater Justinus.

Eins ist klar: An Ideen mangelt es den Mönchen in Stiepel nicht: Als nächstes sollen für die Ginflaschen Anhänger entwickelt werden, in denen nicht nur über die Ordensgeschichte, sondern auch über die „herausragenden Heiligen“ informiert wird. Pater Justinus: „An jeder Flasche hängt dann eine Heiligengeschichte – welches Getränk kann das schon von sich behaupten?“ Ein weiterer Beweis, dass Glaube und Genuss keine Gegensätze sind.

www.monasticdrygin.de