Katholisch in Palma de Mallorca

Während in der Kathedrale touristische Langeweile herrscht, wagt die deutsche Gemeinde den Aufbruch. Von Ingo Langner

Monsignore Peter Wehr in der Krypta der Kirche Santa Cruz auf Palma de Mallorca, Sitz der deutschsprachigen Gemeinde. Foto: Privat
Monsignore Peter Wehr in der Krypta der Kirche Santa Cruz auf Palma de Mallorca, Sitz der deutschsprachigen Gemeinde. Foto: Privat

Wer über die sogenannte Verdunstung des christlichen Glaubens in Europa nachdenkt und dafür nach Beispielen sucht, der wird irgendwann auch bei der Mode landen. Der Wiener Kulturhistoriker Egon Friedell hat der sich wandelnden Kleidung der Menschen mit Recht stets große Aufmerksamkeit geschenkt. Die Gründe dafür sind augenfällig. Wer sich in einem Kunstgewerbemuseum darüber belehren lässt, wie europäische Männer und Frauen in den vergangenen tausend Jahren ihren Leib verhüllt oder eben nicht verhüllt haben, der wird mit Friedell davon überzeugt sein, dass die jeweilige Mode mehr über das zeitgenössische Bewusstsein aussagt, als man gemeinhin denkt.

Gegenwärtig haben wir es auf unserem Kontinent eindeutig eher mit modebedingten Enthüllungen zu tun. So sie nicht muslimischen Glaubens sind, entblößen sich Männer wie Frauen öffentlich gern. Auf die eigene Wohlgestalt scheint es dabei nicht so sehr anzukommen. Auf den Tätowierungsgrad offensichtlich schon eher. Einblicke dieser Art erhält der Mallorcareisende reichlich. Auch in der wohltemperierten Nachsaison gibt sich das Volk dort gerne leger.

Warum aber tun das auch die katholischen Priester? Noch in den ersten Nachkriegsjahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts kamen Regisseure wie Fellini, Pasolini oder Bunel in ihren Filmen allein schon deshalb ohne einen Geistlichen im wallenden Talar nicht aus, weil die Gestalt des christlichen Hirten so selbstverständlich zur mediterranen Welt gehörte wie Lamm und Olive. Ohne erkennbare römische Priester zumindest im Straßenbild wäre ein wie auch immer gestricktes Epos unter südlicher Sonne schlicht wenig authentisch gewesen, denn sie waren auch im wirklichen Leben optisch präsent.

Weshalb also ist das heute nicht mehr so? Warum ist uns in zehn Tagen in Palma auf den eleganten Boulevards und in den pittoresken Gassen der Stadt nur ein einziger Priester begegnet, den wir, in schwarz und mit Kollar, auch als solchen erkannt haben? Globale Firmenmarken investieren zig Werbemillionen, damit die Menschen es niemals vergessen mögen: Es gibt diesen speziellen Sportschuh, es gibt exakt dieses braune Erfrischungsgetränk. Die Kosten für die „klassische“ Kleidung eines römisch-katholischen Priesters sind dagegen lächerlich klein. Gleichwohl verzichten die Hirten der Kirche Christi – aus welchen Gründen auch immer – auf ihr auch äußerlich signifikantes Alleinstellungsmerkmal. Lediglich vor, während und unmittelbar nach dem Gottesdienst ist das anders. Aber ist das Kollar so etwas wie eine Uniform, die man nach Dienstschluss auszieht, um „casual“ durchs Leben zu gehen? Warum fällt das dem berlinstämmigen Städteflaneur erst im mallorquinischen Palma besonders auf? Weil er daheim in der scheinatheistischen deutschen Hauptstadt sowieso nichts anderes als „unsichtbare“ Priester erwartet? Oder weil sein Spanienbild antiquiert ist?

Leider ist es nicht nur der Talar, der dem Flaneur fehlt. Zwar begeistert ihn, wie großartig die Kathedrale direkt am Saum der weitläufigen Bucht von Palma und hoch über der Stadt ihre Türme zum blauen Himmel emporstreckt oder bei Anbruch der Dunkelheit, von diversen Scheinwerfern angestrahlt, wie ein kostbarer Schrein in die Nacht hinaus leuchtet. Doch dann schockiert es ihn schon, wenn er spätestens an der Cassa bemerkt, dass das imposante Gotteshaus tagsüber ohne Eintrittsgeld nicht zu besichtigen ist. Und ihm missfällt der Trick, mit dem das begründet wird: Der Weg ins Inneres führt durchs Museum der Kathedrale. Man zahlt also offiziell nicht fürs Beten, sondern für den Museumsrundgang. Oh, Ihr Pharisäer!

Die dort in Vitrinen behausten Schätze sind allerdings sagenhaft. Hier seien nur ein Reliquiar des Heiligen Petrus oder ein Stück vom Heiligen Kreuz genannt. Aber was haben die im Museum verloren? Gehören sie nicht an einen der vielen Seitenaltäre?

Dass die sich allesamt mit Gittern verrammelt in eiserner Abwehr präsentieren, passt ebenso in die museale Perspektive wie die verwaisten Beichtstühle. Wer hier an einem normalen Nachmittag den lebendigen dreifaltigen Gott sucht, muss einen unverwüstlichen Glauben mitbringen. Dass dem Flaneur in einer der zahlreichen und ausnahmsweise geöffneten Kirchen Palmas der Vorbeter zum Rosenkranz nicht in der Kirchenbank sitzt, sondern als Tonbandstimme aus einem Lautsprecher kommt, fügt sich ins Bild einer Religion, die den Eindruck erweckt, von Europa Abschied zu nehmen.

Dabei stand das katholische Spanien einmal an der Front, als es nach fünfhundertjähriger Fremdherrschaft darum ging, das maurische Joch endlich abzuschütteln. Die erste neue Kirche der Stadt nach der wiedergewonnenen christlichen Freiheit im 13. Jahrhundert wurde – Zufall oder nicht – nur unweit der Börse gebaut und heißt heute Santa Cruz. Und von dort gibt es jetzt durchaus Erfreuliches zu berichten. Denn in dieser Heiligkreuzkirche wurde ein neuer katholischer Anfang gewagt. Zumindest was die deutsche Gemeinde Mallorcas angeht, die in der gotischen Kirche als Untermieter der Ortsgemeinde ihren Platz hat.

Initiator des Neuaufbruchs ist Hochwürden Peter Wehr. Nach mehr als vier Jahren als deutscher Auslandspfarrer in Konstantinopel ist der ehemalige Berliner Generalvikar im Sommer 2010 nach Mallorca gezogen. Genauer gesagt nach Palma, und dorthin hat er jetzt den Mittelpunkt der deutschen Gemeinde verpflanzt. Der befand sich nämlich seit den sechziger Jahren in S'Arenal. Mithin leider genau dort, wo sich nach der Explosion des Mallorcatourismus (1950 kamen jährlich noch 98 000 Inselbesucher, 1970 waren es schon 2,2 Millionen) eine Hotel- und Gastronomiewelt breitmachte, die uns alle unter dem Spitznamen „Ballermann“ sattsam bekannt ist. Zwar soll ein katholischer Priester nach wie vor dorthin gehen, wo die Sünder sind. Aber ob die Mission am „Ballermann“ mit einer inzwischen maroden und dringend für mindestens 800 000 Euro renovierungsbedürftigen Immobilie die richtige Klause für einen missionarischen Neubeginn gewesen wäre, ist doch eher fraglich.

In der Santa Cruz dagegen ist Pfarrer Wehr mitten in der architektonisch anmutigen Altstadt von Palma. Am 26. September hat er gemeinsam mit Don Jesús Murgui, dem Bischof von Mallorca, und unter reger Beteiligung von Inseldeutschen und Freunden aus Deutschland und der Türkei eine Heilige Messe gefeiert. Seitdem wird das Deutsche Hochamt sonntags um 12 Uhr in der baulich außerordentlichen Krypta von Santa Cruz gefeiert. Was schon deswegen einen besonderen Reiz hat, weil dies der ursprüngliche alte Teil von Santa Cruz ist, der im 13. Jahrhundert noch dem Heiligen Laurentius geweiht war. Mit dieser Rückkehr zum genius loci der Kirche ist – möglicherweise vom Heiligen Geist hilfreich und listig eingefädelt – hoffentlich auch ein christlicher Aufbruch der deutschen Gemeinde verbunden.