Kapelle für verwaiste Eltern

In der Pater Rupert Mayer-Bergkirche im bayerischen Obergrainet wird alljährlich Anfang Mai eine Gedenkmesse für verstorbene Kinder gefeiert. Von Sabine Ludwig

Ein Ort der Sehnsucht: die Pater Rupert Mayer-Kapelle in Obergrainet im Bayerischen Wald. Foto: Ludwig
Ein Ort der Sehnsucht: die Pater Rupert Mayer-Kapelle in Obergrainet im Bayerischen Wald. Foto: Ludwig

Ein schöner warmer Frühlingstag. Nur vereinzelt ziehen sich noch Schneefelder durch die sanften Hügel des Bayerischen Waldes. Elisabeth Bachsleitner wechselt das Altartuch und kümmert sich um die Blumen in der katholischen Pater Rupert Mayer-Kapelle in Obergrainet. Die letzte größere Andacht, die hier – ganz in der Nähe von Passau – gefeiert wurde, war die Bergweihnacht am Zweiten Weihnachtstag. Jetzt im Frühling soll das Kirchlein in neuem Glanz erstrahlen.

Elisabeth Bachsleitner ist seit 20 Jahren Erste Vorsitzende des Kapellenvereins. „Alles begann Mitte der 1980er Jahre mit einem Stammtischgespräch im familieneigenen Gasthaus Paster, dem heutigen Hotel Hüttenhof in Hobelsberg“, erinnert sich Bachsleitner. „Denn die Einwohner wollten eine Stätte zur Verehrung Gottes haben und so entstand die Idee, eine Bergkirche zu errichten.“ Die Gründung eines Kapellenvereins wurde in Betracht gezogen und die Einladung für die entsprechende Versammlung ging an alle Obergraineter Bürger. Einer von ihnen stellte sein Grundstück kostenlos zur Verfügung, und mit dem Bau der Kapelle konnte begonnen werden. Der Standort am Berg mit Aussicht bis zum Horizont begeisterte fürs Mitmachen. Zumal die Vereinsjahresgebühr damals nur zehn Mark betrug. Ein Geistlicher schlug vor, die Bergkirche doch dem Schutz des verstorbenen Paters Rupert Mayer anzuvertrauen.

Hinzu kam, dass wenig später, am 3. Mai 1987, genau dieser Priester von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen wurde. Zeitgleich hörten die Obergraineter im Bayerischen Rundfunk die aufgezeichnete Ansprache der verstorbenen Schwester Alverna, die einst den Münchener Haushalt von Pater Mayer bestellte und ihn bis zu seinem Tod im Jahr 1945 pflegte. Und eben diese Ordensschwester und gebürtige Bachsleitner stammte aus Obergrainet und war die Tante von Elisabeth Bachsleitners Ehemann. Dieser Zufall hatte letztendlich einen großen Einfluss auf den Namen der Kapelle.

Der Baubeginn erfolgte am 21. August 1987. Alle halfen zusammen und schon im September wurde Richtfest gefeiert. Ein Lichtbildervortrag im Gasthaus Paster zeigte das Leben von Rupert Mayer, und die Begeisterung unter den Helfern war groß, diesem Mann ihre Bergkapelle zu widmen. Am 21. August 1988, ein Jahr nach dem ersten Spatenstich, feierten die Gläubigen die Eröffnung der kleinen Steinkirche. Und letztes Jahr wurde bereits das 30-jährige Kapellenjubiläum mit einem würdigen Fest begangen.

Doch es gibt auch ein sehr dunkles Kapitel im Leben von Elisabeth Bachsleitner. Denn die Kapelle erinnert sie immer wieder an ihren verstorbenen Sohn. Der kleine Johannes wurde vier Monate nach der Einweihung geboren. Im Januar 1989 wurde er im Gotteshaus getauft. Später half er beim Rasenmähen und bei allen weiteren Arbeiten rund um die Kapelle begeistert mit. Seine beiden Schwestern unterstützten ihn dabei, und das Kapellchen wurde somit zur Familiensache. Der Sohn sollte schließlich als gelernter Anlagenmechanikermeister den elterlichen Handwerksbetrieb übernehmen. Und dann, vor sieben Jahren, veränderte sich das glückliche Familienleben. Johannes Bachsleitner starb mit nur 23 Jahren bei einem Arbeitsunfall. Die Familie war verzweifelt. Wie konnte diese Tragödie bewältigt werden? Während eines Gedenkgottesdienstes der Diözese Passau für verstorbene Kinder im darauf folgenden Advent erfuhr Elisabeth Bachsleitner von der Freyunger Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“ und schloss sich dieser an. Hier fand sie Trost und den Austausch mit anderen, um den schrecklichen Verlust zu verarbeiten. Bei den monatlichen Gruppenabenden ist Bachsleitner auch heute noch dabei.

Schließlich bot sie an, eine Andacht zu Ehren ihres und aller anderen verstorbenen Kinder ins Leben zu rufen. Und welche Kirche wäre besser geeignet als die Pater Rupert Mayer-Kapelle? „Schon damals wollte ich, dass sie hier oben gelesen wird. Wegen dem Bezug zu meinem Sohn.“ Die anderen betroffenen Eltern waren einverstanden. „Und so kam es, dass seit ein paar Jahren am ersten Dienstag im Mai ein Gedenken für unsere toten Kinder stattfindet.“ Damit ist Bachsleitners Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. „Während und nach der Andacht findet man Trost in der Gemeinschaft. Das tut gut“, sagt sie leise. Besonders nahe stehe ihr dabei die Mutter Gottes. „Hat sie nicht auch ihren Sohn verloren?“, fragt die 58-Jährige. „Damit haben wir beide eine Gemeinsamkeit.“

Immer noch und immer wieder erinnere sie die Bergkapelle an ihren Sohn. „In unserer Selbsthilfegruppe haben wir auch einen Krankenhausseelsorger und einen Diakon.“ Sie sind jedoch nicht selbst betroffen, sondern wollen Halt und Unterstützung geben. Kaplan Thomas Hochwimmer wird zusammen mit Diakon Hubert Frömel dieses Jahr am 7. Mai die Andacht zelebrieren. „Und da ist es gut, dass er uns als Gruppe kennt“, sagt die Erste Vorsitzende. „Auch Herr Frömel trat in die Gruppe ein, da er als Notfallseelsorger entsprechende Erfahrungen hat und diese auch gerne weitergibt.“

Bachsleitners Ehrenamt im Kapellenverein mit mittlerweile 105 Mitgliedern gibt ihr Kraft, das Leben zu meistern. Stolz ist sie, dass eine von den beiden Töchtern ihren Meister als Spenglerin gemacht hat und nun den elterlichen Betrieb weiterführen kann. Trotzdem ist die Zukunft ungewiss. „Wir suchen dringend ausgebildete Mitarbeiter, denn allein kann sie die viele Arbeit nicht umsetzen.“

Die dreifache Mutter blickt hinunter zum ehemaligen traditionsreichen Gasthaus Paster. Heute ist es das Vier-Sterne-Hotel Hüttenhof, das wesentlich zur Entstehungsgeschichte der Kapelle beitrug. Denn immer wieder versammelten sich hier die Mitglieder des Vereins, organisierten sich und schmiedeten Pläne.

Hotelchef Helmut Paster freut sich über den Besuch seiner Tante, wenn sie auf dem Weg hinunter ins Dorf ist. Neben der Bergweihnacht, dem jährlichen Jubiläumsgottesdienst am 21. August und der Andacht für verwaiste Eltern gibt es noch viele andere Gründe, hinauf zur Kapelle zu gehen und zu verweilen. Zahlreiche Eintragungen ins Gästebuch des kleinen Gotteshauses beweisen es. „Und für nur zehn Euro kann jeder seine eigene Messe lesen lassen“, ergänzt Bachsleitner. „Das Pfarramt in Grainet ist für die Anmeldung zuständig. Man muss sich nur auf das Datum einigen.“

Es gibt aber noch viel mehr Feierlichkeiten auf dem Berg: Beispielsweise standesamtliche Hochzeiten vor der Kapelle und kleine kirchliche Hochzeiten im Inneren mit maximal 25 Personen. Oder den Sterbe-Rosenkranz für die Toten. Auch wurden schon zahlreiche Kinder hier getauft. Passend zu allen Veranstaltungen kann der Aufenthalt im Hüttenhof gebucht werden. Denn da gibt es das richtige Ambiente, vor oder nach den Andachten und Messen noch ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Für ein Wochenende oder mehrere Tage. Ist ja doch fast alles Familiensache in Obergrainet, auch wenn der Zufall eine große und tragische Rolle gespielt hat.

 

Hintergrund

Pater Rupert Mayer wurde am 23. Januar 1876 in Stuttgart geboren. Am 2. Mai 1899 wurde er zum Priester geweiht. Während des Ersten Weltkrieges war er als Krankenpfleger im Einsatz. Er wurde verwundet, und ihm musste ein Bein amputiert werden. Danach wirkte Pater Rupert Mayer als Volksprediger und Beichtvater in der Residenz der Jesuiten, der St. Michaelskirche in München. Von 1933 an trat er gegen das nationalsozialistische Regime ein und bot diesem Widerstand. Von 1940 bis Kriegsende war er im Kloster Ettal „interniert“. Er ließ sich auch hier nicht von seiner christlichen Botschaft und seinem Dienst am Nächsten abbringen. Im Mai 1945 kehrte er nach München zurück, wo er am 1. November 1945 im Alter von 69 Jahren während einer Predigt einem Schlaganfall erlag. Am 3. Mai 1987 wurde er im Olympiastadion München durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.