Jenseits des Jordan

Das Haschemitische Königreich Jordanien kann nicht nur mit großartiger Natur, römischer Vergangenheit und Kreuzfahrerspuren aufwarten, das Königreich ist Heiliges Land. Von Johannes Zang

Papst in Jordanien - Besuch auf Berg Nebo
Ein biblischer Ort ist der über 800 Meter hohe Berg Nebo. Im Jahr 2009 war auch Papst Benedikt XVI. in Jordanien zu Besuch und zeigte sich am Fuß des riesigen Metallkreuzes. Foto: dpa

Bitte bussen Sie ein!“, ruft Khaled. Bereits am zweiten Reisetag hat der jordanische Reiseleiter die Herzen der deutschen Pilger erobert – auch wegen seines Humors und der Wortschöpfungen, die manchen auch nach dem zehnten Mal noch schmunzeln lassen. Einige knipsen ein letztes Mal den so genannten jordanischen Grand Canyon, andere genießen schweigend die grandiose Aussicht, wieder andere betrachten das, was die Wüstensöhne vom „Bedouin Lidl“ feilbieten: darunter Teppiche und Wandbehänge. Nun bewegt sich die 30-köpfige Gruppe aus dem Raum Passau von diesem Parkplatz-Einkaufs-Aussichtspunkt zum Bus. Khaled muss die Uhr im Auge behalten: Vor dem Bezug des nächsten Hotels in Wadi Mousa, dem Städtchen neben der UNESCO-Welterbestätte Petra stehen noch vier bis fünf Stunden Busfahrt über die uralte Königs- und später die autobahnähnliche Wüstenstraße.

Jordanien kann nicht nur mit großartiger Natur, Nabatäer-Erbe, römischer Vergangenheit und Kreuzfahrerspuren aufwarten, das Königreich ist Heiliges Land. Die nach archäologischen Befunden authentische Taufstelle Jesu – Bethanien – liegt auf der Ostseite des Jordanflüsschens in Jordanien. Dort sind dank großzügiger Landzuteilung des jordanischen Königs Abdullah II. 15 Kirchen entstanden. „Dass so etwas möglich ist in einem islamisch geprägten Land, ist nicht selbstverständlich“, meint Heilig-Land-Kenner Dr. Georg Röwekamp. Er, der den Deutschen Verein vom Heiligen Land in Jerusalem vertritt, erklärt weiter: „Der jordanische König und seine Familie haben es sich ganz bewusst zur Aufgabe gemacht, die christliche Präsenz in ihrem Land zu stärken und den christlich-islamischen Dialog zu fördern.“

Ein weiterer biblischer Ort ist der über 800 Meter hohe Berg Nebo. Dort erhebt sich zu Ehren des Propheten Moses eine nagelneue Kirche über circa 1 500 Jahre alten Mosaiken und früheren Kirchenbauten; in dieser feierte vor wenigen Stunden die Passauer Gruppe heilige Messe – nach Voranmeldung durch die Reiseagentur. An der einzigen heiligen Stätte, die die Kustodie der Franziskaner im Königreich Jordanien besitzt, soll ein Exerzitien- und Bildungshaus entstehen, zum Wohl und zur Nutzung der einheimischen jordanischen Christen.

Deren Zahl ist unbekannt. Während der zweiminütige Youtube-Film We are Jordanian Christians sechs und Wikipedia vier Prozent angibt, beziffert das kürzlich veröffentlichte SympathieMagazin „Jordanien verstehen“ den Christenanteil auf zwei Prozent unter den zehn Millionen Einwohnern. Mehrheitlich gehören die „Massihiin” (arab. für Messianer) der griechisch-orthodoxen Kirche an; daneben bekennen sich Christen zur römisch-katholischen, griechisch-katholisch-melkitischen, syrisch-orthodoxen, koptisch-orthodoxen, armenisch-orthodoxen oder zu einer protestantischen Kirche.

Zum Besitz der griechisch-orthodoxen Kirche gehört die Georgskirche von Madaba, die mit der ältesten original erhaltenen Landkarte der Welt zu Recht in keinem Reiseprogramm fehlt. Bis heute herrscht Uneinigkeit über die Absicht hinter dem nur hälftig erhaltenen Fußbodenmosaik aus dem sechsten Jahrhundert, das neben heilsgeschichtlich bedeutenden Orten Tiere, mythologische Gestalten und Blumen zeigt: War die Karte in West-Ost-Ausrichtung eine Orientierungshilfe für Pilger? Stellt das griechisch beschriftete Mosaik Moses' Vision des Gelobten Landes dar? Oder beabsichtigten die Auftraggeber, die spirituelle Erfahrung der Gottesdienstbesucher zu verstärken? Zu sehen sind auf den noch erhaltenen etwa 1,1 Millionen Steinchen biblische und andere Orte, darunter das Nildelta, der Berg Sinai, Joppe/Jaffa, der Jakobsbrunnen in Sichem/Nablus, der Jordanfluss, mit Waren beladene Schiffe auf dem Toten Meer und Bethlehem. Herzstück des Mosaiks ist jedoch Jerusalem mit seiner Stadtmauer, seinen Toren, Kirchen und der Prachtstraße Cardo Maximus. Diese Hauptstraße aus römisch-byzantinischer Zeit führte vom nördlichen Tor, dem heutigen Damaskustor, nach Süden.

Ein weiterer heilsgeschichtlich bedeutsamer Ort ist die Herodesburg Machaerus, auf der laut Überlieferung Johannes, der Täufer enthauptet wurde. Doch das Königreich, etwa so groß wie Österreich, bietet viele weitere Facetten: Wandern und Klettern in der Sandsteinwüste Wadi Rum und – nur eine Autostunde weiter südlich – Schnorcheln und Tauchen im Roten Meer bei Aqaba. Für Petra, eines der neuen sieben Weltwunder, braucht man wenigstens einen vollen Tag. Die weitläufige Nabatäerstadt mit der Schlucht Siq, dem Schatzhaus des Pharao, Theater und Felsengräbern kann man per pedes, auf Esel- oder Kamelrücken oder in der Kutsche erkunden.

Neben siebentägigen Jordanienreisen bieten Reiseveranstalter auch Kombitouren inklusive Israel und Palästina an. Eine solche – vier Tage in Jordanien, die restliche Zeit auf der anderen Seite des Jordans – hat die Gruppe aus dem Bistum Passau gebucht. Sie hat sich dabei gegen antike Städte Um Qais (Gadara) und Jerash (Gerasa) entschieden, um Zeit zu haben für Begegnungen: mit Studenten an der American University of Madaba oder mit Beduinen im Wadi Rum, Teetrinken, Kamelreiten und beduinische Weisheit inklusive: „Geduld und Humor sind wie zwei Kamele, die einen durch jede Wüste tragen.“ Mit mehr Zeit im Gepäck hätte man außerdem eine christliche Sozialeinrichtung in Salt oder eine Schule in Amman besuchen und dadurch die Verbundenheit im Glauben zum Ausdruck bringen können.

Nun sind die Niederbayern ihren letzten Abend im Königreich. Nach dem Schnorcheln im Roten Meer – mit Mondschwanz-Lippfisch, Arabischem Kaiserfisch, Seegurken sowie Anemonen – haben sie den Vorabendgottesdienst in der katholischen Kirche Stella Maris mitgefeiert; die Dynamik des jungen Geistlichen sowie der hohe Anteil an Kindern und Jugendlichen haben sie begeistert. Reiseteilnehmerin Christine ist derart von Jordanien überwältigt, dass sie am liebsten noch einige Tage bleiben würde. „Ich will eigentlich gar nicht weiterreisen“, gesteht sie. Reisepfarrer Max Pinzl i.R. aus Simbach am Inn hat erst auf den letzten fünf seiner 18 Heilig-Land-Reisen den Schatz der Begegnung mit Einheimischen entdeckt und bekennt: „Die toten Steine sind schon interessant, aber die lebenden Steine, also die Menschen, haben mich am meisten beeindruckt.“

Das Reisen im Königreich ist völlig unbedenklich, auch wenn es innenpolitisch rumort: Wiederholt demonstrierten Jordanier für soziale Gerechtigkeit, mehr Mitsprache und Transparenz und gegen Sparmaßnahmen der Regierung. Im vergangenen Juni gingen Zehntausende auf die Straßen, blockierten Hauptstraßen, entzündeten Autoreifen. Wie könnte es mit Jordanien weitergehen? Dietlind von Laßberg, Vorstand des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung e.V., das „Jordanien verstehen“ herausgibt, prophezeit: „Für Jordaniens Zukunft wird viel davon abhängen, inwieweit das Königshaus bereit ist, (…) echte wirtschaftliche und politische Reformen zuzulassen.“

Reiseführer Khaled, einer von etwa 120 deutschsprachigen jordanischen Reiseleitern, wünscht sich, dass die Passauer wiederkommen, um weitere Stätten wie Kerak, die Wüstenschlösser oder Um er-Rasas zu besichtigen. Auch er hat magere Jahre gesehen: Mit Beginn des Arabischen Frühlings brach der Tourismus, der gut zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht, um 50 bis 60 Prozent ein. Seit 2017 erholt er sich gottlob. Im letzten Jahr waren viele Hotels in Wadi Mousa erstmals seit Jahren wieder ausgebucht. Und Khaled war's auch.

www.jerusalam.info