Jaisalmer, nordöstliche Wüstenstadt Indiens

Der zehnjährige Samir kickt gerne – und muss für die Familie rackern

Geschafft! Der zehnjährige Samir erreicht den Ball als Erster und steuert ihn sicher nach vorne. Seine schwarzen Locken wehen durch die immer noch warme Luft, das weiße, ausgebeulte T-Shirt klebt an seinem schmalen Oberkörper. Mit letzter Kraft schießt er das runde Leder zwischen die beiden Holzblöcke, die das Tor markieren. Heute Nacht hat er seiner Mannschaft den Sieg gebracht!

In der Dunkelheit mag er sein Jaisalmer, die nordöstliche Wüstenstadt Indiens, am liebsten. Der gelbe Sandstein, aus dem hier alle Böden und Gebäude bestehen, spiegelt das Licht des Mondes und der wenigen Laternen blassgolden wieder. Die schweren Holztore sind jetzt verschlossen, die Fensterläden zugezogen. Zauberhafte Stille, die nur durch das Lachen und die wetteifernden Rufe der Kinder unterbrochen wird. Nichts erinnert hier an die Gegenwart. Ein Bild, das sich auch den Menschen zur glanzvollen Zeit der Mogulkaiser geboten haben mag.

Die Sprachen zerfließen zu einem Stimmengewirr

Jaisalmer liegt in der Wüste Thar, etwa 280 Kilometer von der nächstgrößeren Stadt Jodhpur entfernt. Im Mittelalter galt sie wegen ihrer günstigen Lage zu den Kamelrouten als eines der wichtigsten Handelszentren Indiens. Von dem einstigen Reichtum der „goldenen Stadt“ zeugt noch heute die berühmte Sandstein-Festung aus dem 12. Jahrhundert, etwa 2 000 Menschen leben darin.

Ist die Sonne aufgegangen, hat sich die besinnliche Stimmung bereits gewandelt: Samir schaut aus dem Fenster seines Elternhauses auf die lange Gasse, in der Verkäufer lauthals aus Holz gefertigte Instrumente, duftende Gewürze oder Hüte aus Kamelleder anpreisen. Dazwischen leuchten immer wieder gelbe, rote oder grüne Gewänder auf. Die unterschiedlichen Sprachen zerfließen zu einem einzigen, bunten Stimmengewirr. Gleich wird auch er in die dichte Menge eintauchen und dabei kleine, mit Tee gefüllte Gläser auf einem Tablett balancieren. „Chai!“ ruft er immer wieder, „Chai!“. Die wenigen indischen Rupien, die die Touristen dafür zahlen, steckt er in die Tasche seiner blauen Pumphose. Trotz der Hitze würde er jetzt viel lieber Fußball spielen. Aber seine Familie braucht das Geld.

Der einstige Reichtum der Stadt ist vergangen, das wird am Tag besonders deutlich: Das grelle Licht entlarvt den maroden Charme der Gebäude, zeigt, dass kein Geld da ist, um der verblassenden Schönheit einen neuen Anstrich zu verleihen. Die Rohre der Kanalisation sind so brüchig, dass das Wasser ins Erdreich sickert. In einigen Jahren, fürchten Experten, wird das Fort deshalb zusammenfallen – und damit der Tourismus, die Haupteinnahmequelle der Bewohner, versiegen. Aber darüber, was die Zukunft bringt, redet hier niemand. Es geht vor allem darum, sich jetzt über Wasser zu halten. Und das spüren auch die Besucher. Kurz vor der Stadtmauer gibt es eine ganze Reihe von Anbietern, die ihre Wüstentouren auf großen, grellen Plakaten so aufdringlich feilbieten, dass die romantische Kulisse für einen Moment zu einem Rummelplatz zu verkommen scheint. Aber sobald die Sonne untergeht, ist das vergessen. Das warme, bernsteinfarbene Licht schmeichelt der Stadt und ihren Bewohnern – die Verkäufer haben nun Feierabend, der gemütliche Teil des Tages beginnt.

Der kleine Junge hilft dreimal die Woche im Restaurant

Samir sieht den Sonnenuntergang von der Dachterrasse des Restaurants aus, in dem er drei Abende in der Woche hilft. Die Luft ist immer noch angenehm warm und erfüllt vom würzigen Duft köstlicher Gemüse-Currys und aromatischem Basmati-Reis mit Rosinen und Cashewnüssen. Samir versucht ein europäisches Pärchen mit seinem wenigen, indisch gefärbten Englisch zu überzeugen, dass die Gerichte nicht zu scharf seien. Wenn er lächelt blitzen seine Zähne weiß hervor, so dunkel sind seine Haare und die sonnengebräunte Haut. Er trägt ein Fußballtrikot, auf dessen Rücken „Ballack“ steht. Als er merkt, dass seine Gäste aus Deutschland kommen, zeigt er auf sein Trikot, hebt den Daumen und strahlt. Nur noch wenige Stunden, dann steht er wieder auf dem Spielfeld.