Israel und seine Pilger

Pater Franz von Sales von der Gemeinschaft der Seligpreisungen berichtet über seine Erfahrungen. Er ist Hausoberer in Emmaus Nicopolis. Von Oliver Maksan

Auf den Spuren Jesu und seiner Apostel: Der See Genezareth auf der Höhe des einstigen Fischerdorfs Karphanaum. Foto: aho
Auf den Spuren Jesu und seiner Apostel: Der See Genezareth auf der Höhe des einstigen Fischerdorfs Karphanaum. Foto: aho
Angesichts von Gewalt und Zusammenstößen zwischen Israelis und Palästinensern: Wie sicher ist eine Reise in das Heilige Land?

Auf diese Frage kann man keine absolute Antwort geben, die alle Ängste und Vorbehalte mit einem Mal in alle Winde zerstreut. Garantien kann man ebenfalls nicht geben. Es ist wichtig, wenn man eine Reise ins Heilige Land plant, dies im Vertrauen zu tun wie bei jeder Reise, und sich dann gegebenenfalls vorher etwas genauer zu erkundigen, wie denn die politische Lage hier ist. Das Problem mit Israel ist das folgende: Die Medien berichten in der Regel nur einseitig – wenn leider wieder einmal eine Gewaltwelle das Heilige Land überzieht. Dazu kommt ein Mangel von Differenzierung in den Medien, wenn ein Problem auftaucht: Wo es ist, was genau passiert und wer betroffen ist. Das war der Fall zum Beispiel mit den Messerattacken. Diese sind nun gänzlich verschwunden, und da es im Moment keine größeren als die üblichen Probleme gibt, hört man in den Medien fast nichts mehr über Israel. Allerdings ist in den Köpfen der Leute ein ganz negatives Bild über Israel eingepflanzt worden. Jemand, der sich entscheidet, eine Wallfahrt zu machen, bekommt sicher so manchen dummen Spruch zu hören oder ist mit ganz tiefen Ängsten der Angehörigen konfrontiert. Bisher sind auch meines Wissens noch nie bewusst oder direkt Pilgergruppen von Terror und Gewalt betroffen gewesen. Selbst in ganz dunklen Zeiten wie während der zweiten Intifada haben die Bischöfe immer dazu eingeladen, ins Heilige Land zu kommen, um den Bewohnern Mut und Solidarität zu zeigen, denn viele Menschen leben hier ja vom Tourismus und Pilgerbetrieb.

Warum sollte man nach Israel reisen? Ist Christus als Auferstandener nicht überall?

Christus ist auferstanden und lebendig. In unserer Zeit sind viele Menschen entwurzelt oder haben keine konkrete Wurzel mehr in ihrer Identität. Eine Pilgerreise bringt uns zu den Wurzeln: der Menschwerdung Christi, dieses unbeschreibliche Konkretwerden Gottes in diesem großen Geheimnis: Orte, Zeiten und auch ein konkretes, nämlich das jüdische Volk. Ein weiterer Punkt ist die Begegnung mit den Wurzeln unseres Glaubens, der Offenbarung Gottes im Alten Testament und an das Volk Israel. Zuletzt die dritte Wurzel ist dann die Entdeckung der verschiedenen Kirchen und Riten, also eine lebendige Erfahrung mit dem Ursprung des Christentums einerseits und in der Begegnung mit anderen Pilgern die Erfahrung der Weltkirche andererseits. Die Bewegung zu wallfahren gibt es ja in den meisten Religionen und zeigt einfach die menschliche Sehnsucht, sich auf den Weg zu machen, Gott zu suchen, ihm zu begegnen oder sich auch in konkreten Anliegen auf den Weg zu machen. Eine Wallfahrt ins Heilige Land bringt oft einen neuen Glaubenselan, ein neues Glaubensverständnis und eine neue Liebe zur Bibel als Frucht. Es ist keine normale Fahrt, und das Heilige Land Israel fasziniert und spricht viele ganz tief an; das ist vielleicht auch ein Geheimnis, und auch etwas, was auf dem Spiel steht.

Wie wichtig sind für Pilger Begegnungen mit der Ortskirche des Heiligen Landes?

Israel ist ja nun weder ein Museumsland mit nur alten Steinen oder ein Land mit nur einem politischen Problem. Begegnungen mit der Ortskirche, einer Gemeinde, einer Institution oder gar einem Bischof sind immer sehr segensreich bei einer Wallfahrt. Ich finde es aber auch genauso wichtig, irgendeine Begegnung mit dem Judentum beziehungsweise Israel zu haben. Und da spreche ich nicht von dem obligatorischen Besuch an der Klagemauer, sondern eine wirkliche Begegnung. Es ist immer schade, wenn eine Wallfahrt zu einseitig ist, was Begegnungen anbelangt, nur eine der vielen „Welten“ hier angestreift wird. Und es ist wichtig, sich auch zu sagen, dass jeder seine Wahrheit und seine Lebenserfahrung hier im Land hat, aber keiner alle Wahrheit. Unterschiede sind bereichernd, besonders wenn man hier in einem relativ kleinen Land gleich so viele Verschiedenheiten hat. Man muss sich nur darauf einlassen und manches auch mal einfach so stehenlassen, ohne alles gleich zu lösen, zu erklären oder urteilen zu wollen. Das Heilige Land Israel ist nun einmal sehr kompliziert, wie es auch sehr bereichernd ist. Und alles, was man als Probleme und Konflikte hier zu erkennen meint, kann man ja auch bewusster mit ins Gebet nehmen, oder auch ein Projekt konkret unterstützen, zum Beispiel die Patenschaft eines Schuljahres für ein Kind.

Welcher Ort spricht Sie im Heiligen Land besonders an?

Die Verkündigungsgrotte in Nazareth ist für mich ein sehr wichtiger Ort, wo ich gerne verweile und bete, wenn ich auf Wallfahrt bin. Und ich muss auch sagen, dass ich grundsätzlich immer gerne wieder an alle anderen Orte komme und dort bete; irgendwie ist es immer wieder neu und erhebend, wie eine Quelle, an der man schöpfen kann und auch unseren Glauben und die Bibel immer wieder konkret und lebendig werden lassen kann.

Sie betreuen das Heiligtum von Emmaus Nicopolis. Mehrere Orte erheben den Anspruch, das historische Emmaus der Bibel zu sein. Welches ist es nun?

Das ist eine kleine Fangfrage oder? Es gibt gleich drei Orte, die sich auf Emmaus beziehen: Emmaus Qubeibe der Franziskaner, Emmaus Abu Gosh der Kreuzfahrer und Emmaus Nicopolis. Emmaus Nicopolis ist das byzantinische Emmaus, das ältere und von den Kirchenvätern lokalisierte, aber auch das, welches am weitesten von Jerusalem entfernt ist, etwa 30 km. Das Wichtige ist heute, dass man an einem der drei Orte das Evangelium mit der Emmausgeschichte liest, vertieft und sich durch den jeweiligen Ort inspirieren lässt. Man kann hier wunderbar eine Pilgerfahrt anfangen oder beenden durch die spezielle Botschaft von Emmaus. Natürlich bin ich persönlich ein Anhänger von dem Emmaus, wo ich lebe, aber nach 2 000 Jahren Geschichte mit Zerstörung und Wiederaufbau hier im Land ist es auch normal, dass mehrere Orte den Emmausanspruch erheben.

Welche geistliche Bedeutung hat Emmaus für Sie?

Sie haben mich nach dem Ort gefragt, der mich besonders anspricht; das Evangelium, das mich besonders anspricht, ist die Emmausgeschichte im Lukasevangelium. Sie ist so tiefgehend und lichtvoll. Man kann sich darin so wunderbar wiederfinden, da es sich ja um einen Weg handelt, um Begegnung, um Miteinander den Weg gehen und um tiefe Erfahrung in der Eucharistie. Und der Text sagt uns auch, dass man erst einmal so sein darf, wie man ist, und alles so Jesus sagen kann, wie man es verstanden hat und was einen bewegt.

Emmaus ist auch ein idealer Ort, eine Pilgerfahrt anzufangen, oder in der Mitte einen Halt zu machen oder zu beenden, und dies nicht nur durch die Nähe zum Flughafen. Alles wird darin noch einmal erwähnt: Jesus erklärte ihnen die Schrift ausgehend von Moses und den Propheten, und ihre Herzen brannten. Das ist doch ein tolles Ideal für einen Pilgerweg im Heiligen Land Israel. Zudem ist es ganz ergreifend, nicht irgendwo in Israel zu leben, sondern an einem heiligen Ort. Es ist für uns so, dass wir uns durch die Gnade des Ortes getragen wissen.