Ins Rollen kommen

Über die urwüchsige Halbinsel Höri, vorbei am schweizerischen Stein am Rhein und zum Radolfzeller Münster: Eine Radtour um den "kleinen Bodensee" wartet mit zahlreichen Kirchen und Klöstern auf. Von Annette Frühauf

Insel Werd
Auch zur Insel Werd lohnt sich ein Abstecher, wenn man die 80 Kilometer um den Untersee zurücklegt. Foto: Fotos: Frühauf

Jetzt ist es auf dem Bodensee Radweg noch ruhig. Nebeneinander her radelnd erfreuen die Blüten am Wegesrand – Bäume und Sträucher erwachen, es duftet süßlich. Radolfzell, Tor zur Halbinsel Höri, ist ein guter Ausgangspunkt der Tour, die mit dem offiziellen Bodensee-Radweg-Logo ausgeschildert ist – ein Radler mit blauem Hinterrad. Der Kirchturm des Münsters „Unserer Lieben Frau“, prägt das Stadtbild und ist gleichzeitig mit 82 Metern der höchste am See. Die Basilika aus der Spätgotik beheimatet die Kreuzigungsgruppe mit den Figuren Christus am Kreuz, Muttergottes und Jünger Johannes. Ein Werk des Bildhauers Hans Schenck, der im 16. Jahrhundert in der Region gewirkt hat.

Ein Tipp für den Sommer: Immer am dritten Sonntag im Juli findet hier das Hausherrenfest statt. Höhepunkt ist die Mooser Wasserprozession – mit Blumenkränzen geschmückte Boote kommen frühmorgens über den See. Danach wird im Münster die Messe gefeiert, an die sich die beeindruckende Prozession mit den kostbaren Reliquien der drei Hausherren Theopont, Senesius und Zeno anschließt.

Über eine Allee geht es auf die Halbinsel – direkt auf den grünen Rücken des Schienerbergs zu, der die Halbinsel um 400 Meter „erhöht“. Einen herrlichen Blick über den Untersee, die Reichenau und bis nach Konstanz, und sogar über die Alpen, bietet sich vom kleinen Friedhof hinter der St. Johann Kirche in Horn. Sie gehörte zum großen Hof des Konstanzer Bischofs Johann Franz von Stauffenberg. Der Schriftsteller Hans Leip hat hier seine letzte Ruhestätte gefunden, zu Lebzeiten erlangte er mit dem Lied „Lilli Marleen“ Weltruhm. Mit dem Ohrwurm aus dem Zweiten Weltkrieg im Kopf geht es vorbei an Wiesen und Feldern. Geruhsam ist sie, die Höre, und beschaulich sind die vorbeiziehenden Orte – so wie Gaienhofen und Hemmenhofen, einst Heimat von Schriftstellern und Künstlern wie Hermann Hesse und Otto Dix.

Am Seeufer raschelt das Schilfgras im Wind, das Gezwitscher der Vögel ist ständiger Begleiter. Gerade sind die Wildgänse auf dem Durchflug gen Norden. Mit etwas Glück begegnet einem auch der ein oder andere Storch – im nahegelegenen Böhringen kümmert sich Storchenvater Wolfgang Schäfle um 37 Paare, die dort nisten und längst zum Wahrzeichen der kleinen Gemeinde geworden sind. Auch auf der Barockkirche St. Nikolaus mit ihrem charakteristischen Zwiebelturm nisten die schwarz-weißen Segensbringer, im Christentum immer schon als Glücksboten wertgeschätzt.

In Wangen steht das hölzerne „Fischerhaus“. Das Archäologische Museum entführt in die früheren Kulturen des 5. bis 1. Jahrtausends vor Christus. Die Pfahlbauten gehören zu den ältesten am Bodensee, tief verborgen im Moor und unter Wasser sind sie Teil des UNESCO Weltkulturerbes. Es geht leicht bergauf – ein Kirchturm schiebt sich hinter der Kuppe hervor: Er gehört zur Petruskirche. Wegen ihrer berühmten Dixfenster wird sie in fast jedem Reiseführer erwähnt. Die großflächigen Malereien mit Erzählungen des Apostels Petrus sind eines der größten Werke des Malers, der sich im Dritten Reich von Dresden an den Bodensee zurückzog und 1969 in Singen starb.

Abwärts geht es nach Kattenhorn, vorbei an schmucken Fachwerkhäusern und mediterranen Gärten. Zwischen dem satten Grün schimmert der See türkis bis graublau. Den begehrten Seeblick bietet die Blasius-Kapelle aus dem 16. Jahrhundert. Im kleinen, schlichten Kirchlein ist es still. Hektik und Stress bleiben draußen. Kurz vor der Grenze in die Schweiz führt ein kleiner Pfad zum See – eine Möglichkeit, am Ufer zu rasten, zu grillen und den Blick auf Stein am Rhein zu genießen. Hier fließt das Wasser des Sees in den Rhein und strömt kraftvoll auf den gleichnamigen Wasserfall zu. Über allem thront die Festung Hohenklingen mit burgeigener Kapelle. Über die Rheinbrücke geht es auf die andere Flussseite, auf direktem Weg zum Kloster Werd.

Die kleine Blasiuskapelle, erbaut im 16. Jahrhundert.
Zwischen sattem Grün versteckt sich die kleine Blasiuskapelle, erbaut im 16. Jahrhundert. Foto: Annette Frühauf

Ein schmaler Holzsteg verbindet das Weltliche mit dem Geistlichen, der zwei Hektar großen Klosterinsel. Ihre frühesten Spuren reichen bis ins Zeitalter der Pfahlbauten zurück. Im 8. Jahrhundert war das Eiland Gefängnis und Verbannungsort von Abt Otmar, dem Gründer des Klosters St. Gallen. Er fiel einer Intrige zum Opfer und musste sein letztes Lebensjahr 759 auf Werd verbringen. 200 Jahre später entstand auf seiner ursprünglichen Grabstätte die Kapelle zum Heiligen Otmar, heute die wohl kleinste Wallfahrtsstätte der Bodensee-Region. Seit 1957 kümmern sich Mönche des Franziskanerordens um den heiligen Ort, der Ruhe und Kraft ausstrahlt.

Jetzt windet sich der Radweg ein Stück den Berg hinauf – eingebettet von Reben und Spalierobstbäumen verläuft er mal links, mal rechts an der Nahverkehrsbahnlinie des Seehas entlang, die auch müde Radler befördert. Ab März verkehren die Fährboote der Bodensee-Schifffahrt. Abkürzungen sind dann über den See nach Konstanz oder auf die Insel Reichenau möglich. Oberhalb von Steckborn, versteckt zwischen Wiesen und Wäldern, liegt der Gasthof Jochental mit herrlicher Aussicht auf den Untersee und die gegenüberliegende Höri. In der durchsichtigen Kunststoffblase des Bubble Hotels in Mannenbach schläft es sich wie unter Sternen. Der Kanton Thurgau wirbt mit diesen außergewöhnlichen Übernachtungsmöglichkeiten.

Bei Sturmwarnung blinken die Scheinwerfer der Häfen orange – das Zeichen für die Kitesurfer, aufs Wasser zu gehen. Sie flitzen vom Schweizer Ufer aus über den See. Gottlieben am Seerhein, kurz vor Konstanz, ist mit rund 300 Einwohnern das kleinste Dorf am Untersee – herrschaftliche Riegelbauten und die Gottlieber Hüppen, feinste Konditorkunst aus Schokolade, gehören ebenso zum Schweizer Erbe wie die Fachwerkarchitektur des Ortes.

Wer am Ortsausgang, auf Höhe der Wasserburg den Bodensee-Radweg verlässt und der Beschilderung nach Konstanz folgt, kommt durch das Wollmatinger Ried, das bedeutendste Naturreservat am deutschen Bodenseeufer. Gelbe Schlüsselblumen und weiße Buschwindröschen säumen den schmalen Pfad. Die Konstanzer Innenstadt liegt rechts vom Radweg, der von hier wenig spektakulär parallel der Bahnlinie bis zur Insel Reichenau verläuft. Wer das Flair der Universitätsstadt spüren möchte, sollte eine Übernachtung einplanen oder zumindest auf einen Kaffee im Schloss Seeheim vorbeischauen, das am ruhigen Teil der Seepromenade liegt. Noch im vergangenen Jahr liefen die Veranstaltungen anlässlich 600 Jahre Konstanzer Konzil, die sich im Abschlussjahr dem europäischen Kulturaustausch widmeten.

Auf die Reichenau führt eine 1 300 Meter lange Pappelallee. Die Klosterinsel zählt seit 2000 ebenfalls zum UNESCO Weltkulturerbe – Zeugnis einer reichen religiösen und kulturellen Vergangenheit. Die guterhaltenen Kirchen spiegeln die klösterliche Architektur vom 9. bis 11. Jahrhundert wider, die das Bild der Insel bis heute prägt. Von der Werkgalerie Hochwart, in exponierter Höhenlage, lässt sich die ganze Insel überblicken. Wer keinen separaten Tag zur Erkundung der Insel hat, kann sich hier noch einmal für die letzte Etappe stärken.

Im benachbarten Allensbach wohnt die Schriftstellerin Gaby Hauptmann. Ab und zu sitzt sie sicherlich auf einer der Bänke in den grünen Uferanlagen, den Blick aufs Wasser und die Insel Reichenau gerichtet. Der Radlertag geht zu Ende – noch zehn Kilometer bis Radolfzell. Zurück auf dem Marktplatz stimmen die neun Glocken des Münsters ihr abendliches Geläut an.