„Ins Land der Franken fahren“

Von Fürstbischöfen, Wanderbischöfen und Winzerheiligen: Eine kunst-, kultur- und zeitgeschichtliche Reise von Würzburg nach Bamberg

„Wohlauf, die Luft geht frisch und rein, wer lange sitzt, muss rosten; den allerschönsten Sonnenschein lässt uns der Herrgott kosten. Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid der fahrenden Scholaren, ich will zur schönen Sommerzeit ins Land der Franken fahren!“ Im Sommer 1859 schrieb Joseph Victor von Scheffel diese Zeilen für das Frankenlied, das nicht nur als literarisches Zeugnis der Wanderlust des 19. Jahrhunderts zu sehen ist, sondern heute noch als inoffizielle Hymne der Region Franken gilt. Scheffel hielt sich damals mehrere Wochen im ehemaligen Benediktinerkloster Banz auf und bereiste begeistert die fränkischen Lande.

Reliquien der Frankenapostel wurden zum Anziehungspunkt

Und so heißt es weiter bei ihm: „Bald hebt sich auch das Herbsten an, die Kelter harrt des Weines; der Winzer Schutzherr Kilian beschert uns etwas Feines.“ Doch hier irrte sich der gebürtige Karlsruher, da der heilige Kilian Patron des Bistums Würzburg, ja sogar Patron aller Franken, doch eben kein Winzerheiliger ist. Als der „Winzer Schutzherr“ gilt der heilige Urban, der mit der Weintraube in der Hand in vielen fränkischen Dörfern und Kirchen zu finden ist. Der Wanderbischof Kilian war einer der vielen iroschottischen Missionare, die im 7. Jahrhundert die christliche Botschaft verbreiteten. Franken war damals Teil des östlichen Merowinger-Reiches und wurde im Auftrag der Frankenkönige von Amtsher-zögen verwaltet, die ihren Sitz in Würzburg hatten.

Einer von ihnen, Herzog Gosbert, ließ sich von Kilian, der um 686 mit seinen beiden Begleitern Kolonat und Totnan in die Gegend von „Wirziburc“ kam, bekehren und taufen. Da Kilian allerdings vehement die Trennung des Herzogs von der Frau seines verstorbenen Bruders forderte, ließ sie ihn und seine Gefährten 689 ermorden und der Legende nach im Pferdestall des herzoglichen Hofes verscharren. Jahre später gründete der heilige Bonifatius 741/742 das Bistum Würzburg, das zur kirchlichen Betreuung Ostfrankens diente. Als ersten Bischof bestimmte er seinen Weggefährten, den angelsächsischen Benediktinermönch Burkard, der die Suche nach den Gebeinen der Frankenapostel veranlasste und sie 752 heben ließ. Die Reliquien wurden in der Folgezeit zum Anziehungspunkt im noch jungen Bistum und der rasch anwachsenden Stadt. 788 erwies Karl der Große dem Patron des Bistums mit seiner Anwesenheit bei der erneuten Translation in den gerade fertiggestellten Dombau die Verehrung.

Die Reliquien der Frankenapostel ruhen heute in dem von Heinrich Bücker zum 1 300-jährigen Kilians-Jubiläum 1989 geschaffenen Kilians-Schrein in der Gruft der Neumünsterkirche. In der sogenannten Kiliani-Oktav, den Tagen der Wallfahrt rund um das Hochfest der Frankenapostel am 8. Juli, wird der Reliquienschrein in einer feierlichen Prozession durch die Stadt getragen. Auch die 46 Kirchen im Bistum Würzburg, die dem heiligen Kilian geweiht sind, weisen auf die besondere Wertschätzung des Glaubensboten hin.

Der Würzburger Kiliansdom ist neben den rheinischen Kaiserdomen Speyer, Worms und Mainz der viertgrößte romanische Kirchenbau Deutschlands und beeindruckt durch eine stattliche Reihe von Bischofsgrabmälern, darunter das von Tilman Riemenschneider geschaffene Grabdenkmal für den mehr als 90-jährigen Fürstbischof Rudolf von Scherenberg. Noch heute berührt der Blick in das ausgemergelte und durchgeistigte Antlitz des greisen Fürstbischofs, der nicht nur die Finanzen des vom Ruin bedrohten Bistums ordnete, sondern in seiner fast 30-jährigen Tätigkeit auch für eine moderne Verwaltung und für das Wohlergehen der Bevölkerung sorgte. In seine Zeit fällt auch die Errichtung der steinernen Mainbrücke, deren Bau durch eine von Kaiser Friedrich III. zugestandene Weinsteuer finanziert wurde. Ihr charakteristisches Erscheinungsbild erhielt die Brücke allerdings erst im 18. Jahrhundert mit den zwölf barocken Heiligenfiguren, unter denen der heilige Kilian mit seinen Begleitern nicht fehlen darf. Ein wunderbarer Blick bietet sich von der Brücke über die umliegenden Weinberge und auf die hoch über der Stadt thronende Festung Marienberg, die den Fürstbischöfen seit dem 13. Jahrhundert als Wohnort und wehrhaftes Zeichen ihrer Macht diente.

Bereits 1168, anlässlich einer der zahlreichen Hof- und Reichstage in Würzburg, war ihnen vom staufischen Kaiser Friedrich Barbarossa die Herzogswürde verliehen worden. Jahrhunderte später ließ Fürstbischof Carl Philipp von Greiffenclau im Kaisersaal der Würzburger Residenz diesen politischen Anspruch durch den venezianischen Maler Giovanni Battista Tiepolo bildlich dokumentieren. Die fürstbischöfliche Residenz, im 18. Jahrhundert nach den Plänen von Balthasar Neumann erbaut, war eines der ehrgeizigsten Projekte der nach eigenem Bekunden von „Bauwurmb“ befallenen Würzburger Bischöfe aus dem Hause Schönborn, die sich mit großem finanziellen Aufwand den Wunsch einer repräsentativen und zeitgemäßen barocken Stadtresidenz erfüllten.

Bedingt durch Kriegsschäden musste die Residenz, die 1981 als drittes deutsches Bauwerk zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde, nach 1945 teilweise wieder aufgebaut werden, doch blieb ihr Prunkstück, das gewaltige Treppenhaus mit den Deckenfresken von Tiepolo, erhalten. Ein Meisterwerk fränkischer Restauratoren war die Wiederherstellung des kostbaren Spiegelkabinetts, die 1987 abgeschlossen wurde. Unter der barocken Residenz erstrecken sich die weitläufigen und imposanten Kellergewölbe der ehemaligen fürstbischöflichen Hofkellerei, wo noch heute manch guter Tropfen lagert.

Mit der Christianisierung Frankens begann auch die Geschichte des fränkischen Weinbaus. Zuerst waren es Benediktinermönche, die an den Ufern zwischen Main und Saale Weinreben anpflanzten: Für das Jahr 777 ist der Weinbau für Hammelburg, zwei Jahre später für Würzburg urkundlich überliefert. Seit dem frühen 18. Jahrhundert stand und steht der Bocksbeutel für den Frankenwein. 1728 beschloss der Würzburger Stadtrat, die besten Weine des Bürgerspitals aus der Lage „Würzburger Stein“, um Handelsmissbrauch auszuschließen, in Bocksbeutel zu füllen. Das Bürgerspital zum Hl. Geist blickt auf eine fast 700-jährige Geschichte zurück und gehört neben dem Juliusspital, das Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn 1576 gründete, und der Staatlichen Hofkellerei zu den großen Würzburger Traditionsweingütern. Schon Johann Wolfgang von Goethe wusste den Frankenwein zu schätzen und schrieb 1806 an seine Frau Christiane: „Sende mir noch einige Würzburger, denn kein anderer Wein will mir schmecken und ich bin verdrießlich, wenn mir mein gewohnter Lieblingstrank abgeht“.

Wein, Kunst und Glaube verbinden sich auf das Trefflichste in der auf einer kleinen Anhöhe mitten in den Weinbergen bei Vol- kach liegenden Wallfahrtskirche „Maria im Weingarten“, deren größter Schatz die Rosenkranz-Madonna von Tilman Riemenschneider ist. Sie gehört zu den letzten Werken des Bildschnitzers aus Würzburg, der nach seiner Verstrickung im Bauernkrieg 1525 keine größeren Aufträge mehr erhielt. Seinen Spuren folgend führt der Weg durch das Frankenland nach Bamberg, das der spätere Kaiser Heinrich II. schon in jungen Jahren zu seinem Lieblingsaufenthalt wählte und seiner Frau Kunigunde als Morgengabe schenkte.

Schon bald nach der Erhebung Bambergs zum Bistum im Jahre 1007 wurde die neue Bischofskirche eingeweiht, in der die beiden Stifter ihre letzte Ruhestätte fanden. Erst Riemenschneider war es vergönnt, dem frommen Herrscherpaar ein würdiges Hochgrab zu schaffen. Während der Kaiser schon bald nach seinem Tod verehrt wurde, setzten die Bestrebungen für eine Heiligsprechung Kunigundes erst Ende des 12. Jahrhunderts ein. Ihre schöne barocke Statue auf der Unteren Brücke und die immer im Frühling am Kunigundentag in Bamberg gebackenen „Kunigundenringe“ weisen auf die große Verehrung der Heiligen in der tausendjährigen Bischofsstadt hin.

Clemens II. – einziger nördlich der Alpen beigesetzter Papst

Wie rasch Bamberg nach der Bistumsgründung an Bedeutung gewann, zeigt sich auch daran, dass der zweite Bischof Suitger 1046 als Clemens II. zum Papst gewählt wurde. Er liebte Bamberg und nannte die Stadt zärtlich seine „Braut und Taube“. Seinem Wunsch gemäß wurde er im Bamberger Dom beigesetzt, er ist der einzige nördlich der Alpen begrabene Papst. Das weitaus bekannteste Kunstwerk im Dom ist aber der sogenannte Bamberger Reiter, der zu den Meisterleistungen der deutschen Bildhauerkunst des 13. Jahrhunderts gehört und um dessen Identität noch immer hitzige Diskussionen geführt werden. Der Bamberger Dom gehört zu den großen Kaiser- und Reichsdomen des Mittelalters und bildet mit den ihn umgebenden Bauten der Alten Hofhaltung, der Neuen Residenz und der historischen Domherrenhöfe ein einmaliges kirchlich geprägtes Bauensemble.

Aber das „fränkische Rom“ bietet mit dem ehemaligen Benediktinerkloster St. Michael noch einen weiteren bedeutenden Kirchenbau. Über 570 naturgetreu dargestellte Kräuter und Pflanzen schmücken die Gewölbeflächen der barocken Kirche, darunter so exotische Gewächse wie Ananas, Baumwolle, Granatapfel oder Tabak. Neben diesem Herbarium aus dem 17. Jahrhundert stellt auch das begehbare Grab des Bischofs Otto von Bamberg, der als „Apostel der Pommern“ verehrt wird, eine Besonderheit dar. Die Erhebung der Gebeine am 30. September 1189 war Anlass für das noch heute in Bamberg gefeierte Ottofest.

In der historischen Klosterbrauerei befindet sich das Fränkische Brauereimuseum, das an die alte Bierbrauer-Tradition der Stadt erinnert. Schon für das Jahr 1093 ist der erste Bierausschank in Bamberg urkundlich belegt und es war jener Bischof Otto, der den Benediktinern auf dem Michaelsberg das Braurecht verlieh. Neun traditionsreiche Privatbrauereien sind noch in Bamberg ansässig und sorgen so für eine einzigartige Biervielfalt. Eine besondere Spezialität ist dabei das Bamberger Rauchbier, das besonders gut im „Schlenkerla“, einer historischen Brauereigaststätte in der romantischen Bamberger Altstadt mundet.

Die bedeutendste Wallfahrt in Franken führt in den „Gottesgarten am Obermain“ zu den Vierzehn Nothelfern, die im 15. Jahrhundert dem jungen Klosterschäfer Hermann Leicht erschienen waren. Der zunehmende Pilgerstrom veranlasste 1735 den Bamberger Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn, dem Abt des nahen Zisterzienserklosters Langheim, Stephan Mösinger, die Erlaubnis für den Bau einer neuen, großzügigen Wallfahrtskirche zu geben. Die Basilika Vierzehnheiligen ist einer der schönsten und prunkvollsten Sakralbauten des fränkischen Barock und gilt als geniales Meisterwerk des Baumeisters Balthasar Neumann.

Aus der Ferne grüßt das imposante, über dem Maintal liegende Benediktinerkloster Banz, das heute von der Hanns-Seidel-Stiftung genutzt wird. Als Victor von Scheffel im Sommer 1859 hier als Gast weilte, gehörte das Anwesen den Nachkommen von Herzog Wilhelm in Bayern, der das ehemalige Kloster nach der Säkularisation 1813 erworben und als Sommerresidenz genutzt hatte. Beim Blick über das weite Land kommen Scheffels Zeilen wieder in Erinnerung: „...ich will zur schönen Sommerzeit ins Land der Franken fahren“.