In den Weiten zwischen Alt und Neu

Auf den Spuren katholischen Lebens im Nordwesten der USA, wo Familien mit deutschen Wurzeln das Land, in dem der Mississippi entspringt, prägten. Von Rocco Thiede

Viel Glas gibt es auch in der Skyline von Minneapolis zu sehen. Foto: Thiede
Viel Glas gibt es auch in der Skyline von Minneapolis zu sehen. Foto: Thiede

„Kiss a dog for 1 Dollar“ – „Küss' einen Hund für einen Dollar“ steht an einer roten Box in Sichtweite der Basilika von Minneapolis. Und tatsächlich befindet sich ein noch junger, nur wenige Wochen alter Welpe in der Box, die auf einem Tisch steht. „Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sieht und erlebt man Dinge, an die man vorher nicht im Traum dachte“, sagt eine Frau aus Frankfurt dazu lakonisch und schüttelt den Kopf. Dennoch zückt sie ihren Fotoapparat, als ein junger Mann gerade einen Dollar zahlt und sich zu dem Hündchen hinunterbeugt. „Das muss ich fotografieren, sonst glaubt es mir keiner zu Hause in Deutschland“, sagt sie.

Es ist ein krasser Gegensatz, den die Besucher aus der Bundesrepublik an diesem Sonntag in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota erleben. Soeben waren sie noch in der Heiligen Messe in der „Basilica of Saint Mary“. Es ist die „Erste Basilika der Vereinigten Staaten“, wie auf einem großen Schild vor der Kirche zu lesen ist. Ihren Titel erhielt sie 1926 vom damaligen Papst Pius XI. Das Gotteshaus im Neoklassizismus mit seinem großen Innenraum erinnert an spanische Kirchen. Im vorigen Jahr wurde es 100 Jahre alt. Als die Gottesdienstbesucher auf der gegenüberliegenden Straßenseite ankommen, ist die andächtige Stimmung schnell verflogen. Denn an diesem Sonntag dominieren nicht die feierlich gekleideten Sonntagsbesucher die umliegenden Straßen der Marienkirche von Downtown Minneapolis, sondern Regenbogenfahnen, bunte Luftballons sowie Männer und Frauen in schrägen Verkleidungen. Unter dem Stichwort „Pride“ haben sich tausende Homosexuelle zu einem Festival verabredet. Es gibt neben vielen Infoständen, Hamburger- und Hotdogwagen sowie Musikbühnen ein Bierzelt und Diskussionsforen. Auch die kleine rote Hundebox ist Teil der inszenierten Veranstaltung.

Viel ruhiger ist es zur selben Zeit um die Kathedrale in Saint Paul, wo der Erzbischof der Diözese seinen Sitz hat. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn derzeit ist der Stuhl des Erzbischofs verwaist. Papst Franziskus nahm erst kürzlich den Rücktritt von John Nienstedt an. Dieser ungewöhnliche Schritt passierte vor dem Hintergrund ungeklärter Vorfälle von sexuellem Missbrauch im Erzbistum Saint Paul und Minneapolis und damit einhergehender finanzieller Entschädigungsforderungen in Millionenhöhe, die es an den Rand der Zahlungsfähigkeit und in einen Insolvenzprozess führte. Aber bis auf eine „Deadline Notice“ an einer Tafel im Kellergeschoss, dass sich Betroffene bis Anfang August melden können, wenn sie Ansprüche in dieser Sache gelten machen wollen, sieht und merkt der normale Tourist von diesen schlimmen Vorgängen nichts.

Minneapolis und Saint Paul werden auch als Twin-Cities, als Zwillingsstädte bezeichnet, weil man gar nicht bemerkt, wenn man von der einen in die andere Stadt kommt, so dicht liegen sie beieinander. Nur der Mississippi – der im nördlichen Minnesota seine Quelle im Lake Itasca hat – trennt sie. Die Architekturen und Kunstwerke im Inneren der beiden großen katholischen Kirchen „Basilica of Saint Mary“ und der Kathedrale sind durchaus sehenswert und erinnern in Struktur und Gliederung stark an europäische Vorbilder. So findet man zum Beispiel in der Kathedrale eine originalgetreue Kopie von Michelangelos Pieta aus der Peterskirche in Rom.

Die Gotteshäuser vereinigen aber auch viele Erinnerungen an die Herkunft der sich hier versammelnden und betenden Christen. Neben polnischen, italienischen, irischen oder nordeuropäischen Familien kamen vor allem viele Deutsche im 19. Jahrhundert nach Minnesota. In der Kathedrale von Saint Paul manifestiert sich diese Vielfalt der Völker einerseits in 33 verschiedenen Arten von Marmor aus elf Ländern und vier Kontinenten, andererseits in den „Shrines oft the Nations“ von 1928. Hier werden in kleinen Kapellen rund um den Chor sechs Heilige verehrt, die symbolisch für die Immigranten stehen, die einst Minnesota besiedelten. Neben dem Heiligen Antonius von Padua für die Italiener findet sich beispielsweise Saint Patrick für die Iren, die Heiligen Kyrill und Method stehen stellvertretend für alle Polen, Tschechen und anderen slawischen Völker. Für alle deutschen Einwanderer findet man den Heiligen Bonifatius, den Missionar der Germanen hinten rechts.

Doch nicht nur in der Twin-Hauptstadt des Bundesstaates Minnesota stößt man immer wieder auf Hinweise der deutschen Auswandererkultur, sondern auch in vielen kleineren Orten, deren Gründung und erste Besiedlung in einer Zeit begann, als das Deutsche Reich sich unter Kaiser Wilhelm I. bereits aufmachte, aus einem zersplitterten Fürstenland ein vereinigtes deutsches Kaiserreich zu bilden. In der 1913 geweihten St. Peters Kirche im gut 45 Minuten von Minneapolis entfernten Delano beeindrucken nicht nur die wunderschönen, farbigen Glasfenster. Ihre Stifter haben fast alle deutsche Wurzeln, wie die deutschen Namen wie Mückenhirn oder Meyer vermuten lassen.

Ohne die Hilfe deutscher Einwanderer, in diesem Fall von Benediktinermönchen aus Bayern, hätte es vermutlich auch nicht die Gründung der Abtei in Collegeville 1856 gegeben. Ein Ausflug in die gut eineinhalb Autostunden von Minneapolis entfernte „Saint John's Abbey“ lohnt schon wegen der vom Bauhausarchitekten Marcel Breuer in den 50er Jahren entworfenen modernen Kirche mit ihrem ungewöhnlichen vor dem Gotteshaus stehenden Glockenturm, der sich „Bell Banner“ nennt. Für Architekturkritiker ist das Ensemble bis heute das bedeutendste Werk der modernen religiösen Architektur in den USA.

Doch noch eine zweite Attraktion von künstlerisch-religiösem Weltrang erwartet die Touristen und Gläubigen in der ebenfalls von Breuer entworfenen „Alcuin Library“ auf dem Gelände der Abtei in deren Nachbarschaft sich das weitläufige Gelände des „College of Saint Benedict“ befindet, wo jährlich einige Tausend junge Menschen studieren. In der Bibliothek mit ihren über 500 000 Büchern ist „The Saint John?s Bible“ ausgestellt, die erste handgeschriebene und illustrierte Monumentalbibel seit Erfindung des Buchdrucks vor über 500 Jahren. Auf Schautafeln, in Vitrinen und in einem kurzen Video kann der Besucher bei freiem Eintritt viel über die Entstehungsgeschichte dieses einmaligen Werkes erfahren. „Alle 73 Bücher des Alten sowie das vollständige Neue Testament entstanden zwischen 1995 und 2011 auf über 1 150 Seiten in einem Skriptorium in Wales auf alte traditionelle Art – geschrieben mit Tinte und Federn von Schwänen und Truthähnen. Verwendet wurden kostbare Materialien wie Leder, Gold, Silber oder Platin und die Umsetzung erfolgte von einem Team von Schreibern, sechs bildenden Künstlern und mit Beratung von Theologen“, erklärt Linda, eine leitende Angestellte der Bibliothek, die für die finanzielle Absicherung des „einen mittleren Millionen-Betrages teuren Werkes“ zuständig war. Dank Linda erfährt der Besucher auch Details zum ausgeklügelten Bildprogramm, das die Künstler in abstrakten oder auch sehr realistischen Bildern umsetzten. „Hier zum Beispiel ein Jesus in Bluejeans und weinrotem T-Shirt“, zeigt sie auf eine der Abbildungen, „sehr ungewöhnlich“. Von der Bibel wurden 290 Faksimiles angefertigt. „Eine dieser Ausgaben haben wir dem Papst in Rom geschenkt.“ Es ist ein wertvolles Präsent gewesen, wenn man bedenkt, dass diese hochwertigen Kopien pro Exemplar 145 000 Dollar kosteten. „Aber wenn der Papst Franziskus das Original sehen möchte, dann muss er schon zu uns in die Abtei und Bibliothek nach Minnesota kommen“, sagt Linda zum Abschied mit einem Augenzwinkern.

Zurück in Delano eine Pause in „Daves Restaurant“ – mit einen „German Burger mit Sauerkraut“ für sechs Dollar und 35 Cent. „Zehr guth“ steht auf der Speisekarte in etwas gewöhnungsbedürftiger deutscher Sprache. Dazu gibt es ein „Root Beer“. Auch der Genuss dieses Getränks bedarf einiger Umstellungen unsrer Geschmacksnerven. „Das süße, braune alkoholfreie „Beer“ hat den Namen des nach deutschem Reinheitsgebot gebrauten Gerstensaftes überhaupt nicht verdient“, meint Leonora, die als Gastschülerin für ein Jahr in den USA lebt. Und auch ihr Vater, der zu Besuch ist und das Getränk nicht kannte, glaubte beim ersten Genuss eher den Geschmack von Kinderzahnpasta auf der Zunge zu spüren.

Besonders ist auch das TV-Programm in Minnesota und den USA. Es gibt nicht nur unendlich viele Sender, sondern Spezialkanäle für alle möglichen Sportarten, so für Golf, Bullriding, Wrestling, Tennis, Baseball, Basketball oder Boxen. Ein großer Teil dieser Sportarten wird auch von den Kindern und Erwachsenen in ihrer Freizeit praktiziert. Es dürfte wohl keinen Schuljungen in Minnesota geben, der noch nie Baseball gespielt hat. „Und selbst Golf gehört hier zum Schulsport“, erzählt die Austauschschülerin Leonora. In ihrer Freizeit gehen die Minnesotans im Sommer gern in einem ihrer tausend Seen baden.

„Minnesota – the Land of 10 000 Lakes“, das Land der 10 000 Seen, ist auf fast jedem Autoschild zu lesen. Die Seen sind ein Markenzeichen des fünf Millionen Einwohner zählenden 32. US-Bundesstaates mit seinen 225 000 Quadratkilometern Fläche, was etwa Zweidrittel der Größe der Bundesrepublik Deutschland entspricht. Zu den besonderen Erlebnissen gehört deshalb auch eine Bootsfahrt – zum Beispiel auf dem Lake Minnetonka. Von dort kann man die Villen vieler Reicher und Vermögender sehen, die sich gern hier im Sommer aufhalten. Die Winter hingegen sind lang und streng. Reichlich Schnee und Minus 40 Grad sind keine Seltenheit. Dafür gehen viele Familien Eisangeln mit besonderen Wohnmobilen, die auf ihrem Boden Luken haben, so dass man das Fahrzeug zum Fischen nicht extra verlassen muss, sondern im Trocken sitzt, wenn es auf den zugefrorenen Seen steht. Im Frühling und Herbst hingegen „gehört für mich und meine Freunde die Jagd zum größten aller Hobbies. Ich habe schon den einen oder anderen Elch geschossen“, sagt Adam stolz, „mit Pfeil und Bogen“. Adam ist passionierter Jäger und hat in seinem Haus viele Trophäen und in seinem Tresor in der Garage auch mehr als 25 schussbereite Gewehre.

Doch auch Kunst- und Kulturfreunde kommen in Minneapolis auf ihre Kosten. Im größten Kunstmuseum von Minnesota fehlt kaum ein berühmter Künstler von Weltrang. Bei kostenlosem Eintritt sind dort Ikonen der Weltkunst zu bestaunen von der Kunst des Mittelalters über die Kunst der indianischen Ureinwohner bis hin zu Van Gogh, Picasso, Matisse oder den deutschen Expressionisten. Sehenswert ist aber auch der Skulpturen-Garten ganz in der Nähe der Basilika neben dem Walker Art Center mit zeitgenössischer Kunst. Wer sich für die Ureinwohner, die Indianer, und ihre Stämme der Sioux und Dakota interessiert, findet viel Wissenswertes in den Häusern der „Minnesota Historical Society“, wie zum Beispiel im Fort Snelling, das in den frühen 1820 Jahren gegründet wurde, um den Handel der Weißen zu schützen. Auch die Schattenseiten dieser Zeit, wie Sklaverei, kriegerische Konflikte zwischen Weißen und den Indianern sowie deren Vertreibung aus ihren ursprünglichen Stammesgebieten werden hier nicht verschwiegen.

Wer shoppen möchte, kommt in der berühmten „Mall of Amerika“ unweit des Flughafens von Minneapolis/St. Paul nicht zu kurz. Es ist die größte Mall der Vereinigten Staaten. Weil hier die Kleidung tax free, also für alle steuerfrei angeboten wird, was neben der Steuerfreiheit bei Lebensmitteln zu den Besonderheiten im Steuersystem von Minnesota gehört, kommen viele Amerikaner, aber auch gern die Touristen aus aller Welt hierher.

Evelyn und Fred sind beide im Ruhestand. Ihre Familien kamen vor über 150 Jahren aus dem Nordwesten Deutschlands als Siedler nach Minnesota. „Als Kinder sprachen wir die ersten Jahre zu Hause nur Deutsch. Leider schafften wir es nicht, diese Tradition an unsere eigenen Söhne und Töchter sowie die Enkel weiterzureichen“, bedauert Evelyn in einem für unsere Ohren etwas altertümlichen Dialekt. Evelyn und Fred Vogel scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen. Als Kinder von Farmern mussten sie früh in der Landwirtschaft mithelfen. Sie hatten beide sieben, acht Geschwister und gingen bis auf Samstag jeden Tag in die Heilige Messe. Was sie nicht nachvollziehen können, sind die neuen Entwicklungen in ihrem Land betreffs der „same-sex marriage“, die Legalisierung der Homo-„Ehe“, durch die Entscheidung des US-Supremecourts, dass in den USA eine Ehe zwischen Mann und Mann und Frau und Frau nun in allen US-Bundesstaaten zulässig ist. Die öffentlichen Diskussionen um die Homo-„Ehe“ wurden so in den USA erneut befeuert. Was die GLBT-Community frenetisch feiert, stößt bei Katholiken wie Fred und Evelyn auf totales Unverständnis. „Wo soll das alles noch hinführen? Bald fallen alle Grenzen“, sagt Evelyn und ergänzt unter dem lauten, zustimmenden Lachen ihres Mannes, „demnächst können Menschen vielleicht sogar ihren Hund heiraten.“ Sie küssten ihn ja schon.