Chichicastenango/Guatemala

Glaube zwischen Brennnesseln

Symbiose aus Christenglauben und Mayakult: Im Hochland von Guatemala lassen sich gelebte Glaubensfreude und sakrale Kunst aus der spanischen Kolonialzeit betrachten.

riedhof von Chichicastenango
Ungewöhnlicher Anblick: Kreuze, Sarkophage und stattliche Mausoleen leuchten in Anstrichen aus Orange und Zitronengelb auf dem Friedhof von Chichicastenango. Foto: Drouve

Es brennt. Rauch steigt vor der Kapelle Calvario auf. Die Straßenhunde, die ein paar Schritte weiter auf der Kirchentreppe in den Tagesbeginn hinein dösen, lässt das kalt. Und auch für die Einwohner von Chichicastenango ist das, was da am Morgen dampft und knistert, normal. Manuel Batzibal Morales hat den kleinen Flammen- und Glutteppich unter Kontrolle und befeuert buchstäblich den Glauben.

„Ich habe unserem Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde und des Lebens, gedankt und ihn um Schutz gebeten.“

Er ist Mayapriester und nimmt, wie so oft, sein Ritual vor. Genauer: ein Ritual für Auftraggeber, die ihn nach festen Sätzen dafür bezahlen. Das können Menschen wie du und ich sein, lokale Geschäftsleute wie Metzger und Tuk-Tuk-Fahrer, sogar Touristen. Der 56-Jährige gibt Räuchergaben ins Feuer, Pinienharze, getrocknete Pinienrindenstückchen. Einmal wirft er eine komplette Kerzenpackung hinein und stochert mit einem Stab in den Funken herum. Seine Fingernägel sind rußgeschwärzt.

Gewissenhaft murmelt er Gebetsformeln auf Quiché, eine von 21 erhaltenen Mayasprachen in Guatemala. „Ich habe unserem Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde und des Lebens, gedankt und ihn um Schutz gebeten“, erklärt Batzibal Morales nach Abschluss sein dreiviertelstündiges Zeremoniell. Dabei hat er auch Schnaps ins Feuer gekippt.

Verschmelzung von Christentum und traditioneller Weltanschauung der Maya

 

Die Kleinstadt Chichicastenango, im westlichen Hochland gelegen, steht wie kaum eine andere für die Verschmelzung von Christentum und traditioneller Weltanschauung der Maya. Das setzt sich in Sichtweite zur Kapelle Calvario noch intensiver im und um den sakralen Hauptbau fort: die Kirche Santo Tomás, von den spanischen Kolonialmachthabern 1540 auf einer Anhöhe über einem zerstörten Mayatempel erbaut.

Die achtzehn Stufen hinauf stehen für die Zahl der Monate im Mayakalender. Und vor dem Hauptzugang schwenken häufig Mayapriester und -priesterinnen Blechdosen voller Räuchermittel. Daneben finden sich Gläubige ein, die inmitten der Schwaden niederknien, die Hände zum Gebet falten, die Augen schließen. Junge Männer sind ebenso vertreten wie Indiofrauen in ihren typisch bunten Röcken. Es herrscht eine andächtige Stimmung.

Rauchempfindlich darf auch drinnen niemand sein. Der umherwabernde Qualm vermischt sich mit wahren Flammenmeeren aus Kerzen. Die Aura ist mystisch. Viele Gläubige und Büßer legen in der Mitte den Weg zum Altar auf Knien zurück. Vorne, an der Abtrennung, halten sie inne, stimmen gedämpfte Sprechgesänge auf Quiché an.

Vierzehn Bruderschaften als religiös-sozialer Kitt

In Stille treten Menschen mit Einkaufstaschen und Rucksäckchen ein, ganze Familien, Mütter mit ihren Babytragetüchern, sogar Kinder allein, die einfach mal zwischendurch Trost und Halt suchen. Oder Blumen niederlegen; im Unterbereich der Zugangstreppe warten Blumenhändlerinnen unter Sonnenschirmen auf Kundschaft. Dass Menschen, die so wenig haben, ihr spärliches Geld für Blumen oder Kerzenopfer ausgeben, rührt an.

Pompös ausgestaltet ist die einschiffige, ungewöhnlich langgestreckte Kirche Santo Tomás nicht. Und sie wirkt, sieht man von den allgegenwärtigen Kerzen ab, etwas düster. Retabel und Holzbalkendecke sind dunkel. Umso stärker erhellt die gelebte Freude des Glaubens dieses Haus Gottes.

Der Zungenbrecher Chichicastenango bedeutet übersetzt „Ort zwischen Brennnesseln“, abgeleitet von der mit Nesselhaaren besetzten Chichicaste-Pflanze; diese wurde in alter Zeit von den Maya bei Bestrafungen eingesetzt. Das heutige Städtchen ist nicht nur 30 000 Einwohner, sondern auch vierzehn Bruderschaften stark. Sie sind der religiös-soziale Kitt, der Zusammenhalt schafft. Bei Feierlichkeiten und gewöhnlich sonntags morgens vor der Messe in Santo Tomás setzen sich Prozessionen der Bruderschaften in Bewegung.

Freundliche Neugier auf Auswärtige

Auf einem anderen Blatt steht der städtische Besuchermagnet Nummer eins. Zweimal pro Woche, donnerstags und sonntags, lockt der riesige Indiomarkt Massen aus nah und fern an. Dann platzt das Landstädtchen aus allen Nähten. Außerhalb der Markttage geht es authentischer zu, aber ebenfalls geschäftig. Stände mit tropischen Früchten wie Papayas und Mangos finden sich ebenso wie Kunsthandwerk, darunter Webarbeiten und Masken.

In die Alltagsbilder mischen sich Ladeflächen von Lieferwagen, die als umfunktionierte Kleiderwühltheken dienen. Und bei Auslagen von Second-hand-Gütern stehen Puppen und bergeweise Schuhe zur Wahl, Handys, antiquierte Telefone und Videokassetten, Töpfe, Plüschtiere, Portemonnaies, Hammer, Sägen, Spachtel. Irgendwo ruft ein Verkäufer von Kopfhörern und Fernbedienungen lauthals seine Ware aus. Ein Eismann macht mit bimmelndem Glöckchen auf sich aufmerksam. Überall sind die Menschen sagenhaft freundlich, verknüpft mit einem Schuss Neugier. „Von wo besuchen Sie uns?“ – Diese Frage bekommt man als Auswärtiger mehr als einmal zu hören.

Schillerndes Farbenparadies als Botschaft des Trostes

Das Stadtleben verläuft in bescheidenen Bahnen, das Zentrum ist überschaubar. Etwas außerhalb führt der Weg auf den Friedhof, ein selten gesehenes Kuriosum. Der Gottesacker breitet sich mit einer Fülle bunter Bauten aus Stein und Beton über einen Hügelkamm und gereicht einer Open-Air-Kunstgalerie zur Ehre. Kreuze, Sarkophage und stattliche Mausoleen leuchten in Anstrichen aus Orange und Zitronengelb, aus Hellgrün, Weinrot, Himmelblau, Rosa, Türkis. Ein schillerndes Farbenparadies, das auf seltsame Weise eine Botschaft des Trostes auszustrahlen scheint und die Angst vor dem irdischen Ende nimmt.

Der kleine Zentralbau des Friedhofs ist ebenso Szenario von Zeremonien von Mayapriestern und -priesterinnen wie der nahe Berg Pascual Abaj. Dort hinauf führt ein einsamer Pfad, der unterwegs zwischen Kiefernzweigen hindurch den Blick auf das kleine Häusermeer von Chichicastenango erlaubt. Oben gibt es mehrere Zeremonialstätten mit angekokelten Steinen und Kreuzen.

Spirituelle Arbeit einfach „als Geschenk“

Der Abendbummel führt in der City über schmale Gehsteige, an Garküchen, Frisörstuben und Fleischerläden entlang – und zur Erkenntnis, wie ungerecht ein pauschaler Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amtes ist. „Guatemala verzeichnet eine hohe Kriminalitätsrate“, heißt es dort auf der Homepage zu einem Land, in dem etwa die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebt. Doch Armut ist nicht gleichbedeutend mit Kriminalität! In Chichicastenango darf man sich (wie sonst vielerorts im Land) auch bei Dunkelheit sicher fühlen wie in Abrahams Schoß. Das bestätigen alle Einheimischen, egal, wen man fragt.

Irgendwann bringt der Weg automatisch zurück zu den Sakralbauten. Santo Tomás hat mittlerweile geschlossen, nur der Zutritt zum kleinen Kreuzgang des nebenan liegenden Dominikanerklosters steht offen. Dort, so besagt eine Überlieferung, wurde einst die älteste Version des heiligen Mayabuches „Popol Vuh“ aufgefunden.

Die Front der leuchthellen Kapelle Calvario ist angestrahlt, die Glut des Rituals davor lange verglimmt. Ins Gedächtnis gebrannt bleibt das, was Manuel Batzibal Morales am Morgen gesagt hatte. Dass ihm die Fähigkeit für seine spirituelle Arbeit einfach „als Geschenk“ gegeben worden sei. Und dass er sich bei persönlichen Bitten in Bescheidenheit und Gottvertrauen zurücknimmt. „Einmal im Monat“, das reiche für seine Familie und sich, so der Mayapriester.

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