Philadelphia

Franz Daniel Pastorius: Schöne neue Welt

Der fränkische Lutheraner Franz Daniel Pastorius gründete auf dem Boden des heutigen Philadelphia zusammen mit 13 Quäker-Familien die erste deutsche Siedlung in der Neuen Welt. An die Quäker erinnert dort heute nur noch ein Denkmal.

PHILADELPHIA, Buildings of Germantown district. Germantown was the birthplace of the American antislavery movement, the site of a Revolutionary War battle. Low light vivid image.
Germantown, ein Stadtteil des heutigen Philadelphia, war nicht nur der Ort, an dem die ersten deutschen Siedler eine Kolonie gründeten – er war auch die Wiege der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei. Foto: fotolia.de

Im Jahre 1915, als in Europa bereits der Erste Weltkrieg tobte und das Bild der Deutschen in der westlichen Welt begann, sich einzutrüben, erbaute man in den USA erstmals ein großes Denkmal für die Leistungen der deutschen Siedler. Das Denkmal entstand im Vernon Park in Germantown, einem Stadtteil des heutigen Philadelphia. An jenem Ort im US-Bundesstaat Pennsylvania gründeten deutsche Auswanderer im Jahre 1683 erstmals eine eigene Siedlung. Gewidmet war das Denkmal Franz Daniel Pastorius (1651-1719). Er hatte die Siedlung ausgesucht und die aus Krefeld stammenden ersten Siedler in Empfang genommen.

Hoffnung auf ein freies Leben

Das Auswandererschiff „Concord“, sozusagen die deutsche „Mayflower“, war am 6. Oktober 1683 in Philadelphia angekommen. 33 Personen aus insgesamt zwölf Familien hatten die Überfahrt gewagt. Als die Concord landete, war der Gründer der Kolonie Pennsylvania, William Penn, bereits zur Stelle, um die neuen Kolonisten zu begrüßen. Und auch Franz Daniel Pastorius war zugegen und half den Neuankömmlingen, sich in diesem neuen Land niederzulassen. Die Krefelder Kolonisten waren ursprünglich niederländischsprachige Quäker, die seit 1607 in Krefeld eine neue Heimat gefunden hatten, weil diese Stadt als besonders liberal galt. Sie wollten sich in Germantown selbst regieren: in einem eigenen kleinen Land, in dem sie ohne Angst auf Deutsch beten konnten.

William Penn, ein englischer Aristokrat, hatte bereits 1677 Krefeld besucht. Viele religiöse Separatisten ließen sich damals von ihm taufen. Die Krefelder Quäker, oder Freunde, wie sie sich selbst nannten, wollten weder den kirchlichen noch weltlichen Autoritäten der Stadt gehorchen. Sie versprachen sich in Amerika mehr Religionsfreiheit. Pastorius war bereits am 20. August 1683 nach Philadelphia gekommen. Am Tag nach seiner Ankunft hatte er Penn, den Gouverneur und Namensgeber des neuen Staates, getroffen. Zusammen suchten sie den Standort der deutschen Siedlung aus, etwa 15 Kilometer von Philadelphia entfernt. Viele der 13 Familien verbrachten ihren ersten Winter in der Neuen Welt in hastig gebauten Hütten und Höhlen am Ufer des Delaware-Flusses.

Die heutige Millionenstadt Philadelphia, die erste Hauptstadt der englischen Siedler in der Neuen Welt, bestand damals aus etwa 80 Häusern, die sich im dichten Wald entlang von Flüssen und Bächen zusammengekauert hatten. Ein Indianerpfad war die einzige Landverbindung der neuen deutschen Siedlung mit der größeren Welt von Philadelphia. Bis 1683 waren 50 Schiffe mit deutschen Auswanderern in Philadelphia gelandet. Schon sechs Jahre später hatten sie es geschafft, Germantown in eine blühende kleine Gemeinde mit 44 Familien zu verwandeln.

Von der Juristerei zum radikalen Pietismus

Der herausragende Pionier dieser deutschen Quäkerkolonie war Franz Daniel Pastorius. Im bayerischen Sommerhausen als einziges Kind einer lutherischen Juristenfamilie geboren, studierte er bereits als Kind die Klassiker in Latein. Neben seiner deutschen Muttersprache lernte er auch fließend Italienisch, Französisch, Niederländisch, Englisch, Spanisch und Griechisch in Wort und Schrift. An mehreren Fakultäten in Europa studierte er Rechtswissenschaften, darunter Altdorf, Straßburg, Basel und Jena.

Die juristische Arbeit behagte ihm jedoch nicht, und auf eine Empfehlung seines Superintendenten wechselte er 1679 von Bayern nach Frankfurt am Main. Dort fand er Zugang zu den radikal-pietistischen Kreisen um Johann Jakob Schütz. Durch die Vermittlung von Philipp Jacob Spener lernte er Johann Bonaventura von Bodeck kennen, mit dem er von 1680 bis 1682 durch Europa reiste. 1682 gründete der Kreis um Schütz die „Frankfurter-Land-Kompagnie“, in deren Auftrag Pastorius im August 1683 nach Philadelphia reiste, um in Pennsylvania für die Gesellschaft Land anzukaufen.

Als am 6. Oktober 1683 statt der erhofften Freunde aus Frankfurt 13 Quäker-Familien aus Krefeld im Hafen von Philadelphia eintrafen, organisierte Pastorius für diese Gruppe dennoch den Landerwerb von 61 Quadratkilometer. Pastorius förderte als erstes die Leinentextilindustrie, die zur Lebensgrundlage der Siedler in Germantown wurde. Zwar blieb er ein Leben lang Lutheraner, hegte jedoch durchaus Sympathien für die Ansichten und Praktiken der Quäker. Germantown war die erste amerikanische Gemeinde, die sich ausschließlich aus deutschen Siedlern zusammensetzte.

Ein Grundstück für jede Familie

Die Grundstücke der Siedler wurden entlang der Hauptstraße parzelliert, der heutigen „Germantown Avenue“. Dabei handelt es sich um den ursprünglichen Indianerpfad, der die Siedlung mit Philadelphia verband. Mit den Indianern betrieben die Quäker ausgiebigen Handel. Am 24. Oktober 1683 wurde das Stadtgelände der deutschen Siedlung von Penns Landvermessern angelegt. 14 Lose wurden unter der Leitung von Pastorius vermessen. Am 25. Oktober wurden diese Landstriche durch Lotterie aufgeteilt, eine für jede der 13 Familien und für Pastorius. Dieses Datum wurde zum akzeptierten Gründungsdatum von Germantown. Pastorius legte das Dorf so an, dass alle Häuser zum gegenseitigen Schutz und zur gegenseitigen Unterstützung entlang der Hauptstraße gebaut werden konnten. Alle Grundstücke hatten Zugang zu Bächen als Wasserquellen.

Eine Plakette am Wohnhaus von Franz Daniel Pastorius erinnert an den Gründer von Germantown. Foto: Bodo Bost

William Penn erteilte Germantown 1689 Stadtrechte. Fast ein Vierteljahrhundert lang hatte die kleine Stadt eine eigene deutsche Verwaltung. Der Jurist Pastorius war nicht nur Bürgermeister, sondern auch Richter. 1687 wurde er in das Parlament von Pennsylvania gewählt, dem er bis 1691 angehörte. Der Gründer baute ein Kirche und eine Schule, und war zeitlebens auch ein produktiver Schriftsteller: 1688 heiratete er Anneke Klostermann, mit der er zwei Söhne zeugte.

Pastorius war auch ein leidenschaftlicher Gegner der Sklaverei. Er verfasste 1688 die erste Petition gegen die Sklaverei in Amerika überhaupt, was ihm bis heute einen Platz in den US-Geschichtsbüchern sichert. Drei Siedler schlossen sich ihm an: Garret Hendricks, Dirck und Abraham Op den Graff. Ihre Petition beruhte auf der goldenen Regel der Bibel: „Tu anderen, was du von ihnen erwarten würdest.“ Sie forderten auch ihre englischen Quäkerfreunde auf, die Sklaverei abzuschaffen. Jedoch behaupteten englische Quäkerbauern, die Sklaven besaßen, darunter sogar William Penn, dass Sklaverei ein normaler Zustand und für den kommerziellen Erfolg notwendig sei. Pastorius hingegen argumentierte, dass jeder Mensch universelle Menschenrechte besitzt, die nicht verletzt werden sollten.

Einsatz für eine zivilisierte Gesellschaft

Die Frage der Sklaverei störte eine Zeit lang den Frieden zwischen deutschen und englischen Quäkergemeinden. Erst 1776 verbot eine Proklamation der Quäker in Philadelphia den Besitz von Sklaven. Ein Gesetz zur schrittweisen Abschaffung der Sklaverei wurde 1780 vom Parlament in Pennsylvania verabschiedet, die Sklaverei in der gesamten USA wurde jedoch erst nach dem Bürgerkrieg 1865 abgeschafft. Die Anti-Sklaverei-Petition der deutschen Quäker geriet zwischenzeitlich in Vergessenheit – ehe sie 1844 wiederentdeckt und Teil der abolitionistischen Bewegung in den USA wurde. Auf dem eingangs erwähnten Denkmal zum Gedenken an die deutschen Siedler ist Pastorius selbst nicht direkt abgebildet. Stattdessen ist eine Figur zu sehen, die für die Zivilisation steht. Sie hält die Lampe des Wissens in der Hand und wacht über die menschliche Arbeit, den Krieg und die Gerechtigkeit – klare Anspielungen also auf Pastorius. Vier am Denkmal angebrachte Marmortafeln nehmen Bezug auf Pastorius und sein Lebenswerk.

Eine der Tafeln enthält eine Widmung der deutschen Beteiligung an Amerikas Kriegen. Gerade diese Widmung war schon fast prophetisch, denn mit dem Kriegseintritt der USA 1917 und im Zweiten Weltkrieg 1941 stand die Hauptlast des deutsch-amerikanischen Kriegsbeitrags auf amerikanischer Seite noch bevor. Obwohl der aus Deutschland stammende Künstler Albert Jaegers das Denkmal bereits 1917 fertiggestellt hatte, verzögerte der Kriegseintritt der USA gegen Deutschland im Ersten Weltkrieg die Installation bis 1922.

Die Petition gegen die Sklaverei ist, zumindest was Germantown betrifft, schon lange in Erfüllung gegangen. Außer in einem mit sehr hohen Mauern eingezäunten Grundstück für eine Seniorenresidenz leben heute in Germantown, das ein Stadtteil von Philadelphia geworden ist, keine Nachkommen der deutschen Auswanderer mehr. Die erste deutsche Stadt in der Neuen Welt gehört heute zu den überwiegend von Afroamerikanern bewohnten neuen Wohngebieten von Philadelphia, auch die Quäker und die lutherische Gemeinde in Germantown haben aufgehört zu existieren. Ihre Gebäude und Friedhöfe stehen zum Verkauf.