Wieliczka/Polen

Eine Prise Polen

Die Mitgift macht'?s! Hätte Braut Kunigunde nicht die richtige Aussteuer gewählt, gäbe es im polnischen Wieliczka keinen salzigen Papst und kein Wellness im Bergwerk. Goethe wäre wohl niemals dorthin gereist, und Polen hätte einen Weltkulturerbe-Titel weniger.

Salzbergwerk Wieliczka
Tief unter der Erde von Wieliczka ritzten die Bergleute Reliefs wie „Das letzte Abendmahl“ in die Stollenwände. Foto: Nicole Quint

Ob man sich für das letzte Abendmahl Überstunden aufschreiben durfte? Während der regulären Arbeitszeit blieb den Bergleuten bestimmt keine Zeit, und so mussten sie vermutlich ihre Freizeit opfern, um tief unter der Erde von Wieliczka alte Abraumkammern in Kapellen zu verwandeln, Altäre und Heiligenstatuen aus Steinsalz zu hauen oder um Reliefs wie „Das letzte Abendmahl“ in Stollenwände zu schnitzen.

Unterirdische Gebetsräume für die Bergwerkkumpel

Die Polen waren eben schon immer tiefkatholisch und fromm – auch unter Tage. Damit sie zum Beten nicht extra nach oben fahren mussten, schufen die Kumpel unterirdische Gebetsräume, die sie zunächst mit hölzernen Kreuzen und Statuen dekorierten. Nach einem verheerenden Brand verbot die Bergwerksleitung alle leicht brennbaren Gegenstände, und es schlug die Stunde der Salzbildhauer.

Wird schon recht grob geraten sein, was sich die Bergmänner da zusammengehauen haben, unken skeptische Erstbesucher beim Kauf der Eintrittskarten. Feingefühl und Kunstsinn traut man Kumpels einfach nicht zu, die im Schein der Talglampen durch Flöze krochen. Mit Hammer und Eisenkeil lösten sie das Steinsalz, formten es zu massigen Walzen und schafften es danach auf Schlitten zu den Sammelstellen. Generationen von Bergarbeitern höhlten so hallengroße Abbaukammern aus.

300 Kilometer Stollenlabyrinth, verteilt auf neun Sohlen, schlugen sie aus dem Gestein und gruben sich bis in eine maximale Tiefe von 325 Metern. Ihren Arbeitsplatz erreichten sie über in Stein gehauene schmale Stiegen oder per „Todesfahrt“. So genannt, weil die Männer in den Schlingen eines Seils sitzend in die Tiefe gelassen wurden, immer in der Gefahr, abzustürzen oder gegen den Fels zu schlagen.

Kristallgrotten, Kapellen und smaragdfarbenen Salzseen

Komfortabler gelangen heutige Besucher des Bergwerks in die Tiefe. Bis auf 135 Meter steigen sie stabile Holztreppen hinunter und durch ein Gewirr an Gängen, vorbei an Galerien und gewaltigen Stützgewölben. Wer unterwegs die Blumenkohlröschen aus schimmerndem Salz zu sehr bewundert oder auffallend lange über die Salzstalaktiten und das dichte Flechtwerk aus Salzadern an den Wänden staunt, den mahnt der Bergwerksführer: „Bitte nicht daran lecken!“ Ein überflüssiger Hinweis.

Bei einer Millionen Besuchern im Jahr reicht die Fantasie, um sich vorzustellen, wie viele den Salztest mit schleckender Zunge bereits gemacht haben. Eine unbeleckte Stelle ließe sich aber durchaus finden, denn die riesige Anlage erstreckt sich weit über Wieliczkas Stadtgrenzen hinaus. Auf alten Bergmannskarten sind über 2 000 Abbaukammern eingezeichnet, und jede dieser Kammern musste abgestützt werden. Ganze Wälder haben Zimmermänner hier unten verbaut. Das gewaltige Holzgehäuse der Michalowice-Kammer ragt 35 Meter in die Höhe und gleicht mit seinen Säulen, Treppen und Galerien den Strebwerken gotischer Kathedralen. Jeder Besucher wird hier klein, still und auch ein wenig fromm. Die Welt der Stollen und Flöze fasziniert in jedem Bergwerk. Von der Wieliczka-Mine mit ihren Kristallgrotten, Kapellen und smaragdfarbenen Salzseen geht jedoch eine märchenhafte Kraft aus.

Märchenhaft auch die Geschichte, die uns die Salzsteinskulpturen in der Janowice-Kammer erzählen. Mitte des 13. Jahrhunderts wählt sich der polnische Herzog Boleslaw die ungarische Königstochter Kunigunde (polnisch: Kinga) zur Braut und lässt durchblicken, dass ihm Salz als Mitgift sehr willkommen sei. Kunigunde erhält tatsächlich eine Salzmine, die allerdings in Ungarn liegt und dem salzarmen Polen somit nur indirekt hilft. Kunigunde überlegt nicht lang, wirft ihren Verlobungsring in die ungarische Salzgrube und hält Hochzeit. Kurz darauf lässt sie in ihrer neuen Heimat einen Schacht graben. Das Gestein, das die Arbeiter nach oben fördern, entpuppt sich als Salzkristall und birgt, oh Wunder – Kunigundes Ring. Die Salzlagerstätten von Wieliczka waren entdeckt. Und weil es ohne Kunigunde die Wieliczka-Mine nicht gäbe, widmeten die Bergleute ihr eine der alten Abbaukammern – die Kathedrale der Kunigunde.

Salzreliefs mit biblischen Motiven

Wer bislang noch keine Fotoerlaubnis erworben hat, kann dies kurz vor Erreichen der Kathedrale noch gegen Zahlung von zehn Zloty nachholen – letzte Chance. Wer die nicht nutzt und sich auch nicht von den „Wow“- und „My goodness“-Rufen verunsichern lässt, die durch den Gang hallen, der ändert seine Meinung im selben Moment, in dem er die Empore betritt. Kurzer Blick nach rechts unten und dann: Kehrtwende. Auch ohne Stativ muss man wenigstens versuchen, die Stimmung dieses Ortes einzufangen.

101 Meter unter der Erde. Cremiges Licht fällt auf glitzernde Wände und Decken – alle aus Salz, auch der Boden, der von den Schritten Millionen Besucher blank poliert wurde und glänzt wie edle Marmorfliesen. Selbst die riesigen Kronleuchter sind aus Salzkristall. 10 000 Kubikmeter Gestein hoben Bergmänner hier aus. 54 Meter lang, 17 Meter breit und zwölf Meter hoch ist die Halle. Wen die Salzsteinfiguren auf dem Weg hierhin noch nicht von der Kunstfertigkeit der Kumpel überzeugt haben, der leistet beim Anblick von Salzkanzel, Salzaltären und Salzstatuen Abbitte. Die meisten Werke stammen von den Brüdern Józef und Tomasz Markowski und von Antoni Wyrodek – alle drei Bergmänner. Alle drei ausgestattet mit Sinn für Formen, Kenntnissen in Physik und Anatomie und schöpferischem Talent.

Die Mühsal, der Dreck und die Gefahren der Minenarbeit sind in der Kathedrale unsichtbar. Aus dem Ort der Maloche entstand ein Ort der Ruhe und Einkehr, ein Platz jenseits aller Anstrengungen. Eine aus milchigen Schachtsalzblöcken gehauene Skulptur Christi glüht, dank geschickter Beleuchtung, scheinbar von innen heraus. Kunigunde blickt anmutig vom Hochaltar, und Salzreliefs mit biblischen Motiven zeigen Stationen im Leben von Jesus – die Krippe in Bethlehem, die Flucht nach Ägypten, die Hochzeit zu Kanaan oder die Auferstehung. Wyrodeks Meisterwerk aber ist die originalgetreue Nachbildung von Leonardo da Vincis „Das letzte Abendmahl“.

Salziges Abbild von Papst Johannes Paul II

Mit der Arbeit „Der ungläubige Thomas“ aus dem Jahr 1963 galt Kunigundes Kathedrale als vollendet. Platz für ein salziges Abbild von Papst Johannes Paul II. fand sich aber natürlich trotzdem, nachdem er Kunigunde im Jahr 1999 heiligsprach, und das nicht etwa, weil sie Polens oberste Salzlieferantin war, sondern weil sie ein Keuschheitsgelübde abgelegt hatte und es auch während ihrer Ehe mit Boleslaw nicht brach. Kunigundes Tugend und Schamgefühl dürften den für seine amourösen Verwicklungen bekannten Goethe kaum beeindruckt haben. Dennoch haben Wieliczkas Bergleute auch ihn zu Salz erstarren lassen und vor die Abbaukammer namens „Weimar“ gestellt. Warum? Die Salzmine im Süden Schlesiens hatte einen exzellenten Ruf im Europa des 18. Jahrhunderts, und weil der Herzog von Weimar hoffte, von Technik und Produktivität der Polen lernen zu können, sandte er eine offizielle Delegation nach Wieliczka, der auch sein Bergbauminister angehörte – kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe.

Noch größere Ehren erfuhr das Bergwerk rund 200 Jahre nach dem Besuch des Dichters. 1978 setzte es die UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes. Über 700 Jahre hatte man Wieliczkas Lagerstätte zu diesem Zeitpunkt ausgebeutet. Polens ältestes Unternehmen war ununterbrochen seit dem 13. Jahrhundert in Betrieb.

1996 wurde die Salzförderung eingestellt. „Szczêœc Bo¿e!“ – „Glückauf!“ wünscht man heute nur noch den Kurgästen. Die schwören auf die außergewöhnliche Reinheit der Bergwerksluft und ihre heilende Wirkung auf Atemwegs- und Hauterkrankungen. Ein Klima wie am Meer. Täglich fahren Patienten in den Berg ein, um in 135 Meter Tiefe Heilmassagen zu genießen, Gymnastik zu machen und neue Atemtechniken zu erlernen. Und damit das alles auch ganz sicher hilft, kann man vor Ort praktischerweise auch gleich Gott und die heilige Kunigunde um Beistand bitten.