Ein literarischer Rundgang durch Lissabon

Der Dichter und seine Stadt – Aus bitterer Einsamkeit entstand Weltliteratur – Spurensuche mit Fernando Pessoa

Das hat er nicht verdient. Tisch an Tisch mit fröhlich plappernden Touristen muss Fernando Pessoa (1888–1935) im Straßencafé von Lissabons Szenekneipe „A Brasileira“ für Familienalben posieren. In seinem Stammcafé bestellte der fast ohne menschliche Bindungen lebende Schriftsteller 1935 seine letzten Kaffees. Am 13. Juni 2008 wäre er 120 Jahre alt geworden.

Fotografiert zu werden hatte der Sonderling Zeit seines Lebens gehasst. Immerhin wird dem Literaten so wenigstens ein Schnappschuss lang Aufmerksamkeit zuteil. Wenn auch nur als Bronzefigur mit Mickey Maus Status. Lissabons Tourismusmanager scheint das der Ehre genug zu sein. Simone Klein nicht. Sie lässt Touristen die charismatische Stadt am Tejo mit den Augen von Fernando Pessoa sehen: „Ein Fremder hier wie an jedem Ort, zufällig im Leben wie in der Seele“, zitiert die Journalistin aus seinem „Buch der Unruhe“. Mit dem fragmentarischen Roman und dem protokollarischen Reiseführer „Mein Lissabon“ hat der Dichter seiner Stadt ein literarisches Denkmal gesetzt. Weltliteratur, entstanden aus Genie, Schwermut und bitterer Einsamkeit.

Traurige Fadomusik

Sommerabend in Lissabon. Von den sieben Hügeln klettert das blaue Dunkel hinab in die Gassen und vereint sich mit dem schummrigen Gelb der Straßenlaternen. Aus Kneipen klingt traurige Fadomusik. Das ist die Zeit, in der zwischen Alfama und Bairro Alto jene schmerzhaft süße Melancholie einkehrt, die dem Leser in Pessoas Buch begegnet. Vielleicht war es der weite Blick von der Rua de Sao Pedro de Alcantare über das Häusermeer hinüber zur Burg Sao Jorge, der ihn notieren ließ „unten vergeht das Leben, dieses halbe Nichts“. Pessoas Leben beginnt am Largo Sao Carlos im Herzen des Chiado-Viertels. „Dort“, zeigt Simone Klein gegenüber dem Nationaltheater auf den vierten Stock des Eckhauses vor der Kirche. Später soll Pessoa mehr als 30 Wohnungen in der Stadt bewohnt haben. Nicht immer war die Lage so attraktiv wie im Chiado oder am Largo do Carmo, wo er im Haus Nummer 18 wohnte. Der stille Platz vor dem Bogengerippe der Karmeliterkirche Igreja do Carmo gehört zu den stimmungsvollsten Orten im Bairro Alto. Hier wie auf der anderen Seite in der Alfama ist der morbide Charme des alten Lissabons lebendig. Das „Buch der Unruhe“ jetzt aufblättern heißt auch, sich des romantischen Zaubers des Platzes zu berauben: „Ich gehe von hier fort, wie ich hergekommen bin – um Stunden älter, eine Wahrnehmung heiterer, einen Gedanken trauriger“, kommentiert der Meister der desillusionierenden Federstriche.

Von dem Platz sind es nur wenige Schritte bis zur Aussichtsplattform des Santa-Justa-Aufzugs, der die Ober- und Unterstadt miteinander verbindet. Aus fast 50 Meter Höhe huscht der Blick über das 180 Grad Panorama der Stadt, wandert über die blauen Wasser des Tejo, verweilt auf der gewaltigen Fassade der Kathedrale Sé, um sich dann irgendwo in den Straßen und Gassen des rot schimmernden Häusermeers zu verlieren. Dort unten zwischen dem Rossio-Platz und dem triumphalen Stadtzugang Praca do Comércio, wo alte Straßenbahnen in die Vergangenheit rumpeln, wo in kleinen Knopfläden voller Schubladen, in Apotheken mit Deckengemälden oder holzgetäfelten Buchgeschäften Requisiten aus Urgroßvaters Zeit die oft nur zimmergroßen Ladenräume möblieren, ist auch Pessoa stunden- und nächtelang umhergewandert.

Auch das 226 Jahre alte Café Martinho da Arcada am Praca do Comérico ist ein Zeitzeuge seiner Welt. Nach der Arbeit im Kontor diente es ihm an frühen Abenden als Schreibstube. Manchmal servierten Kellner ihm eines jener Fischgerichte, die noch heute die Küche des Lokals auszeichnen. Es scheint so, als erwarte man im Arkaden-Café die Rückkehr des Gastes. Der Tisch in der Ecke mit den Bildern des stets abwesend und verloren dreinschauenden Herrn mit Hut, Krawatte und dunklem Anzug ist für Gäste tabu.

Flatternde bunte Wäsche

Oder war es gar nicht Fernando Pessoa, der an diesem Platz schrieb: „Wir alle sind Buchhalter in einem Stoffgeschäft. Wir führen Buch und wir schließen die Bilanz, und immer spricht der unsichtbare Saldo gegen uns.“ Um seiner Einsamkeit zu entgehen, schuf sich der Dichter „dramatische Geschöpfe“: Alberto Caeiro, Álvaro de Campos, Ricardo Reis und Bernardo Soares. Die fiktiven Dichter stattete er mit eigenen Biografien, politischen Ansichten und Gefühlen aus. Die Namen setzte er sogar unter seine Arbeiten.

Simone Klein führt ihre Literatur-Scouts über das Stufengewirr in den Gassen der Alfama. Manchmal bleibt sie an einer Ecke unter flatternder bunter Wäsche stehen, nutzt den Schatten eines Baumes oder die Stille eines Platzes und liest aus Briefen und Gedichten. Am Largo das Portas do Sol, von dem man die Altstadt bis zur Tejomündung überblickt, bittet sie zum Einstieg in die Straßenbahnlinie 28. Auf der Fahrt hinaus zur Casa Pessoa nach Campo de Ourique, wo in der Rua Coelho da Rocha 16/18 im letzten Wohnhaus des Literaten ein Museum eingerichtet ist, poltert das historische Vehikel am Chiado am Café„A Brasileira“ mit der Pessoa-Stutue vorbei. Zwei Touristinnen umarmen die Plastik für ein schnelles Foto. Wie gesagt, das hat er nicht verdient. „Frauen sind eine gute Quelle für Träume, berühre sie nie“, hatte er zeitlebens gewarnt. Und daran hielt er sich.