Teheran

Ein geächtetes Land

Der Iran genießt im Westen nicht gerade den besten Ruf. Dabei trifft man im Land keineswegs auf islamistische Dämonie und Rückständigkeit von Jahrhunderten, sondern sehr häufig auf große Offenheit für Fremde bis hin zu herzlicher Gastfreundschaft.

Auf einer Tagesfahrt von Schiraz aus sind Relikte des antiken Perserreiches zu erleben – die teilweise sehr gut erhaltenen Reliefs des Palastes in Persepolis aus dem 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert. Foto: Heidemann

Aktuelle Szenarien rund um den Iran haben nichts Beruhigendes an sich – sei es, dass der Staat der Mullahs in wenigen Jahren die Atombombe bauen und zu einer globalen Gefahr heranwachsen könnte, sei es, dass die USA versuchen, mit militärischer Gewalt diese Entwicklung zu stoppen, und den Vorderen Orient endgültig im Chaos versinken lassen. Seit der Revolution von 1979 gilt Iran als Paria der Weltgemeinschaft; in der Tat ist seine Regierung für ihre Missachtung der Menschenrechte bekannt, bedroht die Existenz Israels und heizt die Konflikte der Region an. Ein völlig anderes Bild entsteht allerdings bei einem Besuch des Landes. Reisende stellen schnell fest, dass hier keineswegs islamistische Dämonie und Rückständigkeit von Jahrhunderten herrschen, sondern sehr häufig große Offenheit Fremden gegenüber, ja Zuvorkommenheit bis hin zu herzlicher Gastfreundschaft.

Meydan-e Imam ist UNESCO-Weltkulturerbe

Als einer der eindrucksvollsten Orte des gesamten Vorderen Orients gilt der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Platz Meydan-e Imam im Zentrum der Stadt Isfahan. Ihn säumen die Große und die Lotfollah-Moschee, der Palast Ali Qapu und das weitläufige Labyrinth des Basars. Vor dieser Kulisse aus Tausendundeiner Nacht kommen Besucher und Einheimische sehr leicht in Kontakt. Schüler, deren Hausaufgabe ein englisches Interview ist, gehen schüchtern auf Ausländer zu, andere scheinbare Passanten wiederum erweisen sich als gewitzte Geschäftemacher. Aber nicht selten ist es einfach nur Interesse am Fremden, das Anlass für ein Kennenlernen bietet. Sehr lebendig bleibt die Begegnung mit der Studentin Shirin (alle im Text vorkommenden Namen wurden von der Redaktion geändert) in Erinnerung. Shirin spricht fließend Englisch und Französisch und ließ sich auf ein Gespräch über Gott und die Welt ein – über die Situation im Iran, aber auch über das Leben in Europa, die Chancen durch Bildung bis hin zu den Unterschieden zwischen Islam und christlichem Glauben. Weltoffen und zugleich im schiitisch geprägten Islam verortet zu sein, dies bildet die beiden Grundkonstanten ihres Lebens, fern jeder religiösen Verbohrtheit.

Wer durch die Weiten Irans reist, wird bemerken, dass an den großen Straßen der Städte in kurzen Abständen Porträts der im Krieg gegen den Irak (1980–1988) gefallenen Soldaten hängen, deren Zahl in die Hunderttausende geht. Man wird diesen Krieg, der durch den Angriff Saddam Husseins ausgelöst wurde, sicher als nicht verarbeitetes nationales Trauma bezeichnen können. Insbesondere ist unvergessen geblieben, dass der Diktator Saddam Hussein Ende der achtziger Jahre Giftgas aus westdeutscher Produktion gegen die iranische Zivilbevölkerung einsetzte – und der Westen gegen ihn erst vorging, als er ihm selbst unbequem geworden war. Daraus erwuchs die Haltung des „Nie wieder“, was wiederum zu den Motiven für das fatale Atomprogramm samt den gegenwärtigen Reaktionen der politischen Führung gehören mag.

Wirtschaftssanktionen sind eine schwere Last

Die von den USA verhängten Wirtschaftssanktionen lasten schwer auf dem Iran und ziehen ihn ökonomisch in eine desaströse Abwärtsspirale. Die Währung Rial verfällt in rasantem Tempo, die ständig steigenden Preise treffen das Volk hart. Obwohl die Regierung ausgesprochen unbeliebt ist, scheint der Druck von außen eher einen Burgfrieden als eine erneute Revolution zu bewirken. „Wir sollten Trump dankbar sein, denn er hat uns daran erinnert, dass wir uns um uns selbst kümmern müssen, statt uns wie in der Schahzeit vom Ausland abhängig zu machen.“ Mit diesen Worten nimmt Geschäftsmann Mohammad die Jahrzehnte aufs Korn, als das Land unter der weithin verhassten Schahdiktatur politisch und wirtschaftlich von den USA gleichermaßen gestützt wie ausgebeutet wurde. Möglicherweise hätte es ohne diese Rolle Amerikas niemals eine „Islamische Revolution“ gegeben. Bekämpfen die USA womöglich seit 40 Jahren die Geister, die ihre eigene Politik mitgeschaffen hat?

Mitten in der Wüste liegt die zentraliranische Stadt Yazd – sie ist für die markante Lehmbauweise vieler ihrer Gebäude ebenso bekannt, wie für die Windtürme, die Häuser selbst bei großer Hitze angenehm temperieren. Herbergsvater Hossein zeigt zusammen mit seinem kleinen Sohn stolz ein Stofftuch, das Gäste aus zahlreichen Ländern für den Weltfrieden signiert haben. Frieden und unendliche Ruhe strahlt auch der Ateshkadeh aus, der Tempel der Zoroastrier in Yazd, der ein ewig brennendes Feuer als kultisches Zentrum birgt. Der Zoroastrismus ist eine alte iranische Religion, die auf Zoroaster oder Zarathustra zurückgeht und die Verehrung des Lichtgottes Ahura Mazda lehrt. Der Glaube hat eine stark ethische Dimension und soll seine Anhänger dazu leiten, sich in Gedanken, Worten und Taten dem Licht, dem Guten, zuzuwenden. Ein Gemeindeglied berichtet, dass die Zoroastrier ihre Religion weitgehend frei ausüben dürfen und auch einen Parlamentsabgeordneten nach Teheran entsenden. Schätzungen zufolge leben etwa 30 000 Zoroastrier im Land, allein rund 10 000 in Yazd.

Paradiesische Gärten, weitläufige Parkanlagen

In Schiraz, der Millionenmetropole des Südiran, bezaubern paradiesische Gärten den Besucher – so befinden sich die Grabmäler der persischen Nationaldichter Hafis und Saadi in weitläufigen Parkanlagen. Die Innenstadt hält zahlreiche Überraschungen parat, von kleineren Palästen mit üppiger Bepflanzung bis hin zum eindrucksvollen Mausoleum des Heiligen Schah Tscheragh. Auf einer Tagesfahrt von Schiraz aus sind Relikte des antiken Perserreiches zu erleben – die teilweise sehr gut erhaltenen Reliefs des Palastes in Persepolis aus dem 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert lassen diese untergegangene Welt erstaunlich lebendig erscheinen. Auch die Felsengräber der achämenidischen Herrscher in Naqsch-e Rostam wenige Kilometer weiter vermitteln eine Ahnung vom Geist dieses einstigen Imperiums. Der Betrachter mag sich fragen, ob die Weltoffenheit vieler in der rigiden Islamischen Republik aufgewachsener junger Menschen nicht ein Erbe des Perserreichs wie auch äußerer kultureller Einflüsse sein könnte, die im Laufe seiner langen Geschichte auf den Vielvölkerstaat eingewirkt haben. Oder bewahren sich die Iraner einfach nur ihre natürliche Neugier? Dabei tut der Staat vieles, um eine solche Neugier zu bremsen: Zahlreiche Verbote reglementieren den iranischen Alltag, um dafür umso häufiger gebrochen zu werden. Seien es der Genuss von Alkohol, Satellitenschüsseln, Facebook-Accounts oder der Besuch etlicher zensierter Webseiten, in der Praxis scheren sich viele Iraner wenig darum. Dies weiß Ramin, der ein Restaurant in Schiras betreibt, zu bestätigen: „Die Leute hier haben soviel Spaß wie in Europa oder sogar noch mehr. Aber es bleibt alles geheim und privat. Wer sich erwischen lässt, bekommt erhebliche Probleme.“ Dabei hat die Regierung durchaus ein Interesse daran, die verbreitete Unzufriedenheit im Land zu kanalisieren, und lässt die Menschen in gewissen Grenzen häufig gewähren. Die mühsam niedergeschlagenen Massenproteste im Zuge der „Grünen Bewegung“ 2009 zeigten, welches Potenzial an Dissens das Regime im Blick zu behalten hat, soll es nicht das Schicksal des Schahs vor 40 Jahren ereilen.

Abstecher nach Kurdistan

In Kurdistan, der letzten Station der Reise, ist manches anders als im übrigen Iran. Hier herrscht die sunnitische Glaubensrichtung des Islam vor und der Regierung im fernen Teheran begegnet man häufig mit noch mehr Distanz als andernorts. Die strengen Kleidungsvorschriften für Frauen werden so großzügig wie möglich interpretiert, wie Dilara, eine Medizinstudentin aus Mahabad, erläutert. Sie schildert weiter, dass die Kurden ihre Kultur in gewissen Grenzen leben dürfen, ihre Sprache jedoch nicht in den Schulen gelehrt wird. Was sich hier nicht vom schiitischen Iran unterscheidet, ist die geradezu unfassbare Gastfreundschaft – die Menschen tun nach alter persischer Tradition fast alles, um Besucher von den Vorzügen ihrer Heimat zu überzeugen. Vermutlich auch aus diesem Grunde ist Iran – sieht man von der gegenwärtigen Kriegsgefahr ab – ein ebenso imposantes wie sicheres Reiseland, das einen völlig anderen Eindruck als in unserer politischen Berichterstattung hinterlässt.