Die Geschichte des Skisports entdecken

Von „Trittlingen“ bis zu Jochen Behles Plakettensammlung: Im Skimuseum in Fischen kann man dem Ursprung des Skisports auf den Grund gehen. Von Karl-Heinz Wiedner

Wintersportler auf dem Fellhorn
Bis auf das Jahr 1891 lässt sich in der Allgäuer Gemeinde Fischen die Geschichte des Skisports zurückverfolgen, der sich auch heute noch größter Beliebtheit erfreut. Foto: dpa
Wintersportler auf dem Fellhorn
Bis auf das Jahr 1891 lässt sich in der Allgäuer Gemeinde Fischen die Geschichte des Skisports zurückverfolgen, der sich... Foto: dpa

Das seit mehr als 15 Jahren bestehende Skimuseum in der Allgäuer Gemeinde Fischen darf sich seit dem Jahr 2005 offiziell „FIS-Skimuseum“ nennen, nachdem der Internationale Skiverband „FIS“ dem Wintersportort die seltene Auszeichnung für vorbildliche Heimatverbundenheit, Gestaltung und Pflege des Museums verliehen hatte. Es ist eines von nur 29 Skimuseen weltweit. Der Grundstein für die einmalige Sammlung und Präsentation wertvoller Exponate wurde allerdings schon einige Zeit zuvor gelegt, wie man während einer Museumsführung durch Georg Larsch, 1. Vorsitzender des Museumsvereins, erfahren kann.

Bis auf das Jahr 1891 lässt sich in Fischen die Skigeschichte zurückverfolgen. Damals entdeckten Bauern aus Vorderburg am Fuße des Grünten am Morgen eines tief verschneiten Dezembertages eine geheimnisvolle Doppelspur im Tiefschnee. Quer durch die mit Schnee bedeckten Alpwiesen setzten sich die merkwürdigen Rillen fort, sodass ängstliche Bauern gar ein Ungeheuer, übelwollende Schrate oder unbekannte Riesentiere vermuteten. Vorsorglich beteten sie um Beistand durch Schutzpatrone, vor allem durch Maria. „Es dauerte lange, ehe der neue Aushilfslehrer Adalbert Ebner aus Petersthal zufällig als Verursacher der Spuren ausfindig gemacht wurde“, kramt Toni Vogler, inzwischen pensionierter Erster Bürgermeister von Fischen, aus seinem „volkskundlichen Wissenskästchen“ hervor. „Auf damals neumodischen Gleithölzern bewegte sich der Schulmeister zum Erstaunen der Einheimischen im Winter durch die ,weiße Pracht‘ von daheim zum Unterricht und hinterließ auf diese Weise die rätselhaften Spuren im Schnee.“ Der Lehrer ging als „Pionier in die Allgäuer Skigeschichte“ ein, obgleich bereits zuvor der Kemptener Alpenverein erste „Winterausflüge auf Nordischen Gleithölzern“ durchführte.

Kulturgeschichte im alten Bauernhof

Unzählige Ereignisse, bewusst nur auf die Allgäuer Skihistorie zurückgehend, „Trittlinge“ als Vorläufer der Skier, uralte und neue Sportgeräte, private Stiftungen sowie besondere, Aufsehen erregende Vorkommnisse, wie beispielsweise die erste Frau mit Rock auf Skiern im Jahr 1919, sollten in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts dokumentiert werden. Vielen berühmten Sportlern zollte man Dank für ihre Leistungen und wollte ihnen ein Denkmal setzen. Das war nur im Rahmen eines bald darauf gegründeten Museums zu verwirklichen.

Auf langer Suche nach einem geeigneten Gebäude stießen engagierte, heimatverbundene und vom Skisport begeisterte Menschen aus Fischen auf ein in der Ortsmitte stehendes, typisches Allgäuer Anwesen. Es handelte sich um das geschichtlich bedeutsame „Gschwenderhaus“ aus dem 17. Jahrhundert. Unter Vorsitz des früheren Ersten Bürgermeisters Toni Vogler und in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Fischen und vielen ehrenamtlichen Helfern nahm zur Jahrtausendwende ein Förderverein die Arbeit auf, um das Skimuseum im Allgäu zu gründen. Grundgedanke war, Einheimische und die immer zahlreicher nach Fischen reisenden „Sommerfrischler“, vor allem aber die vielen Wintertouristen, ganzjährig durch die Geschichte des Wintersports begleiten zu können.

Das Wintersportmuseum fand in Fischen im Allgäu ab 1990 unter Leitung des Fördervereins und mit dem Wohlwollen der Gemeindeverwaltung zusehends rasch sein Zuhause. Mit einer angekauften, bescheidenen Privatsammlung begann am 3. Mai 1994 feierlich der erste Start in den Räumen des „Kurhauses Fiskina“. Das Museum wuchs zusehends, so dass für ständig neue Exponate kaum noch Platz vorhanden war. Kurze Zeit später pachtete deshalb die Gemeinde 1998 das Gschwenderhaus langfristig an. „In der Ortsmitte entstand damit ein räumlich sehr ausgedehntes, ansprechendes Skimuseum mit Heimathaus, das Tradition und Vergangenheit für heute und morgen bewahrt und bald mit einem Preis des Bezirks Schwaben ausgezeichnet wurde“, so Georg Larsch. Der überaus sachkundige Vereinsvorsitzende, bildender Künstler von Beruf, lädt gegenwärtig jährlich weit über 2 000 Besucher zum geführten Rundgang durch die Sammlung ein.

Unzählige Exponate erwarten die Besucher und erzählen jeweils ihre eigene Geschichte. „Das Skimuseum wird laufend auf den neuesten Stand gebracht“, darauf ist Larsch besonders stolz. Privatleute wie auch Sportler oder deren Angehörige spenden unzählige Exponate für das Heimathaus mit Schwerpunkt FIS-Skimuseum. „Das allerdings lässt unser Lager im Keller erneut wachsen, wodurch wir andererseits jedoch in der Lage sind, für besondere Anlässe, Festlichkeiten, Sportlertreffen und Sonderausstellungen Leihgaben zur Verfügung stellen zu können“, betont der Vorsitzende. „Uns wurde sogar schon mal eine Pistenwalze für die Sammlung angeboten, was wir aber wegen Platzmangels dankend ablehnen mussten, berichtet Georg Larsch mit schelmischem Augenzwinkern. Durch Absprache mit der Gemeinde, der das Museum auch touristisch sehr viel wert ist, wird von Besuchern erfreulicherweise kein Eintritt erhoben.

Olympiasieger, Weltmeister und bekannte Sportler sowie Trainer und Funktionäre treffen sich in den Räumlichkeiten oft nach Einladung durch das Museum oder auf Initiative bekannter Skiläufer, „was dann oft zu einem schönen „Hock“ führt, wie es heißt. „Dazu kommen dann oft noch der Weltmeister von Oberstdorf mit seinen Kumpels und Skispringer aus anderen Regionen des Allgäus, die auch Jubiläen hier feiern.“ Im Gespräch sind Namen wie Toni Innauer als Berater, der Trainer Jochen Behle oder die Gebrüder Heimhuber, die beide offizielle Oberallgäuer Skipioniere sind, weil sie 1901 die erste Winterbesteigung aufs Nebelhorn machten. Zu Ehren vieler Pioniere aus längst vergangenen Zeiten sind im Museum eigene Vitrinen aufgestellt, die auch aus heutiger Sicht immer Gesprächsstoff liefern.

Neben bekannten Skisportlern aller Disziplinen, wie beispielsweise Biathlet Michael Greis aus Nesselwang, Heidi Biebl als einst mit 19 Jahren jüngste Goldmedaillengewinnerin der Wettkämpfe 1960 in Squaw Valley, der ehemalige Skilangläufer Tobias Angerer, die Oberallgäuer Skipioniere aus der Familie Heimhuber und deren Skistöcke aus Haselholz, das legendäre Sportidol Toni Brutscher, der auf langen Sprungskiern 1949 an der einstigen Mühlenschanze in Fischen mit 52 Metern einen Schanzenrekord aufstellte, finden unzählige andere im Allgäuer FIS-Skimuseum einen ihnen gebührenden Platz.

Gut gepflegt und auf dem neuesten Stand

„Unser bedeutsames Museum wird Jahr für Jahr auf den neuesten Stand gebracht“, beweist der Vereinsvorsitzende mit uralten und neuesten Exponaten der letzten Saison. „Privatleute aus dem Allgäu, Skilehrer und Nationaltrainer spenden Ausstellungsstücke ebenso wie viele Oberallgäuer Skipioniere und deren Nachkommen. Oft kommt man bei Sportlertreffen auf die Geschichte der Heimhuber-Familie und deren Skistöcke aus Haselholz mit Aluteller zu sprechen oder bewundert die aus einer Privatsammlung stammenden 160 Jahre alten Skier, mit denen das Museum gegründet wurde.

Bis in die Jungsteinzeit reicht die Zeittafel der Entwicklung des Wintersports im Fischener Museum zurück. Seinerzeit benutzte man zum Abspalten sogenannter „Gleitscheite“ ein Steinbeil. Erinnert wird an anderer Stelle an chinesische Aufzeichnungen über Skiwettkämpfe und dem historischen Skilauf des Königs Gustav Wasa von Schweden, der 1521 „auf zwey hülzern Brettlein“ seinen Widersachern entkam, bis zum Schneelauf des Turnvater Gutsmuths sowie die Grönlandexpedition von Nansen.

Während des Rundgangs stößt man auf die Geschichte des Sportlers Erich Sanktjohannser aus Kaufbeuren, der früher das Alpinmuseum in Kempten betreute. Zu bestaunen sind die ersten Fabrikskier aus dem Jahr 1910. Der Olympiaraum mit Originalkleidung der Sportler und stimmigen Infos spiegelt die Neuzeit wider. Viel zu erzählen hat im Museum die komplette Sammlung der Plakate von allen Olympischen Winterspielen, darunter das offizielle deutsche Plakat von 1936, obwohl man die Spiele aus politischen Gründen abgesagt hatte.

Ein Schwerpunktthema ist das Skispringen, wobei bekannte Skigrößen wie Ronny Ackermann ihre gebrauchten Skier für Museumszwecke hinterließen. „Die Zeit, in der Skier noch repariert wurden, ist längst vorbei“, erklärt Georg Larsch beim Gang durch eine im Original erhaltene Skiwerkstatt vergangener Zeiten. „Die Sportler haben heutzutage ihren Servicewagen mit Ersatzskiausrüstung dabei. Rohlinge und unzählige Werkzeuge, das Zieheisen oder der „Bschniedesel“ und der gusseiserne Herd, auf dem früher ständig heißes Wasser zum Biegen von Skispitzen brodelte oder der übelriechende Holzleim erhitzt wurde, sind längst Museumsgeschichte“.

Langweilig wird ein Besuch des FIS-Skimuseums Fischen keineswegs. Man kann dem Ursprung dieser Sportart auf den Grund gehen, sieht Skistöcke aus Bambus mit einer Wurzel als Knauf aus der Kolonialzeit oder kann anschaulich nacherleben, wie ein Postbote mit lederner Posttasche zweimal in der Woche große Strecken von Fischen nach Balderschwang, anfangs zu Fuß, später unbequemer bei Schnee auf Skiern zurückzulegen hatte.

Aus dem „Buch der Skigeschichte“, wie das Museum als Speicher vieler Sportereignisse genannt werden kann, erfährt der Besucher, dass vor einiger Zeit die Langlauflegende Jochen Behle, bis 2012 Trainer der deutschen Langläufer, seine komplette Sammlung an DSV-Plaketten für gewonnene Deutsche Meisterschaften dem Museum zur Ausstellung übergab.

Die FIS-Mitgliedschaft bringt den Vorteil, dass die ehrenamtlich tätigen Vereinsmitglieder über alle Sportvorhaben von der FIS informiert werden, um das „lebendige Museum“ zu fördern. Darüber wacht vermeintlich als Talisman der auf Skiern laufende Schutzpatron aller Skiläufer, der als „Uli“ oder „Uller“ im Museum erhältlich ist und Glück bringen soll.

Skimuseum Fischen – Telefon: 083 26/ 23-9